Verlust
des Sündenbewußtseins
18.
Durch die Heilige Schrift, wie sie in der Gemeinschaft der Kirche gelesen wird,
hat sich das christliche Gewissen die Generationen hindurch ein feines
Gespür und eine wache Aufmerksamkeit für die Fermente des Todes
erworben, die in der Sünde enthalten sind; ein Gespür und eine
Aufmerksamkeit, um solche Fermente auch in den tausenderlei Formen auszumachen,
die die Sünde annimmt, in den Tausenden von Gesichtern, mit denen sie sich
zeigt. Das ist es, was man Sündenbewußtsein zu nennen pflegt.
Dieses
Bewußtsein hat seine Wurzel im Gewissen des Menschen und ist gleichsam
dessen Barometer. Es ist an das Bewußtsein für Gott gebunden,
da es sich von der bewußten Beziehung herleitet, die der Mensch zu Gott,
seinem Schöpfer, Herrn und Vater, hat. Wie man also das Bewußtsein
für Gott nicht vollständig zum Verschwinden bringen noch das Gewissen
auslöschen kann, so kann man auch niemals vollständig das
Sündenbewußtsein beseitigen.
Und
doch geschieht es nicht selten im Lauf der Geschichte über mehr oder
weniger lange Zeiten hin und unter dem Einfluß vielfältiger
Faktoren, daß sich das moralische Bewußtsein in vielen Menschen
stark verdunkelt. »Haben wir eine richtige Vorstellung vom Gewissen?«, so habe
ich mich vor zwei Jahren an die Gläubigen gewandt. - »Lebt der moderne
Mensch nicht unter der Bedrohung einer Verdunkelung seines Gewissens? Einer
Verformung des Gewissens? Einer Trübung oder Betäubung des
Gewissens?«.(97)
Allzu
viele Anzeichen deuten darauf hin, daß es in unserer Zeit
tatsächlich eine solche Verdunkelung gibt, die um so beunruhigender ist,
als dieses Gewissen, vom Konzil definiert als »die verborgenste Mitte und das
Heiligtum im Menschen«,(98) »eng an die Freiheit des Menschen
gebunden ist... Deshalb ist das Gewissen die erste Grundlage der inneren
Würde des Menschen und zugleich seiner Beziehung zu Gott«.(99)
Deshalb ist es unvermeidlich, daß in dieser Situation auch das Sündenbewußtsein
verdunkelt wird, welches eng mit dem moralischen Bewußtsein, mit der
Suche nach der Wahrheit, mit dem Willen, die Freiheit verantwortlich zu
gebrauchen, verbunden ist. Mit dem Gewissen wird auch das Gottesbewußtsein
verdunkelt, und mit dem Verlust dieses entscheidenden inneren Bezugspunktes
verliert man dann auch das Sündenbewußtsein. Deshalb konnte mein
Vorgänger Pius XII. einmal mit einem emphatischen Wort, das nahezu
sprichwörtlich geworden ist, erklären, daß »die Sünde des
Jahrhunderts der Verlust des Bewußtseins von Sünde
ist«.(100)
Warum
gibt es dieses Phänomen in unserer Zeit? Ein Blick auf einige Elemente
heutiger Kultur kann uns helfen, das fortschreitende Schwinden und sogar
Erlöschen des Sündenbewußtseins zu verstehen, und das gerade
wegen der Krise des Gewissens und des Gottesbewußtseins, wie oben betont
worden ist.
Der
»Säkularismus«, der seiner Natur und Definition nach eine Bewegung von
Ideen und Haltungen ist, die für einen Humanismus völlig ohne Gott
kämpft, der sich ganz konzentriert auf den Kult des Machens und des
Produzierens, der überwältigt ist vom Rausch des Konsums und des
Genusses, ohne Sorge um die Gefahr, die eigene Seele zu verlieren, muß notwendigerweise
das Sündenbewußtsein untergraben. Bestenfalls wird sich dabei das
Sündenbewußtsein auf das reduzieren, was den Menschen beleidigt.
Aber gerade hier drängt sich die bittere Erfahrung auf, an die ich in
meiner ersten Enzyklika erinnert habe, daß nämlich der Mensch eine Welt
ohne Gott bauen kann, diese Welt sich aber schließlich gegen den Menschen
selbst richten wird.(101) Gott ist jedoch tatsächlich der Ursprung
und das höchste Ziel des Menschen, und dieser trägt in sich einen
göttlichen Keim.(102) Deshalb ist es das Geheimnis Gottes, das das
Geheimnis des Menschen enthüllt und beleuchtet. Es ist also vergeblich, zu
hoffen, daß ein Sündenbewußtsein gegenüber den Menschen
und den menschlichen Werten Bestand haben könnte, wenn der Sinn für
die gegen Gott begangene Beleidigung, das heißt das wahre
Sündenbewußtsein, fehlt.
Dieses
Sündenbewußtsein schwindet in der heutigen Gesellschaft auch
aufgrund der Mißverständnisse, zu denen man kommt, wenn man gewisse
Ergebnisse der Humanwissenschaften übernimmt. Gestützt auf bestimmte
Aussagen der Psychologie, führt die Sorge, von Schuld zu sprechen oder die
Freiheit nicht zu beschränken, zum Beispiel dazu, überhaupt kein
Vergehen mehr anzuerkennen. Durch eine ungebührliche Ausweitung
soziologischer Kriterien kommt man schließlich dazu - wie ich bereits
angedeutet habe -, alle Schuld auf die Gesellschaft abzuwälzen,
während der einzelne als unschuldig erklärt wird. Indem gewisse
Lehren zur menschlichen Kultur die gewiß unleugbaren Bedingungen und
Einflüsse von Umwelt und Geschichte, die auf den Menschen einwirken,
erweitern, schränken auch sie die Verantwortung des Menschen so stark ein,
daß sie ihm nicht mehr die Fähigkeit zuerkennen, wahre menschliche
Akte zu setzen und somit auch zu sündigen.
