50. In unserer Zeit gibt es in der
Tat so viel Not und Elend, das sich fragend und mahnend an die christliche
Einfühlungskraft wendet. Unsere Welt beginnt das neue Jahrtausend mit
einer Last. Sie ist beladen mit den Widersprüchen eines wirtschaftlichen,
kulturellen und technologischen Wachstums, das einigen wenigen
Begünstigten große Möglichkeiten bietet, während es
Millionen und Abermillionen Menschen vom Fortschritt ausgrenzt, die sich statt
dessen mit Lebensbedingungen herumschlagen müssen, die weit unter dem
liegen, was man der Menschenwürde schuldig ist. Kann es tatsächlich
möglich sein, daß es in unserer Zeit noch Menschen gibt, die an
Hunger sterben? Die dazu verurteilt sind, Analphabeten zu bleiben? Denen es an
der medizinischen Grundversorgung fehlt? Die kein Haus, keine schützende
Bleibe haben?
Der Schauplatz der Armut läßt sich unbegrenzt ausweiten, wenn wir
zu den alten die neuen Formen der Armut hinzufügen, die häufig auch
die Milieus und gesellschaftlichen Gruppen betreffen, die zwar in
wirtschaftlicher Hinsicht nicht mittellos sind, sich aber der sinnlosen
Verzweiflung, der Drogensucht, der Verlassenheit im Alter oder bei Krankheit,
der Ausgrenzung oder sozialen Diskriminierung ausgesetzt sehen. Der Christ, der
auf dieses Szenarium blickt, muß lernen, seinen Glauben an Christus in
der Weise zu bekennen, daß er den Appell, den Christus von dieser Welt
der Armut aussendet, entschlüsselt. Es geht um die Weiterführung
einer Tradition der Nächstenliebe, die schon in den zwei vergangenen
Jahrtausenden unzählige Ausdrucksformen gefunden hat, die aber in unseren
Tagen vielleicht noch größeren Einfallsreichtum verlangt. Es ist
Zeit für eine neue »Phantasie der Liebe«, die sich nicht so sehr und nicht
nur in der Wirksamkeit der geleisteten Hilfsmaßnahmen entfaltet, sondern
in der Fähigkeit, sich zum Nächsten des Leidenden zu machen und mit
ihm solidarisch zu werden, so daß die Geste der Hilfeleistung nicht als
demütigender Gnadenakt, sondern als brüderliches Teilen empfunden
wird.
Daher muß es uns gelingen, daß sich die Armen in jeder
christlichen Gemeinde wie »zu Hause« fühlen. Wäre dieser Stil nicht
die großartigste und wirkungsvollste Vorstellung der Frohen Botschaft vom
Reich Gottes? Ohne diese durch die Liebe und das Zeugnis der christlichen Armut
vollzogene Weise der Evangelisierung läuft die Verkündigung, die auch
die erste Liebestat ist, Gefahr, nicht verstanden zu werden oder in jenem Meer
von Worten zu ertrinken, dem die heutige Kommunikationsgesellschaft uns
täglich aussetzt. Die Liebe der Werke verleiht der Liebe der Worte
eine unmißverständliche Kraft.
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