Todsünde -
läßliche Sünde
17. Im Geheimnis der Sünde gibt es eine
weitere Dimension, über die der menschliche Geist immer wieder nachgedacht
hat: Gemeint ist die Schwere der Sünde. Es handelt sich um eine Frage, die sich notwendig stellt und auf die das
christliche Gewissen stets eine Antwort gegeben hat: Weshalb und in
welchem Maße ist Sünde als Beleidigung Gottes und in ihrer
Rückwirkung auf den Menschen schwerwiegend? Die Kirche hat hierzu eine
eigene Lehre, die sie in ihren wesentlichen Elementen bestätigt, wobei sie
jedoch weiß, daß es in konkreten Situationen nicht immer leicht
ist, klare Abgrenzungen vorzunehmen.
Schon
das Alte Testament erklärte bei nicht wenigen Sünden - bei jenen, die
mit Überlegung begangen wurden,(75) bei den verschiedenen Formen
von Unzucht,(76) von falschem Gottesdienst(77) und der Anbetung
falscher Götter(78) -, daß der Schuldige »aus seinem Volk«
entfernt werden müsse, was auch die Verurteilung zum Tode bedeuten
konnte.(79) Diesen Sünden wurden andere gegenübergestellt,
vor allem jene, die aus Unwissenheit begangen worden waren: Sie wurden durch
ein Opfer nachgelassen.(80)
Schon
im Blick auf diese Texte spricht die Kirche seit Jahrhunderten von Todsünde
und von läßlicher Sünde. Diese Unterscheidung und die
dabei verwandten Begriffe erhalten jedoch im Neuen Testament ein besonderes
Licht; denn hier finden sich viele Texte, die mit kräftigen
Ausdrücken die Sünden aufzählen und mißbilligen, die in
besonderer Weise verurteilenswert sind,(81) und zwar über den von
Jesus selbst bestätigten Dekalog hinaus.(82) Ich will mich hier
insbesondere auf zwei wichtige und eindrucksvolle Abschnitte beziehen.
In
einem Text seines ersten Briefes spricht Johannes von einer
Sünde, die zum Tod führt (pròs thánaton),
im Unterschied zu einer Sünde, die nicht zum Tod führt (mä
pròs thánaton).(83) Offensichtlich ist der Tod hier
geistlich gemeint: Es handelt sich um den Verlust des wahren Lebens oder des
»ewigen Lebens«, das für Johannes die Erkenntnis des Vaters und des Sohnes
ist,(84) die Gemeinschaft und innige Einheit mit ihnen. Die Sünde,
die zum Tode führt, scheint in diesem Abschnitt die Verleugnung des
Sohnes(85) oder die Anbetung falscher Gottheiten(86) zu sein.
Jedenfalls will Johannes mit dieser begrifflichen Unterscheidung anscheinend
die unendliche Schwere der Sünde, der Zurückweisung Gottes,
hervorheben, die sich vor allem im Abfall von Gott und im Götzendienst
zeigt, das heißt in der Zurückweisung des Glaubens an die
geoffenbarte Wahrheit und in der Gleichsetzung Gottes mit gewissen geschaffenen
Wirklichkeiten, die man dabei zu Idolen oder falschen Göttern
macht.(87) Der Apostel möchte an jener Stelle aber auch die
Zuversicht hervorheben, die der Christ durch seine »Wiedergeburt aus Gott« und
durch »das Kommen des Sohnes« gewinnt: In ihm ist eine Kraft, die ihn vor dem
Fall in die Sünde bewahrt; Gott schützt ihn, »der Böse
berührt ihn nicht«. Wenn er aus Schwäche oder Unwissenheit
sündigt, trägt er doch in sich die Hoffnung auf Vergebung, auch wegen
der Hilfe, die ihm durch das gemeinsame Gebet der Brüder zuteil wird.
An
einer anderen Stelle des Neuen Testamentes, im Matthäusevangelium,(88)
spricht Jesus selbst von einer »Lästerung gegen den Heiligen Geist«, die
»nicht vergeben wird«, weil sie in ihren verschiedenen Formen eine
hartnäckige Weigerung darstellt, sich zur Liebe des barmherzigen Vaters zu
bekehren.
