5. Am Beginn dieses Apostolischen Schreibens steht vor meinem geistigen
Auge jener außerordentliche Text des hl. Lukas, dessen tiefen
religiösen wie menschlichen Inhalt ich schon in einem früheren
Dokument zu erläutern versucht habe.(19) Ich meine das Gleichnis
vom verlorenen Sohn.(20)
Vom Bruder, der verloren war...
»Ein
Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater:
Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht«, so erzählt Jesus bei der
Darstellung der dramatischen Geschichte dieses jungen Mannes: der leichtsinnige
Weggang aus seinem Vaterhaus, die Vergeudung all seines Besitzes in einem
ausschweifenden Lebenswandel ohne Sinn, die dunklen Tage der Fremde und des
Hungers, aber mehr noch die Tage der verlorenen Würde, der Erniedrigung
und Beschämung und schließlich die Sehnsucht nach dem Vaterhaus, der
Mut zur Heimkehr, der Empfang durch den Vater. Dieser hatte den Sohn keineswegs
vergessen; im Gegenteil, er hatte ihm unverändert Liebe und Achtung
bewahrt. So hatte er immer auf ihn gewartet, und so umarmt er ihn jetzt,
während er zum großen Fest für denjenigen auffordert, der tot
war und wieder lebt, der verloren war und wiedergefunden wurde.
Der
Mensch - ein jeder Mensch - ist ein solcher verlorener Sohn: betört von
der Versuchung, sich vom Vater zu trennen, um ein unabhängiges Leben zu
führen; dieser Versuchung verfallen; enttäuscht von der Leere, die
ihn wie ein Blendwerk verzaubert hatte; allein, entehrt, ausgenutzt, als er
sich eine Welt ganz für sich allein zu schaffen versucht; auch in der Tiefe
seines Elendes noch immer gequält von der Sehnsucht, zur Gemeinschaft mit
dem Vater zurückzukehren. Wie der Vater im Gleichnis erspäht Gott den
heimkehrenden Sohn, er umarmt ihn bei seiner Ankunft und läßt die
Tafel herrichten für das Festmahl ihrer neuen Begegnung, mit dem der Vater
und die Brüder die Wiederversöhnung feiern.
Was
an diesem Gleichnis am meisten beeindruckt, ist die festliche und liebevolle
Aufnahme, die der Vater dem heimkehrenden Sohn bereitet: ein Zeichen der
Barmherzigkeit Gottes, der immer bereit ist zu verzeihen. Sagen wir es gleich:
Die Versöhnung ist in erster Linie ein Geschenk des himmlischen Vaters
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