Die
Trennung zwischen den Brüdern
15.
In den oben erwähnten biblischen Erzählungen mündet der Bruch
mit Gott dramatisch ein in eine Trennung zwischen den Brüdern.
In
der Beschreibung der »ersten Sünde« löst der Bruch mit Jahwe zugleich
die Freundschaft auf, die die Menschheitsfamilie verband, so daß uns die
folgenden Seiten der Genesis den Mann und die Frau zeigen, wie sie
gleichsam gegeneinander den Anklagefinger erheben,(70) und dann den
Sohn, der in seiner Feindschaft zum Bruder so weit kommt, daß er ihm das
Leben nimmt.(71)
Nach
der Erzählung des Geschehens von Babel ist die Folge der Sünde die
Zersplitterung der Menschheitsfamilie, die schon mit der ersten Sünde
begonnen hatte und nun im gesellschaftlichen Bereich ihren Höhepunkt
erreicht.
Wer
das Geheimnis der Sünde erforschen will, muß diese Verkettung von
Ursache und Wirkung beachten. Als Bruch mit Gott ist die Sünde der Akt des
Ungehorsams eines Geschöpfes, das wenigstens einschlußweise den
zurückweist, dem es seinen Ursprung verdankt und der es am Leben
hält; Sünde ist daher ein selbstmörderischer Akt. Weil der
Mensch in der Sünde sich weigert, sich Gott zu unterstellen, zerbricht
auch sein inneres Gleichgewicht, und in seinem Herzen brechen Widerspruch und
Streit auf. Innerlich zerrissen, erzeugt der Mensch fast unvermeidlich einen
Riß auch im Geflecht seiner Beziehungen mit den anderen Menschen und mit
der geschaffenen Welt. Das ist ein Gesetz und ein objektiver Tatbestand, die
sich in vielen Momenten der menschlichen Psychologie und des geistigen Lebens
bestätigen wie auch in der Wirklichkeit des gesellschaftlichen Lebens, wo
man die Auswirkungen und Zeichen innerer Unordnung leicht beobachten kann.
Das
Geheimnis der Sünde besteht in dieser doppelten Verwundung, die der
Sünder sich selbst und seiner Beziehung zum Nächsten zufügt.
Deshalb kann man von personaler und von sozialer Sünde sprechen:
Jede Sünde ist in einer Hinsicht personal; in anderer Hinsicht aber
ist sie sozial, insofern sie auch soziale Folgen hat.
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