10. Als versöhnte und
versöhnende Gemeinschaft kann die Kirche nicht vergessen, daß die
Quelle ihrer Gabe und Sendung der Versöhnung die Initiative voller
mitfühlender Liebe und Barmherzigkeit jenes Gottes ist, der die Liebe
ist(41) und aus Liebe die Menschen erschaffen hat:(42) Er hat
sie erschaffen, damit sie in Freundschaft mit ihm und in Gemeinschaft miteinander
leben.
Versöhnung geht von Gott aus
Gott
bleibt seinem ewigen Plan treu, auch wenn der Mensch, vom Bösen
getrieben(43) und von seinem Stolz verführt, die Freiheit
mißbraucht, die ihm dazu gegeben ist, das Gute hochherzig zu lieben und zu
suchen, und seinem Herrn und Vater den Gehorsam verweigert; wenn er, anstatt
mit Liebe auf die Liebe Gottes zu antworten, sich ihm wie einem Rivalen
widersetzt, wobei er sich selbst täuscht und seine Kräfte
überschätzt. Die Folge davon ist ein Bruch in den Beziehungen zu
demjenigen, der ihn erschaffen hat. Trotz dieser Treulosigkeit des Menschen bleibt
Gott treu in seiner Liebe. Gewiß, die Erzählung vom Garten Eden
läßt uns über die traurigen Folgen der Zurückweisung des
Vaters nachdenken, die zu einer inneren Unordnung im Menschen und zum Bruch in
der harmonischen Einheit zwischen Mann und Frau, zwischen Bruder und Bruder
führt.(44) Auch das Gleichnis des Evangeliums von den zwei
Söhnen, die sich, jeder auf seine Weise, vom Vater entfernen und einen
Abgrund zwischen sich aufreißen, spricht von dieser Wahrheit. Die
Zurückweisung der Vaterliebe Gottes und der Geschenke seines Herzens
findet sich immer an der Wurzel von Spaltungen unter den Menschen.
Aber
wir wissen, daß Gott, »der voll Erbarmen ist«(45) wie der Vater
im Gleichnis, sein Herz vor keinem seiner Kinder verschließt. Er wartet
auf sie und sucht sie; er erreicht sie dort, wo ihre Verweigerung der
Gemeinschaft sie zu Gefangenen ihrer Einsamkeit und Trennung macht; er ruft
sie, sich wieder um seinen Tisch zu versammeln und sich über das Fest der
Vergebung und Versöhnung zu freuen.
Diese
Initiative Gottes findet ihre konkrete Gestalt und ihren Ausdruck im
erlösenden Handeln Christi, das durch den Dienst der Kirche in die Welt
ausstrahlt.
Das
Wort Gottes hat ja nach unserem Glauben Fleisch angenommen und ist gekommen,
auf der Erde unter den Menschen zu wohnen; es ist in die Geschichte der Welt
eingetreten, hat ihre Bedingungen auf sich genommen und sie in seinem Leben
zusammengefaßt.(46) Christus hat uns offenbart, daß Gott
Liebe ist, und hat uns das »neue Gesetz« der Liebe gegeben;(47) dabei
hat er uns die Gewißheit vermittelt, daß der Weg der Liebe auf alle
Menschen zuführt, so daß die Bemühungen, eine weltweite
Brüderlichkeit(48) zu erreichen, nicht vergeblich sind. Indem er
mit seinem Tod am Kreuz das Böse und die Macht der Sünde besiegt hat,
hat er durch seinen von Liebe durchdrungenen Gehorsam allen das Heil gebracht
und ist für alle »Versöhnung« geworden. In ihm hat Gott den Menschen
mit sich versöhnt.
Die
Kirche setzt die Verkündigung dieser Versöhnung, wie Christus sie in
den Dörfern Galiläas und ganz Palästinas ausgerufen
hat,(49) fort und lädt die ganze Menschheit unaufhörlich dazu
ein, umzukehren und an diese Frohe Botschaft zu glauben. Die Kirche spricht
dabei im Namen Christi; sie übernimmt den Aufruf des Apostels Paulus, auf
den wir bereits hingewiesen haben: »Wir sind also Gesandte an Christi Statt,
und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Laßt
euch mit Gott versöhnen!«.(50)
Wer
diesem Aufruf folgt, tritt ein in das Werk der Versöhnung und erfährt
an sich die Wahrheit, die in jenem anderen Aufruf des hl. Paulus enthalten ist,
nach dem Christus »unser Friede ist. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und
Heiden) und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft
nieder... Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit
Gott in einem einzigen Leib«.(51) Wenn dieser Text auch direkt die
Überwindung der religiösen Trennung zwischen Israel, dem
erwählten Volk des Alten Bundes, und den anderen Völkern, die alle
zur Teilnahme am Neuen Bund berufen sind, betrifft, so enthält er doch
auch die Zusage der neuen geistlichen Universalität, die von Gott gewollt
und durch das Opfer seines Sohnes, des menschgewordenen Ewigen Wortes, ohne
Grenzen oder irgendwelche Ausschlüsse für alle diejenigen bewirkt
worden ist, die umkehren und an Christus glauben. Alle sind wir also dazu
berufen, die Früchte dieser gottgewollten Versöhnung zu
genießen: jeder Mensch und jedes Volk.
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