Andere
Wege der Versöhnung
12.
Die versöhnende Sendung kommt der ganzen Kirche zu, auch und vor allem
jenem Teil, der schon endgültig an der göttlichen Herrlichkeit
teilhaben darf, zusammen mit der Jungfrau Maria, mit den Engeln und Heiligen,
die den dreimalheiligen Gott schauen und anbeten. Die Kirche im Himmel, die
Kirche auf Erden, die Kirche im Fegfeuer, sie wirken in geheimnisvoller Einheit
mit Christus zusammen, um die Welt mit Gott zu versöhnen.
Der
erste Weg dieses Heilswirkens ist das Gebet. Ohne Zweifel unterstützen die
heilige Jungfrau Maria, Mutter Christi und der Kirche,(53) und die
Heiligen, die das Ende ihrer irdischen Pilgerschaft erreicht haben und nun in
der Herrlichkeit Gottes leben, fürbittend ihre Brüder, die noch Pilger
auf dieser Erde sind, in deren Bemühen, sich ständig zu bekehren, den
Glauben zu vertiefen, nach jedem Fall sich wieder aufzurichten und so zu
handeln, daß Gemeinsamkeit und Frieden in Kirche und Welt wachsen. Im
Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen verwirklicht sich die universale
Versöhnung in ihrer tiefsten und für das gemeinsame Heil
fruchtbarsten Form.
Ein
zweiter Weg ist die Verkündigung. Als Schülerin des einzigen Meisters
Jesus Christus wird die Kirche ihrerseits als Mutter und Lehrerin nicht
müde, den Menschen die Versöhnung anzubieten; unbeirrt weist sie auf
die Bosheit der Sünde hin, verkündigt sie die Notwendigkeit der
Bekehrung, lädt sie die Menschen ein und fordert sie auf, sich
versöhnen zu lassen. Ja, das ist ihre prophetische Sendung in der Welt von
heute wie von gestern: Es ist dieselbe Sendung ihres Herrn und Meisters Jesus
Christus. Wie er, so wird auch die Kirche diese ihre Sendung stets mit dem
Gefühl barmherziger Liebe erfüllen und allen die Worte der Vergebung
und der Ermutigung zu neuer Hoffnung, die vom Kreuz kommen, überbringen.
Weiter
gibt es dann den oft so schwierigen und harten Weg der Pastoral, die versucht,
jeden Menschen - wer auch immer er sei oder wo auch immer er lebe - auf den
zuweilen langen Weg der Rückkehr zum Vater in der Gemeinschaft mit allen
Brüdern zu führen.
Schließlich
gibt es den Weg des Zeugnisses, meist ohne Worte, das aus einer zweifachen
Überzeugung der Kirche hervorgeht: aus der Überzeugung, von ihrem
Wesen her »unzerstörbar heilig«(54) zu sein, zugleich es aber auch
nötig zu haben, »sich Tag für Tag zu reinigen, bis daß Christus
sie in all ihrer Schönheit, ohne Flecken und Runzeln, vor sich erscheinen
läßt«; denn wegen unserer Sünden leuchtet ihr Antlitz vor den
Augen derer, die sie betrachten, nicht recht auf.(55) Dieses Zeugnis
muß also zwei grundlegende Formen annehmen: Zeichen sein für jene
umfassende Liebe, die Jesus Christus seinen Jüngern als Erweis ihrer
Zugehörigkeit zu seinem Reich als Erbe hinterlassen hat; und immer wieder
neue Umkehr und Versöhnung bewirken, innerhalb wie außerhalb der
Kirche, und Spannungen überwinden, sich gegenseitig vergeben sowie im
Geist der Brüderlichkeit und des Friedens wachsen und diese Haltung in der
ganzen Welt verbreiten. Auf diesem Wege kann die Kirche mit Erfolg dafür
wirken, daß die von meinem Vorgänger Paul VI. so genannte
»Zivilisation der Liebe« allmählich entsteht.
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