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zum Bruder, der zu Hause geblieben war
6.
Das Gleichnis läßt aber auch den älteren Bruder auftreten, der
seinen Platz beim Festmahl verschmäht. Er wirft dem jüngeren Bruder
dessen lockeres Treiben vor und dem Vater den Empfang, den dieser dem
verlorenen Sohn vorbehalten habe, während es ihm selbst, immer beherrscht
und fleißig und treu zum Vater und zum Hause stehend, niemals erlaubt
worden sei - wie er sagt -, mit seinen Freunden ein Fest zu feiern. Ein
Zeichen, daß er die Güte des Vaters nicht versteht. Solange dieser
Bruder, von sich selbst und seinen Verdiensten allzu sehr überzeugt,
eifersüchtig und verächtlich, voller Bitterkeit und Zorn, sich nicht
bekehrt und mit dem Vater und dem Bruder versöhnt, ist dieses Mahl noch
nicht ganz das Fest der Begegnung und des Sichwiederfindens.
Der
Mensch - ein jeder Mensch - ist auch ein solcher älterer Bruder. Egoismus
macht ihn eifersüchtig, läßt sein Herz hart werden, verblendet
und verschließt ihn gegenüber den anderen und vor Gott. Die
Güte und Barmherzigkeit des Vaters reizen und ärgern ihn; das
Glück des heimgekehrten Bruders schmeckt ihm bitter.(21) Auch in
dieser Hinsicht hat der Mensch es nötig, sich zu bekehren, um sich
auszusöhnen.
Das
Gleichnis vom verlorenen Sohn ist vor allem die wunderbare Geschichte der
großen Liebe Gottes, des Vaters, der dem zu ihm heimgekehrten Sohn das
Geschenk einer vollständigen Versöhnung anbietet. Weil es aber in der
Gestalt des älteren Bruders ebenso an den Egoismus erinnert, der die
Brüder untereinander entzweit, wird es auch zur Geschichte der
Menschheitsfamilie. Es kennzeichnet unsere Lage und gibt den zu gehenden Weg
an. Der verlorene Sohn in seiner Sehnsucht nach Umkehr, nach Heimkehr in die
Arme des Vaters und nach Vergebung stellt all jene dar, die im Grund ihres
Herzens die Sehnsucht nach einer Aussöhnung auf allen Ebenen und ohne
Vorbehalt verspüren und mit innerer Sicherheit sehen, daß diese nur
dann möglich ist, wenn sie sich von jener ersten, grundlegenden
Aussöhnung herleitet, die den Menschen aus der Gottferne zur kindhaften
Freundschaft mit Gott bringt, um dessen unendliche Barmherzigkeit er
weiß. Wenn es jedoch mit dem Blick auf den anderen Sohn gelesen wird,
beschreibt das Gleichnis die Lage der Menschheitsfamilie, die von ihren
Egoismen zerrissen ist; es beleuchtet die Schwierigkeiten, der Sehnsucht und
dem Heimweh nach einer gemeinsamen, versöhnten und geeinten Familie zu entsprechen,
und erinnert so an die Notwendigkeit einer tiefen Änderung der Herzen
verbunden mit der Wiederentdeckung der Barmherzigkeit des Vaters und der
Überwindung von Unverständnis und Feindseligkeit unter Brüdern.
Im
Licht dieses unerschöpflichen Gleichnisses von der Barmherzigkeit, die die
Sünde tilgt, versteht die Kirche, in dem sie den darin enthaltenen Anruf
aufnimmt, ihre Sendung, auf den Spuren des Herrn für die Bekehrung der
Herzen und die Versöhnung der Menschen mit Gott und untereinander zu
wirken, zwei Bereiche, die eng miteinander verbunden sind.
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