Die
Blickrichtung der Synode
4.
Darum muß jede Institution oder Organisation, die dem Menschen dienen
will und ihn in seinen grundlegenden Belangen retten möchte, ihren
aufmerksamen Blick auf die Versöhnung richten, um deren Bedeutung und
volle Tragweite tiefer zu erfassen und daraus die notwendigen praktischen
Konsequenzen zu ziehen.
Auch
die Kirche Jesu Christi durfte sich dieser besonderen Aufmerksamkeit nicht
verschließen. Mit der Hingabe einer Mutter und der Klugheit einer
Lehrerin geht sie mit Eifer und Umsicht daran, aus der Gesellschaft zusammen
mit den Zeichen der Spaltung auch jene ebenso deutlichen und
aufschlußreichen Zeichen der Suche nach Aussöhnung zu sammeln. Sie
ist sich ja bewußt, daß ihr in besonderer Weise die Möglichkeit
gegeben und die Sendung aufgetragen ist, den wahren und tief religiösen
Sinn sowie die wesentlichen Dimensionen der Versöhnung aufzuzeigen und
schon so dazu beizutragen, daß die wesentlichen Aspekte der Frage von
Einheit und Frieden klarer werden.
Meine
Vorgänger haben unablässig die Versöhnung gepredigt und die
ganze Menschheit sowie jede Gruppe und jeden Bereich der menschlichen
Gemeinschaft, die sie zerrissen und gespalten sahen, zur Versöhnung
aufgefordert.(6) Aus einem inneren Antrieb, der zugleich - dessen bin
ich gewiß - einer höheren Eingebung sowie den Appellen der
Menschheit gehorchte, habe ich selbst in zwei verschiedenen, aber beidemal
feierlichen und verbindlichen Weisen das Thema der Versöhnung besonders
herausgestellt: zunächst, indem ich die VI. Allgemeine Versammlung der
Bischofssynode einberufen habe; und dann, indem ich es zum Mittelpunkt des
Jubiläumsjahres gemacht habe, das zur Feier des 1950. Jahrestages der
Erlösung ausgerufen worden ist.(7) Als ich der Synode ein Thema
zuweisen mußte, konnte ich jenem voll und ganz zustimmen, das zahlreiche
meiner Brüder im Bischofsamt vorgeschlagen hatten, nämlich das
fruchtbare Thema der Versöhnung in enger Verbindung mit der Buße.(8)
Der
Ausdruck und der Begriff der Buße selbst sind sehr vielschichtig. Sehen
wir sie mit der Metánoia verbunden, wie die Synoptiker sie
darstellen, so bezeichnet Buße die innere Umkehr des Herzens unter dem
Einfluß des Wortes Gottes und mit dem Blick auf das Reich
Gottes.(9) Buße bedeutet aber auch, das Leben zu ändern
in Übereinstimmung mit der Umkehr des Herzens; in diesem Sinne wird das
»Buße tun« dadurch ergänzt, daß »würdige Früchte der
Buße«hervorgebracht werden:(10) Die ganze Existenz wird in die
Buße einbezogen, das heißt, sie ist bereit, beständig zum
Besseren voranzuschreiten. Buße tun ist allerdings nur dann echt und
wirksam, wenn es sich in Akten und Taten der Buße konkretisiert.
In diesem Sinne bedeutet Buße im theologischen und geistlichen
christlichen Sprachgebrauch Aszese, das heißt die konkrete und
tägliche Anstrengung des Menschen, mit Hilfe der Gnade Gottes sein
Leben um Christi willen zu verlieren, als einzige Weise, es wirklich zu
gewinnen;(11) den alten Menschen abzulegen und den neuen
Menschen anzuziehen;(12) alles in sich zu überwinden, was »fleischlich«
ist, damit das »Geistliche« sich durchsetze;(13) beständig
von den irdischen Dingen hinaufzustreben zu den himmlischen, wo Christus
ist.(14) Buße ist also eine Umkehr, die vom Herzen hin zu den
Taten geht und daher das gesamte Leben des Christen erfaßt.
In
allen diesen Bedeutungen ist Buße eng mit Versöhnung
verbunden; denn sich mit Gott, mit sich selbst und mit den anderen zu
versöhnen, setzt voraus, daß man jenen radikalen Bruch
überwindet, den die Sünde darstellt. Dies geschieht nur durch eine
innere Wandlung oder Umkehr, die sich durch Bußakte im
täglichen Leben auswirkt.