Das
sind gewiß extreme und radikale Formen: die Zurückweisung Gottes,
die Verweigerung seiner Gnade und somit der Widerstand gegenüber der
Quelle unseres Heiles selbst,(89) wodurch sich der Mensch den Weg zur
Vergebung willentlich zu versperren scheint. Es ist zu hoffen, daß nur
ganz wenige Menschen bis zu ihrem Ende in dieser Haltung der Rebellion oder
geradezu der Herausforderung gegen Gott verharren wollen, der seinerseits - wie
uns Johannes ebenfalls lehrt (90) - in seiner barmherzigen Liebe
größer ist als unser Herz und alle unsere psychologischen und
geistigen Widerstände überwinden kann, so daß man - wie Thomas
von Aquin schreibt - »am Heil keines Menschen in diesem Leben zu verzweifeln
braucht, wenn man die Allmacht und die Barmherzigkeit Gottes
betrachtet«.(91)
Aber
angesichts der Frage des Zusammenstoßes eines rebellischen Willens mit
dem unendlich gerechten Gott kann man nur heilsame Gefühle von »Furcht und
Schrecken« empfinden, wie der hl. Paulus empfiehlt,(92) während
die Mahnung Jesu über die Sünde, die nicht vergeben werden kann, die
Existenz von Schuld bestätigt, die für den Sünder den »ewigen
Tod« als Strafe nach sich ziehen kann.
Im
Licht dieser und weiterer Texte der Heiligen Schrift haben die Kirchenlehrer
und Theologen, die geistlichen Meister und Hirten die Sünden in Todsünden
und läßliche Sünden unterschieden. Mit anderen spricht
der hl. Augustinus von tödlichen oder todbringenden Vergehen,
die er den läßlichen, leichten oder täglichen
gegenüberstellt.(93) Die Bedeutung, die er diesen Worten gibt,
wird später in die offizielle Lehre der Kirche einfließen. Nach
Augustinus wird es Thomas von Aquin sein, der in möglichst klaren
Begriffen die Lehre formuliert hat, die sich dann in der Kirche beständig
erhalten hat.
Bei
der Bestimmung und Unterscheidung von Todsünde und läßlicher
Sünde mußten der hl. Thomas und die Theologie der Sünde, die
sich auf ihn beruft, den biblischen Bezug und somit auch den Gedanken eines
geistlichen Todes einbeziehen. Nach dem Doctor Angelicus muß der Mensch,
um geistlich zu leben, in Gemeinschaft mit dem höchsten Lebensprinzip
bleiben, das Gott ist, insofern dieser das letzte Ziel all seines Seins und
Handelns ist. Die Sünde nun ist ein Vergehen, das der Mensch gegen dieses
Lebensprinzip begeht. Wenn »die Seele durch die Sünde eine Unordnung schafft,
die bis zum Bruch mit dem letzten Ziel - Gott - geht, an das er durch die Liebe
gebunden ist, dann ist dies eine Todsünde; wann immer jedoch die Unordnung
unterhalb der Trennung von Gott bleibt, ist es eine läßliche
Sünde«.(94) Daher entzieht die läßliche Sünde
nicht die heiligmachende Gnade, die Freundschaft mit Gott, die Liebe und so
auch nicht die ewige Seligkeit, während ein solcher Entzug gerade die
Folge der Todsünde ist.
Wenn
man die Sünde unter dem Aspekt der Strafe sieht, die sie mit sich
bringt, so nennt der hl. Thomas zusammen mit anderen Glaubenslehrern diejenige
Sünde tödlich, die eine ewige Strafe nach sich zieht, wenn sie
nicht zuvor vergeben wird; läßlich nennt er die Sünde,
die eine einfache zeitliche Strafe verdient, das heißt eine begrenzte
Strafe, die auf Erden oder im Fegfeuer abgebüßt werden kann.
Wenn
man den Gegenstand der Sünde betrachtet, so verbindet sich der
Gedanke des Todes, des radikalen Bruches mit Gott, dem höchsten Gut, der
Abkehr vom Weg, der zu Gott führt, oder der Unterbrechung des Weges zu ihm
(lauter Weisen, um die Todsünde zu bestimmen) mit dem Gedanken der Schwere
des objektiven Inhaltes: Deshalb wird in Lehre und Pastoral der Kirche die schwere
Sünde praktisch mit der Todsünde gleichgesetzt.
Hier
berühren wir den Kern der traditionellen Lehre der Kirche, wie er oft im
Verlauf der letzten Synode deutlich betont worden ist. Diese hat nämlich
nicht nur die vom Tridentinischen Konzil über Existenz und Natur von Todsünde
und läßlicher Sünde verkündete Lehre(95)
bekräftigt, sondern hat auch daran erinnern wollen, daß jene
Sünde eine Todsünde ist, die eine schwerwiegende Materie zum
Gegenstand hat und die dazu mit vollem Bewußtsein und bedachter Zustimmung
begangen wird. Man muß hinzufügen - wie es auch auf der Synode
geschehen ist -, daß einige Sünden, was ihre Materie betrifft, von
innen her schwer und todbringend sind. Das heißt, es gibt Handlungen,
die durch sich selbst und in sich, unabhängig von den Umständen,
immer schwerwiegend unerlaubt sind wegen ihres objektiven Inhaltes. Wenn solche
Handlungen mit hinreichender Bewußtheit und Freiheit begangen werden,
stellen sie immer eine schwere Schuld dar.(96)
Diese
Lehre, die auf dem Dekalog und der Predigt des Alten Testamentes gründet,
von der Verkündigung der Apostel aufgenommen wurde und zur ältesten
Lehre der Kirche gehört, die sie bis heute wiederholt, entspricht genau
der menschlichen Erfahrung aller Zeiten. Aus Erfahrung weiß der Mensch
gut, daß er auf dem Weg des Glaubens und der Gerechtigkeit, der ihn zur
Erkenntnis und zur Liebe Gottes in diesem Leben und zur vollkommenen
Gemeinschaft mit ihm in der Ewigkeit führt, stehenbleiben oder sich
ablenken kann, ohne freilich den Weg zu Gott zu verlassen: In diesem Falle handelt
es sich um läßliche Sünde, die jedoch nicht
abgeschwächt werden darf, als ob sie ohne weiteres etwas Unwesentliches,
eine Sünde von geringem Gewicht sei.
