»Welchen
ihr die Sünden nachlaßt«
29.
Die erste grundlegende Wirklichkeit erkennen wir aus den heiligen Büchern
des Alten und Neuen Testamentes: die Barmherzigkeit Gottes und seine Vergebung.
In den Psalmen und in der Verkündigung der Propheten wird Gott wohl am
häufigsten als der Barmherzige bezeichnet, ganz im Gegensatz zu dem
hartnäckigen Vorurteil, nach welchem der Gott des Alten Testamentes vor
allem streng und strafend erscheint. So ruft uns unter den Psalmen ein langes
Weisheitslied, das aus der Tradition des Exodus schöpft, das gnädige
Handeln Gottes inmitten seines Volkes in Erinnerung. Selbst in seiner
menschlichen Darstellungsweise ist dieses Handeln Gottes wohl eine der
ausdrucksstärksten alttestamentlichen Aussagen über die
göttliche Barmherzigkeit. Es mag hier genügen, die folgenden Verse zu
zitieren: « Er aber vergab ihnen voll Erbarmen die Schuld und tilgte sein Volk
nicht aus. Oftmals ließ er ab von seinem Zorn und unterdrückte seinen
Groll. Denn er dachte daran, daß sie nichts sind als Fleisch, nur ein
Hauch, der vergeht und nicht wiederkehrt ».(157)
Als
dann in der Fülle der Zeiten der Sohn Gottes kommt als das Lamm, das die
Sünde der Welt hinwegnimmt und selber trägt,(158)
erscheint er als derjenige, der Vollmacht hat, zu richten(159) und
Sünden zu verzeihen,(160) als einer, der kommt, nicht um zu
verurteilen, sondern um zu verzeihen und zu heilen.(161)
Diese
Vollmacht, von den Sünden zu lösen, verleiht Christus durch
Vermittlung des Heiligen Geistes auch an einfache Menschen, die selbst den
Nachstellungen der Sünde ausgesetzt sind, an seine Apostel: »Empfangt den
Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr
die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert«.(162) Das ist eine
der erstaunlichsten Neuheiten des Evangeliums! Er teilt diese Vollmacht den
Aposteln zugleich mit - wie es die Kirche von ihren frühesten
Anfängen her verstanden hat - als übertragbar an ihre Nachfolger,
denen von den Aposteln selbst die Sendung und Verantwortung anvertraut wurde,
die Verkündigung des Evangeliums und den Dienst am Erlösungswerk
Christi fortzusetzen.
Hier
zeigt sich in ihrer ganzen Größe die Gestalt dessen, der das
Bußsakrament verwaltet und nach ältestem Brauch oft Beichtvater
genannt wird.
Wie
bei der Feier der Eucharistie am Altar und bei jedem anderen Sakrament handelt
der Priester auch als Verwalter des Bußsakramentes »in der Person
Christi«. Christus, der durch den Priester gegenwärtig gesetzt wird und
durch ihn das Geheimnis der Sündenvergebung wirkt, erscheint als der Bruder
des Menschen,(163) als barmherziger, treuer und mitfühlender
Hoherpriester,(164) als Hirt, der entschlossen ist, das verlorene Schaf
zu suchen,(165) als Arzt, der heilt und stärkt,(166) als
einziger Meister, der die Wahrheit lehrt und die Wege Gottes
aufzeigt,(167) als Richter der Lebenden und der Toten,(168) der
nach der Wahrheit und nicht nach dem Augenschein richtet.(169)
Ohne
Zweifel ist dieser Dienst des Priesters der schwierigste und delikateste, der
am meisten ermüdet und die höchsten Anforderungen stellt; zugleich
aber ist er auch eine seiner schönsten und trostreichsten Aufgaben. Eben
darum und auch wegen des nachdrücklichen Aufrufs der Synode werde ich
nicht müde, meine Brüder, Bischöfe und Priester, zu einer treuen
und sorgfältigen Erfüllung dieses Dienstes zu ermahnen.(170)
Gegenüber dem Gläubigen, der ihm sein Gewissen in einer Mischung von
Angst und Vertrauen eröffnet, ist der Beichtvater zu der hohen Aufgabe
berufen, diesen zu Buße und menschlicher Versöhnung zu führen.
