Personale Sünde -
soziale Sünde
16.
Die Sünde im wahren und eigentlichen Sinne ist immer ein Akt der Person,
weil sie ein Akt der Freiheit des einzelnen Menschen ist, nicht eigentlich
einer Gruppe oder einer Gemeinschaft. Dieser Mensch kann von mancherlei
schwerwiegenden äußeren Faktoren abhängen, von ihnen
bedrängt und getrieben sein, wie er auch Neigungen, Belastungen und
Gewohnheiten unterworfen sein kann, die mit seiner persönlichen Verfassung
gegeben sind. In zahlreichen Fällen können solche äußeren
und inneren Faktoren seine Freiheit und damit seine Verantwortung und Schuld
mehr oder weniger vermindern. Aber es ist eine Glaubenswahrheit, von Erfahrung
und Verstand bestätigt, daß die menschliche Person frei ist. Man
darf diese Wahrheit nicht übersehen und die Sünde der einzelnen auf
äußere Wirklichkeiten - auf Strukturen und Systeme oder auf die
anderen Menschen - abwälzen. Das würde vor allem bedeuten, die
Würde und die Freiheit der Person zu zerstören, die sich - wenn auch
nur negativ und in entstellter Weise - auch in der Verantwortung für die
begangene Sünde zeigen. Darum gibt es im Menschen nichts, was so
persönlich und unübertragbar ist, wie das Verdienst aus der Tugend
oder die Verantwortung für die Schuld.
Als
Akt der Person hat die Sünde ihre ersten und wichtigsten Auswirkungen im
Sünder selbst: in seiner Beziehung zu Gott, der tiefsten Grundlage
menschlichen Lebens; dann auch in seinem geistigen Leben, wo durch die
Sünde der Wille geschwächt und der Verstand verdunkelt werden.
An
diesem Punkt müssen wir uns fragen, auf welche Wirklichkeit sich
diejenigen bezogen haben, die bei der Vorbereitung der Synode und im Verlauf
der synodalen Arbeiten oft die soziale Sünde erwähnten.
Dieser
Ausdruck und der zugrundeliegende Begriff haben ja verschiedene Bedeutungen.
Von
sozialer Sünde sprechen heißt vor allem anerkennen, daß die
Sünde eines jeden einzelnen kraft einer menschlichen Solidarität, die
so geheimnisvoll und verborgen und doch real und konkret ist, sich in
irgendeiner Weise auf die anderen auswirkt. Das ist die Kehrseite jener
Solidarität, die sich auf religiöser Ebene im tiefen und wunderbaren
Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen darstellt, derentwegen jemand
hat sagen können, daß »jede Seele, die sich selbst emporhebt, die
Welt emporhebt«.(72) Diesem Gesetz des Aufstiegs entspricht
leider das Gesetz des Abstiegs, so daß man auch von einer Gemeinschaft
der Sünde sprechen kann, durch die eine Seele, die sich durch die
Sünde erniedrigt, mit sich auch die Kirche erniedrigt und in gewisser
Weise die ganze Welt. Mit anderen Worten, es gibt keine Sünde, und sei sie
auch noch so intim und geheim und streng persönlich, die
ausschließlich den betrifft, der sie begeht. Jede Sünde wirkt sich
mehr oder weniger heftig und zum größeren oder kleineren Schaden aus
auf die gesamte kirchliche Gemeinschaft und auf die ganze menschliche Familie.
Nach dieser ersten Bedeutung kann man jeder Sünde unbestreitbar den
Charakter einer sozialen Sünde zuerkennen.
Einige
Sünden aber stellen schon durch ihren Inhalt selbst einen direkten Angriff
auf den Nächsten dar oder, besser gesagt in der Sprache des Evangeliums,
auf den Bruder. Sie sind eine Beleidigung Gottes, weil sie den Nächsten
beleidigen. Solchen Sünden pflegt man die Bezeichnung sozial zu
geben; und so liegt hierin die zweite Bedeutung des Begriffs der sozialen
Sünde. Sozial in diesem Sinne ist die Sünde gegen die Nächstenliebe,
die im Gesetz Christi noch schwerer wiegt, weil es hierbei ja um das zweite
Gebot geht, das dem »ersten gleich ist«.(73) Sozial ist ebenso
jede Sünde gegen die Gerechtigkeit in den Beziehungen von Person zu
Person, von Person zu Gemeinschaft oder auch von Gemeinschaft zu Person. Sozial
ist jede Sünde gegen die Rechte der menschlichen Person, angefangen vom
Recht auf Leben, dabei nicht ausgenommen das Recht des Kindes im
Mutterschoß, oder gegen die leibliche Unversehrtheit der einzelnen; jede
Sünde gegen die Freiheit anderer, insbesondere gegen jene höchste
Freiheit, an Gott zu glauben und ihn zu verehren; jede Sünde gegen die
Würde und Ehre des Nächsten. Sozial ist jede Sünde gegen
das Gemeinwohl und seine Forderungen im weiten Bereich der Rechte und Pflichten
der Bürger. Sozial kann die Sünde einer Tat oder Unterlassung
auf seiten der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung sein, die
sich, obwohl sie es könnten, nicht mit Klugheit um die Verbesserung oder
Reform der Gesellschaft entsprechend den Erfordernissen und Möglichkeiten
der jeweiligen Zeit bemühen; wie auch auf seiten der Arbeitnehmer, die
nicht ihren Pflichten der Präsenz am Arbeitsplatz und der Zusammenarbeit
nachkommen, auf daß die Unternehmen weiter zum Wohl der Arbeitnehmer
selbst, ihrer Familien und der ganzen Gesellschaft wirken können.