Das
Ausgangsdokument der Synode (auch »Lineamenta«, »Grundlinien«, genannt),
das ausschließlich vorbereitet worden war, um das Thema vorzustellen und
davon einige grundlegende Gesichtspunkte besonders hervorzuheben, hat es den
kirchlichen Gemeinschaften in aller Welt ermöglicht, fast zwei Jahre lang
über diese Aspekte einer alle interessierenden Frage, nämlich der
nach Umkehr und Versöhnung, nachzudenken und daraus neue Kraft für
ein christliches Leben und Apostolat zu gewinnen. Die Reflexion hat sich dann
bei der unmittelbareren Vorbereitung auf die Synodenarbeit weiter vertieft
durch den »Arbeitstext« (»Instrumentum laboris«), der den Bischöfen
und ihren Mitarbeitern rechtzeitig zugestellt worden ist. Schließlich
haben die Väter der Synode, von denjenigen unterstützt, die zur
eigentlichen Synodensitzung berufen worden waren, mit tiefem Verantwortungsbewußtsein
dieses Thema und die zahlreichen und verschiedenen damit verbundenen Fragen
behandelt. Aus Debatte und gemeinsamem Studium, aus eifrigem und
gründlichem Forschen ist so ein großer wertvoller Schatz entstanden,
der in den »Schlußvorlagen« (»Propositiones«) im wesentlichen
zusammengefaßt ist.
Die
Synode übersieht nicht die Akte der Versöhnung - einige davon werden
in ihrer Alltäglichkeit fast gar nicht bemerkt -, die alle in
verschiedenem Maße mithelfen, die zahlreichen Spannungen zu lösen,
die vielen Konflikte zu überwinden, die kleinen wie die großen
Spaltungen zu beheben und die Einheit wiederherzustellen. Aber das
hauptsächliche Bemühen der Synode richtete sich darauf, auf dem Grund
dieser einzelnen Akte die verborgene gemeinsame Wurzel zu entdecken, eine
Urversöhnung, die gleichsam wie eine Quelle für alles andere im
Herzen und Gewissen des Menschen wirkt.
Die
besondere, originale Gabe der Kirche hinsichtlich der Versöhnung, wo immer
diese erreicht werden soll, besteht darin, daß sie stets bis zu dieser
ursprunghaften Versöhnung vordringt. Kraft ihrer wesentlichen Sendung
sieht sich die Kirche nämlich verpflichtet, bis an die Wurzeln der Urwunde
der Sünde vorzudringen, um dort Heilung zu wirken und gleichsam eine
Urversöhnung zu schaffen, die dann ein kraftvolles Prinzip jeder weiteren
echten Versöhnung sein soll. Das ist es, was die Kirche beabsichtigt und
durch die Synode dargelegt hat.
Von
dieser Versöhnung spricht die Heilige Schrift, wenn sie uns auffordert,
hierfür alle Anstrengungen zu unternehmen;(15) aber sie sagt uns
auch, daß solche Versöhnung vor allem ein barmherziges Geschenk
Gottes an den Menschen ist.(16) Die Heilsgeschichte der gesamten
Menschheit wie auch jedes einzelnen Menschen zu allen Zeiten ist die wundervolle
Geschichte einer Versöhnung, bei der Gott, weil er Vater ist, im Blut und
im Kreuz seines menschgewordenen Sohnes die Welt wieder mit sich versöhnt
und so eine neue Familie von Versöhnten geschaffen hat.
Versöhnung
wird notwendig, weil es einen Bruch durch die Sünde gegeben hat, aus dem
sich alle weiteren Formen einer Spaltung im Inneren des Menschen und in seiner
Umgebung herleiten. Damit die Versöhnung vollständig sei, muß
sie also notwendigerweise die Befreiung von der Sünde bis in ihre tiefsten
Wurzeln umfassen. So sind Umkehr und Versöhnung durch ein
inneres Band eng miteinander verbunden: Es ist unmöglich, diese beiden
Wirklichkeiten voneinander zu trennen oder von der einen zu sprechen und die
andere zu verschweigen.
Die
Bischofssynode hat gleichzeitig von der Versöhnung der ganzen
Menschheitsfamilie und von der inneren Umkehr jeder einzelnen Person, von ihrer
neuen Hinwendung zu Gott, gesprochen; sie wollte damit anerkennen und
verkünden, daß es keine Einheit der Menschen ohne eine Änderung
im Herzen eines jeden einzelnen geben kann. Die persönliche Umkehr
ist der notwendige Weg zur Eintracht unter den Menschen.(17)
Wenn die Kirche die Frohe Botschaft von der Versöhnung verkündigt
oder dazu einlädt, sie durch die Sakramente zu verwirklichen, handelt sie
wahrhaft prophetisch: Sie klagt die Übel des Menschen in ihrer
verschmutzten Quelle an; sie weist hin auf die Wurzel der Spaltung und gibt
Hoffnung, daß die Spannungen und Konflikte überwunden werden
können, damit man zu Brüderlichkeit und Eintracht und zum Frieden auf
allen Ebenen und in allen Gruppen der menschlichen Gesellschaft gelangt. Sie
beginnt, eine von Haß und Gewalt geprägte geschichtliche Situation
in eine Zivilisation der Liebe zu verwandeln; sie bietet allen das sakramentale
Prinzip des Evangeliums für jene Urversöhnung an, aus der jede andere
versöhnende Geste oder Handlung, auch im gesellschaftlichen Bereich,
hervorgeht.