Er muß die Schwächen und das Versagen des Gläubigen erkennen,
sein Verlangen nach Besserung und sein Bemühen darum richtig bewerten, das
Wirken des heiligmachenden Geistes im Herzen des Beichtenden aufspüren und
ihm eine Vergebung zusprechen, die nur Gott zu gewähren vermag; er
muß seine Wiederversöhnung mit Gott, dem Vater, »feiern«, wie sie im
Gleichnis vom verlorenen Sohn versinnbildet ist, den von seiner Schuld
befreiten Sünder wieder in die kirchliche Gemeinschaft der Brüder und
Schwestern aufnehmen und ihn väterlich und bestimmt, ermutigend und
freundschaftlich ermahnen: »Sündige von jetzt an nicht mehr«.(171)
Zur
wirksamen Erfüllung eines solchen Dienstes muß der Beichtvater
unbedingt mit besonderen menschlichen Qualitäten ausgestattet sein:
Klugheit, Diskretion, Unterscheidungsgabe, sanfte Festigkeit und Güte.
Darüber hinaus bedarf er einer seriösen und gründlichen, nicht
nur bruchstückhaften, sondern vollständigen und harmonischen
Vorbereitung in den verschiedenen Bereichen der Theologie, in der
Pädagogik und der Psychologie, in den Methoden der
Gesprächsführung und vor allem in der lebendigen und
mitteilungsfähigen Kenntnis des Wortes Gottes. Aber noch dringlicher ist,
daß er ein tiefes und echtes geistliches Leben führt. Um andere auf
den Weg der christlichen Vollkommenheit zu bringen, muß der Verwalter des
Bußsakramentes selbst zuerst diesen Weg gehen und mehr durch Taten
als mit wortreichen Reden unter Beweis stellen, daß er wirklich erfahren
ist im gelebten Gebet, in der Übung der theologischen und sittlichen
Tugenden des Evangeliums, im treuen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes,
in der Liebe zur Kirche und in der Befolgung ihres Lehramtes.
Diese
Ausstattung mit menschlichen Gaben, christlichen Tugenden und pastoralen
Fähigkeiten kann man nicht aus dem Stegreif besitzen oder ohne Anstrengung
erwerben. Für den Dienst des Bußsakramentes muß jeder Priester
schon vom Seminar an vorbereitet werden durch das Studium der Dogmatik, der
Moraltheologie, der Spiritualität und der Pastoraltheologie (Fächer,
die stets nur eine Theologie bilden), dazu die Humanwissenschaften, die
Methoden der Gesprächsführung, vor allem des pastoralen
Gesprächs. Ferner muß er in seine ersten Erfahrungen als Beichtvater
eingeführt und darin begleitet werden. Durch ständiges Studium soll
er sich um seine eigene Vervollkommnung und eine zeitgemäße
Weiterbildung bemühen. Welch großen Schatz an Gnade, echtem Leben
und geistlicher Ausstrahlungskraft würde die Kirche gewinnen, wenn jeder
Priester dafür Sorge trüge, niemals, weder aus Nachlässigkeit
noch aus sonstigen Vorwänden, die Begegnung mit den Gläubigen im
Beichtstuhl zu versäumen und vor allem niemals unvorbereitet oder ohne die
notwendige menschliche Eignung und die geistigen und pastoralen Voraussetzungen
in den Beichtstuhl zu gehen!
Hier
kann ich es nicht unterlassen, in ehrfürchtiger Bewunderung an die
außergewöhnlichen Apostel des Beichtstuhls zu erinnern: an den hl.
Johannes Nepomuk, den hl. Johannes Maria Vianney, den hl. Josef Cafasso und den
hl. Leopold von Castelnuovo, um nur die bekanntesten zu nennen, die die Kirche
in das Verzeichnis ihrer Heiligen aufgenommen hat. Ich möchte aber auch
jene unzählbare Schar heiliger und fast stets unbekannter Beichtväter
ehrend erwähnen, denen so viele Seelen ihr Heil verdanken. Sie haben
diesen beigestanden bei ihrer Bekehrung, in ihrem Kampf gegen Sünde und
Versuchung, in ihrem geistlichen Fortschritt und in ihrer gesamten Heiligung.
Ich zögere nicht zu sagen, daß auch die großen Heiligen
allgemein aus jenen Beichtstühlen hervorgegangen sind; und mit den
Heiligen auch das geistige Erbe der Kirche und die Blüte einer Kultur, die
von christlichem Geist durchdrungen ist! Ehre gebührt also dieser stillen
Schar unserer Mitbrüder, die Tag für Tag durch den Dienst der
sakramentalen Buße für die Sache der Versöhnung gewirkt haben
und weiterhin wirken!
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