Reinigung des Gedächtnisses
6. Um einen klareren Blick für die Betrachtung des Geheimnisses zu
bekommen, war dieses Jubiläumsjahr stark von der Bitte um Vergebung gekennzeichnet.
Das galt nicht nur für die einzelnen, die sich in bezug auf ihr eigenes
Leben befragten, um Erbarmen zu erflehen und das besondere Geschenk des
Ablasses zu erhalten, sondern für die ganze Kirche, die an die
Treulosigkeiten erinnern wollte, mit denen viele ihrer Söhne und
Töchter im Laufe der Geschichte Schatten auf ihr Antlitz als Braut Christi
geworfen hatten.
Auf diese Gewissensprüfung haben wir uns lange vorbereitet. Dabei waren
wir uns bewußt, daß die Kirche, die in ihrem eigenen Schoß
Sünder umfaßt, »zugleich heilig ist und stets der Reinigung
bedürftig«.4 Wissenschaftliche Tagungen haben uns geholfen, jene
Aspekte scharf zu umreißen, wo der Geist des Evangeliums im Laufe der
ersten zwei Jahrtausende nicht immer glänzte. Wie könnte ich den ergreifenden
Gottesdienst vom 12. März 2000 vergessen, bei dem ich in der
Petersbasilika, den Blick fest auf den Gekreuzigten gerichtet, gleichsam zur
Stimme der Kirche geworden bin und die Vergebungsbitte für die Sünde
aller ihrer Söhne und Töchter geleistet habe? Diese »Reinigung des
Gedächtnisses« hat unsere Schritte auf dem Weg in die Zukunft
gestärkt, indem sie uns zugleich demütiger und wachsamer macht in
unserem Festhalten am Evangelium.
|