Der
Mensch weiß allerdings auch durch schmerzliche Erfahrung, daß er
mit einem bewußten und freien Akt seines Willens auf dem Weg umkehren und
in entgegengesetzter Richtung zum Willen Gottes gehen kann und sich so von ihm
entfernt (aversio a Deo - Abkehr von Gott), wobei er die Gemeinschaft
mit ihm verweigert, sich von seinem Lebensprinzip, das Gott ist, trennt und so
den Tod wählt.
Mit
der ganzen Tradition der Kirche nennen wir denjenigen Akt eine Todsünde,
durch den ein Mensch bewußt und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund
der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht,
sich selbst zuzuwenden oder irgendeiner geschaffenen und endlichen
Wirklichkeit, irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen
steht (conversio ad creaturam - Hinwendung zum Geschaffenen). Dies kann
auf direkte und formale Weise geschehen, wie bei den Sünden der
Götzenverehrung, des Abfalles von Gott und der Gottlosigkeit, oder auf
gleichwertige Weise, wie in jedem Ungehorsam gegenüber den Geboten Gottes
bei schwerwiegender Materie. Der Mensch spürt, daß dieser Ungehorsam
Gott gegenüber die Verbindung mit seinem Lebensprinzip abschneidet: Es ist
eine Todsünde, das heißt ein Akt, der Gott schwer beleidigt
und sich schließlich gegen den Menschen selbst richtet mit einer dunklen
und mächtigen Gewalt der Zerstörung.
Während
der Synodenversammlung wurde von einigen Vätern eine dreifache
Unterscheidung der Sünden vorgeschlagen, die in läßliche,
schwere und todbringende Sünden einzuteilen wären. Eine
solche Dreiteilung könnte deutlich machen, daß es bei den schweren
Sünden Unterschiede gibt. Dabei bleibt es jedoch wahr, daß der
wesentliche und entscheidende Unterschied zwischen jener Sünde besteht,
die die Liebe zerstört, und der Sünde, die das
übernatürliche Leben nicht tötet: Zwischen Leben und Tod gibt es
keinen mittleren Weg.
Gleichfalls
muß man vermeiden, die Todsünde zu beschränken auf den Akt
einer Grundentscheidung gegen Gott (»optio fundamentalis«), wie man heute zu
sagen pflegt, unter der man dann eine ausdrückliche und formale
Beleidigung Gottes oder des Nächsten versteht. Es handelt sich
nämlich auch um Todsünde, wenn sich der Mensch bewußt und frei
aus irgendeinem Grunde für etwas entscheidet, was in schwerwiegender Weise
der Ordnung widerspricht. Tatsächlich ist ja in einer solchen Entscheidung
bereits eine Mißachtung des göttlichen Gebotes enthalten, eine
Zurückweisung der Liebe Gottes zur Menschheit und zur ganzen
Schöpfung: Der Mensch entfernt sich so von Gott und verliert die Liebe.
Die Grundentscheidung kann also durch einzelne Akte völlig umgeworfen
werden. Zweifellos kann es unter psychologischem Aspekt viele komplexe und
dunkle Situationen geben, die für die subjektive Schuld des Sünders
Bedeutung haben. Aus der Betrachtung des psychologischen Bereichs kann man
jedoch nicht zur Aufstellung einer theologischen Kategorie übergehen, wie
es gerade die »optio fundamentalis« ist, wenn sie so verstanden wird, daß
sie auf der objektiven Ebene die traditionelle Auffassung von Todsünde
ändert oder in Zweifel zieht.
Wenn
auch jeder ehrliche und kluge Versuch, das psychologische und theologische
Geheimnis der Sünde zu klären, anerkannt werden muß, so hat die
Kirche doch die Pflicht, alle Erforscher dieser Materie einerseits an die
Notwendigkeit zu erinnern, dem Wort Gottes treu zu bleiben, das uns auch
über die Sünde belehrt, und andererseits auf die Gefahr hinzuweisen,
daß man dazu beiträgt, in der heutigen Welt den Sinn für die
Sünde noch mehr abzuschwächen.
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