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Ioannes Paulus PP. II
Reconciliatio et Paenitentia

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  • ERSTER TEIL
    • ZWEITES KAPITEL
      • 9
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Die versöhnte Kirche

9. Mein verehrter Vorgänger Paul VI. hat das Verdienst, klargestellt zu haben, daß die Kirche, um die Frohe Botschaft wirksam verkündigen zu können, bei sich selbst beginnen und sich als Hörerin der Botschaft erweisen muß, das heißt als offen für die volle und ganze Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi, um sie aufzunehmen und zu verwirklichen.(37) Auch ich habe, als ich in einem eigenen Dokument die Überlegungen der IV. Generalversammlung der Synode zusammenhängend dargelegt habe, von einer Kirche gesprochen, die in dem Maße, wie sie anderen Glaubensunterricht erteilt, auch selbst tiefer in den Glauben hineinwächst.(38)

Ich zögere nun nicht, diese Zuordnung hier wieder aufzugreifen und sie auf das Thema anzuwenden, das ich behandle: Ich möchte betonen, daß die Kirche, um versöhnend zu wirken, bei sich selbst beginnen muß, eine versöhnte Kirche zu sein. Hinter dieser einfachen und knappen Formulierung steht die Überzeugung, daß die Kirche, um der Welt die Versöhnung noch wirksamer verkünden und anbieten zu können, immer mehr zu einer Gemeinschaft (und sei sie auch die »kleine Herde« der ersten Zeiten) von Jüngern Christi werden muß, einig im Bemühen, sich beständig zum Herrn zu bekehren und als neue Menschen zu leben, im Geist und in der Wirklichkeit der Versöhnung.

Vor unseren Zeitgenossen, die so empfindsam für den Beweis eines konkreten Lebenszeugnisses sind, ist die Kirche aufgerufen, ein Beispiel für Versöhnung vor allem in ihrem eigenen Inneren zu geben; darum müssen wir alle darauf hinwirken, die Herzen friedfertig zu stimmen, die Spannungen zu verringern, die Spaltungen zu überwinden, die Wunden zu heilen, die sich Brüder vielleicht gegenseitig zufügen, wenn sich der Gegensatz zwischen verschiedenen Einstellungen im Rahmen erlaubter Meinungsvielfalt zuspitzt, und zu versuchen, einig in dem zu sein, was wesentlich für den Glauben und das christliche Leben ist, nach der altbewährten Regel: In dubiis libertas, in necessariis unitas, in omnibus caritas - im Zweifel Freiheit, im Wesentlichen Einheit, in allem Liebe.

Nach demselben Maßstab muß die Kirche auch ihre ökumenische Aufgabe erfüllen. Sie ist sich ja dessen sehr bewußt, daß sie, um vollkommen versöhnt zu sein, unaufhörlich weiter nach der Einheit unter denjenigen suchen muß, die sich rühmen dürfen, Christen zu sein, aber - auch als Kirchen und Gemeinschaften - von einander und von der römischen Kirche getrennt sind. Die Kirche von Rom sucht eine Einheit, die, um Frucht und Ausdruck einer echten Versöhnung zu sein, weder die trennenden Elemente einfach übergeht noch sich auf Kompromisse gründet, die ebenso leichtfertig wie oberflächlich und hinfällig wären. Die Einheit muß das Ergebnis einer wahren Bekehrung aller, der gegenseitigen Vergebung, des theologischen Dialogs, des brüderlichen Umganges miteinander, des Gebetes, der vollen Offenheit für das Handeln des Heiligen Geistes sein, der auch der Geist der Wiederversöhnung ist.

Um sich vollständig versöhnt nennen zu können, fühlt sich die Kirche schließlich auch zu immer größeren Anstrengungen verpflichtet, das Evangelium zu allen Völkern zu bringen und den »Heilsdialog«(39) mit jenen weiten Bereichen der Menschheit in der heutigen Welt zu fördern, die den Glauben der Kirche nicht teilen oder die aufgrund der wachsenden Verweltlichung sogar Abstand nehmen von der Kirche und ihr kühl und gleichgültig gegenüberstehen, ja sie manchmal sogar anfeinden und verfolgen. Allen glaubt die Kirche immer wieder mit dem hl. Paulus sagen zu müssen: »Laßt euch mit Gott versöhnen!«.(40)

In jedem Falle aber fördert die Kirche nur eine Versöhnung in der Wahrheit, weil sie sehr wohl weiß, daß weder Versöhnung noch Einheit außerhalb oder gegen die Wahrheit möglich sind.




37 Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 13: AAS 68 (1976) 12 f.



38 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Catechesi tradendae, 24: AAS 71 (1979) 1297.



39 Vgl. PAUL VI., Enzyklika Ecclesiam suam: AAS 56 (1964) 609-659.



40 2 Kor 5, 20.






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