Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek
Ioannes Paulus PP. II
Novo Millennio

IntraText CT - Text

  • IV
    • 50
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen auszublenden

50. In unserer Zeit gibt es in der Tat so viel Not und Elend, das sich fragend und mahnend an die christliche Einfühlungskraft wendet. Unsere Welt beginnt das neue Jahrtausend mit einer Last. Sie ist beladen mit den Widersprüchen eines wirtschaftlichen, kulturellen und technologischen Wachstums, das einigen wenigen Begünstigten große Möglichkeiten bietet, während es Millionen und Abermillionen Menschen vom Fortschritt ausgrenzt, die sich statt dessen mit Lebensbedingungen herumschlagen müssen, die weit unter dem liegen, was man der Menschenwürde schuldig ist. Kann es tatsächlich möglich sein, daß es in unserer Zeit noch Menschen gibt, die an Hunger sterben? Die dazu verurteilt sind, Analphabeten zu bleiben? Denen es an der medizinischen Grundversorgung fehlt? Die kein Haus, keine schützende Bleibe haben?

Der Schauplatz der Armut läßt sich unbegrenzt ausweiten, wenn wir zu den alten die neuen Formen der Armut hinzufügen, die häufig auch die Milieus und gesellschaftlichen Gruppen betreffen, die zwar in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mittellos sind, sich aber der sinnlosen Verzweiflung, der Drogensucht, der Verlassenheit im Alter oder bei Krankheit, der Ausgrenzung oder sozialen Diskriminierung ausgesetzt sehen. Der Christ, der auf dieses Szenarium blickt, muß lernen, seinen Glauben an Christus in der Weise zu bekennen, daß er den Appell, den Christus von dieser Welt der Armut aussendet, entschlüsselt. Es geht um die Weiterführung einer Tradition der Nächstenliebe, die schon in den zwei vergangenen Jahrtausenden unzählige Ausdrucksformen gefunden hat, die aber in unseren Tagen vielleicht noch größeren Einfallsreichtum verlangt. Es ist Zeit für eine neue »Phantasie der Liebe«, die sich nicht so sehr und nicht nur in der Wirksamkeit der geleisteten Hilfsmaßnahmen entfaltet, sondern in der Fähigkeit, sich zum Nächsten des Leidenden zu machen und mit ihm solidarisch zu werden, so daß die Geste der Hilfeleistung nicht als demütigender Gnadenakt, sondern als brüderliches Teilen empfunden wird.

Daher muß es uns gelingen, daß sich die Armen in jeder christlichen Gemeinde wie »zu Hause« fühlen. Wäre dieser Stil nicht die großartigste und wirkungsvollste Vorstellung der Frohen Botschaft vom Reich Gottes? Ohne diese durch die Liebe und das Zeugnis der christlichen Armut vollzogene Weise der Evangelisierung läuft die Verkündigung, die auch die erste Liebestat ist, Gefahr, nicht verstanden zu werden oder in jenem Meer von Worten zu ertrinken, dem die heutige Kommunikationsgesellschaft uns täglich aussetzt. Die Liebe der Werke verleiht der Liebe der Worte eine unmißverständliche Kraft.




zurück - vor

Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek

Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC
IntraText® (V89) - Some rights reserved by EuloTech SRL - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License