Die
dritte Bedeutung von sozialer Sünde meint die Beziehungen zwischen
den verschiedenen Gemeinschaften der Menschen. Diese Beziehungen sind nicht
immer in Übereinstimmung mit dem Plan Gottes, der in der Welt
Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden zwischen den Individuen, den Gruppen und
den Völkern will. So ist der Klassenkampf ein soziales Übel,
wer immer auch dafür verantwortlich ist oder seine Gesetze diktiert. So
ist die Bildung fester Fronten zwischen Blöcken von Nationen und von einer
Nation gegen die andere und zwischen Gruppen innerhalb desselben Volkes
ebenfalls ein soziales Übel. In beiden Fällen kann man sich
fragen, ob jemandem die moralische Verantwortung für solche Übel und
somit die entsprechende Sünde zugeschrieben werden kann. Nun ist
zuzugeben, daß Wirklichkeiten und Situationen, wie die angegebenen als
soziale Tatbestände durch ihre weite Verbreitung und ihr Anwachsen bis zu
gigantischen Ausmaßen fast immer anonym bleiben, weil ja ihre Ursachen
vielschichtig und nicht immer nachweisbar sind. Wenn hierbei von sozialer
Sünde gesprochen wird, hat dieser Ausdruck also offensichtlich eine
analoge Bedeutung.
Auf
jeden Fall darf das Sprechen von sozialen Sünden, und sei es nur im
analogen Sinne, niemanden dazu verführen, die Verantwortung der einzelnen
zu unterschätzen; es will vielmehr die Gewissen aller dazu aufrufen,
daß jeder seine eigene Verantwortung übernehme, um ernsthaft und
mutig jene unheilvollen Verhältnisse und unerträglichen Situationen
zu ändern.
Dies
klar und unmißverständlich vorausgeschickt, muß sogleich
hinzufügt werden, daß jene Auffassung von sozialer Sünde nicht
berechtigt und annehmbar ist - auch wenn sie heute in bestimmten Bereichen oft
vorkommt(74) -, welche in unklarer Weise die soziale Sünde
der personalen Sünde entgegenstellt und dadurch mehr oder weniger
unbewußt dazu führt, die personale Sünde
abzuschwächen und fast zu beseitigen, um nur noch soziale Schuld
und Verantwortung zuzulassen. Nach dieser Auffassung, die ihre Herkunft von
nichtchristlichen Systemen und Ideologien leicht erkennen läßt -
welche vielleicht heute selbst von denen aufgegeben sind, die einst ihre
offiziellen Verfechter waren -, wäre praktisch jede Sünde sozial in dem
Sinne, daß sie nicht so sehr dem moralischen Gewissen einer Person
angelastet werden könnte, sondern nur einer vagen Wirklichkeit und einem
namenlosen Kollektiv, welche die konkrete Situation, das System, die
Gesellschaft, die Strukturen, die Institution sein können.
Wenn
die Kirche von Situationen der Sünde spricht oder bestimmte
Verhältnisse und gewisse kollektive Verhaltensweisen von mehr oder weniger
breiten sozialen Gruppen oder sogar von ganzen Nationen und Blöcken von
Staaten als soziale Sünden anklagt, dann weiß sie und betont
es auch, daß solche Fälle von sozialer Sünde die Frucht, die
Anhäufung und die Zusammenballung vieler personaler Sünden
sind. Es handelt sich dabei um sehr persönliche Sünden dessen, der
Unrecht erzeugt, begünstigt oder ausnutzt; der, obgleich er etwas tun
könnte, um gewisse soziale Übel zu vermeiden, zu beseitigen oder
wenigstens zu begrenzen, es aus Trägheit oder Angst, aus komplizenhaftem
Schweigen oder geheimer Beteiligung oder aus Gleichgültigkeit doch
unterläßt; der Zuflucht sucht in der behaupteten Unmöglichkeit,
die Welt zu verändern, und der sich den Mühen und Opfern entziehen
will, indem er vorgebliche Gründe höherer Ordnung anführt. Die
wirkliche Verantwortung liegt also bei den Personen.
Eine
Situation - ebenso wie eine Institution, eine Struktur, eine Gesellschaft - ist
an sich kein Subjekt moralischer Akte; deshalb kann sie in sich selbst nicht
moralisch gut oder schlecht sein. Hinter jeder Situation von Sünde
stehen immer sündige Menschen. Dies ist so sehr wahr, daß selbst
dann, wenn eine solche Situation in ihren strukturellen und institutionellen
Elementen kraft des Gesetzes oder - wie es leider häufiger vorkommt -
durch das Gesetz der Gewalt verändert werden kann, diese Änderung
sich in Wirklichkeit als unvollständig und von kurzer Dauer und
schließlich als nichtig und unwirksam - wenn nicht sogar als
kontraproduktiv - erweist, wenn sich nicht die Personen, die für eine
solche Situation direkt oder indirekt verantwortlich sind, selbst bekehren.
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