Von
dieser Versöhnung als einer Frucht der Umkehr handelt das vorliegende
Apostolische Schreiben. Denn wie es schon am Ende der drei vorhergehenden
Synodenversammlungen geschehen war, haben die Väter der Synode dem Bischof
von Rom, dem obersten Hirt der Kirche und Haupt des Bischofskollegiums, in
seiner Eigenschaft als Präsident der Synode auch diesesmal die Ergebnisse
ihrer Arbeit übergeben wollen. Als schwere und zugleich dankbare
Verpflichtung meines Amtes habe ich die Aufgabe übernommen, aus dem
überaus großen Reichtum der Synode zu schöpfen, um als Frucht
der Synode ein Lehr- und Pastoralschreiben zum Thema der Versöhnung und
Buße an das Volk Gottes zu richten. In einem ersten Teil möchte
ich von der Kirche und dem Vollzug ihrer versöhnenden Sendung, von ihrem
Einsatz für die Bekehrung der Herzen, für die erneuerte Einheit zwischen
Gott und dem Menschen, zwischen dem Menschen und seinem Bruder, zwischen dem
Menschen und der gesamten Schöpfung handeln. Im zweiten Teil werde ich die
wurzelhafte Ursache jeder Verwundung und Spaltung unter den Menschen und vor
allem in ihrem Verhältnis zu Gott aufzeigen, nämlich die Sünde.
Schließlich will ich jene Hilfsmittel angeben, die es der Kirche
ermöglichen, die volle Aussöhnung der Menschen mit Gott und folglich
auch der Menschen untereinander zu fördern und zu erwirken.
Das
Dokument, das ich hiermit den Gläubigen der Kirche, aber auch all
denjenigen übergebe, die, gläubig oder nicht, mit Interesse und
aufrichtigem Herzen auf sie schauen, will die pflichtgemäße Antwort
auf die an mich gerichtete Bitte der Synode sein. Aber es ist auch - das
möchte ich um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen sagen - ein Werk der
Synode selbst. Der Inhalt dieser Seiten stammt nämlich von ihr: aus ihrer
entfernten oder näheren Vorbereitung, aus dem Arbeitstext, aus den
Stellungnahmen in der Synodenaula und bei den Arbeitsgruppen und
vor allem aus den 63 Schlußvorlagen. Dies ist die Frucht der
gemeinsamen Arbeit der Väter, zu denen auch Vertreter der Ostkirchen
gehörten, deren theologisches, spirituelles und liturgisches Erbe so reich
und wertvoll auch für das vorliegende Thema ist. Darüberhinaus hat
der Rat des Synodensekretariates in zwei wichtigen Sitzungen die Ergebnisse und
Grundlinien der soeben abgeschlossenen Synode geprüft, den inneren
Zusammenhang der genannten Schlußvorlagen aufgezeigt und die Themen
skizziert, die für die Abfassung dieses Dokumentes am meisten geeignet
erschienen. Ich bin all jenen dankbar, die diese Arbeit geleistet haben,
während ich im folgenden in Treue zu meiner Sendung all das vermitteln
möchte, was mir aus dem für Lehre und Pastoral so reichen Schatz der
Synode als ein Geschenk der Vorsehung erscheint für das Leben so vieler
Menschen in dieser großartigen und zugleich schwierigen Stunde der
Geschichte.
Es
empfiehlt sich, das zu tun - und es erweist sich als sehr bedeutungsvoll -,
während im Herzen vieler die Erinnerung an das Heilige Jahr, das ganz von
Buße, Umkehr und Versöhnung geprägt war, noch lebendig ist.
Möge dieses Lehrschreiben, das ich den Brüdern im Bischofsamt und
ihren Mitarbeitern, den Priestern und Diakonen, den Ordensmännern und
Ordensfrauen, allen Gläubigen und allen gewissenhaften Männern und
Frauen übergebe, nicht nur eine Hilfe zur Läuterung, Bereicherung und
Vertiefung ihres persönlichen Glaubens sein, sondern auch ein Sauerteig,
dem es gelingt, im Herzen der Welt Frieden und Brüderlichkeit, Hoffnung
und Freude wachsen zu lassen, Werte, die aus dem Evangelium hervorgehen, wenn
es angenommen, meditiert und Tag für Tag nach dem Beispiel Marias gelebt
wird, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus, durch den Gott alles mit sich
versöhnen wollte.(18)
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