Das
Sündenbewußtsein schwindet auch leicht infolge einer Ethik, die sich
aus einem gewissen Geschichtsrelativismus herleitet. Das geschieht auch durch
eine Ethik, die die moralische Norm relativiert und ihren absoluten,
unbedingten Wert leugnet und folglich bestreitet, daß es Akte geben
könne, die in sich unerlaubt sind, unabhängig von den Umständen,
unter denen der Handelnde sie setzt. Es handelt sich dabei um einen wahren
»Umsturz und Verfall der moralischen Werte«; »das Problem ist dann nicht so
sehr die Unkenntnis der christlichen Ethik«, sondern »vielmehr des Sinnes, der
Grundlagen und der Kriterien einer moralischen Haltung«.(103) Die
Wirkung eines solchen Umsturzes der Ethik ist stets eine derartige
Schwächung des Sündenbegriffes, daß man bei der Behauptung
endet, die Sünde sei wohl vorhanden, aber man wisse nicht, wer sie begehe.
Schließlich
schwindet das Sündenbewußtsein, wenn es - wie es in der Unterweisung
der Jugend, in den Massenmedien, ja selbst in der Erziehung zu Hause geschehen
kann - fälschlicherweise mit einem krankhaften Schuldgefühl
gleichgesetzt oder mit einer bloßen Übertretung von gesetzlichen
Normen und Vorschriften verbunden wird.
Der
Verlust des Sündenbewußtseins ist also eine Form oder eine Frucht
der Verneinung Gottes nicht nur in ihrer atheistischen, sondern auch in
ihrer säkularistischen Spielart. Wenn Sünde ein Abbruch der
Kindesbeziehung zu Gott ist, um die eigene Existenz aus dem Gehorsam ihm
gegenüber herauszunehmen, dann ist Sündigen nicht nur eine Verneinung
Gottes: Sündigen ist auch, so zu leben, als ob er nicht existiere;
Sündigen ist, ihn aus dem eigenen Alltag zu beseitigen. Ein
verstümmeltes oder in manchem Sinne unausgewogenes Gesellschaftsmodell,
wie es häufig von den Massenmedien vertreten wird, fördert nicht
wenig den fortschreitenden Verlust des Sündenbewußtseins. In einer
solchen Situation ist die Verdunkelung oder Schwächung des
Sündenbewußtseins das Ergebnis einer Ablehnung jeden Bezuges zur
Transzendenz im Namen des Verlangens nach personaler Autonomie; oder auch der
Unterwerfung unter ethische Modelle, welche der allgemeine Konsens und das
generelle Verhalten aufdrängen, auch wenn das Gewissen des einzelnen sie
verurteilt; oder auch das Ergebnis der dramatischen sozio-ökonomischen
Verhältnisse, die einen so großen Teil der Menschheit
unterdrücken und dadurch die Tendenz erzeugen, Irrtum und Schuld nur im
Bereich der Gesellschaft zu sehen; schließlich und vor allem auch das
Ergebnis der Verdunkelung der Vaterschaft Gottes und seiner Herrschaft
über das Leben des Menschen.
Selbst
im Bereich des kirchlichen Denkens und Lebens begünstigen einige Tendenzen
unvermeidlich den Niedergang des Sündenbewußtseins. Einige zum
Beispiel neigen dazu, übertriebene Einstellungen der Vergangenheit durch
neue Übertreibungen zu ersetzen: Nachdem die Sünde überall
gesehen wurde, gelangt man dazu, sie nirgendwo mehr zu sehen; von einer
Überbetonung der Furcht vor den ewigen Strafen kommt man zu einer
Verkündigung der Liebe Gottes, die jede für Sünde verdiente
Strafe ausschließt; von der Strenge im Bemühen, irrige Gewissen zu
bessern, gelangt man zu einer scheinbaren Achtung des Gewissens, derentwegen
man sogar die Pflicht, die Wahrheit auszusprechen, unterdrückt. Warum
sollte man nicht hinzufügen, daß die Verwirrung, die in den
Gewissen vieler Gläubigen durch unterschiedliche Meinungen und Lehren in
Theologie, Verkündigung, Katechese und geistlicher Führung zu schwerwiegenden
und heiklen Fragen der christlichen Moral geschaffen worden ist, auch dazu
führt, das echte Sündenbewußtsein zu mindern und nahezu auszulöschen?
Es sollen auch nicht einige Mängel in der Praxis des Bußsakramentes
verschwiegen werden: so zum Beispiel die Tendenz, die kirchliche Dimension von
Sünde und Bekehrung zu verdunkeln, indem man sie zu rein individuellen
Angelegenheiten macht, oder umgekehrt die Tendenz, die personale Tragweite von
Gut und Böse aufzuheben, indem man ausschließlich ihre
gemeinschaftliche Dimension beachtet; solcherart ist auch die nie ganz gebannte
Gefahr eines gewohnheitsmäßigen Ritualismus, der dem
Bußsakrament seine volle Bedeutung und seine formende Kraft nimmt.
Das
echte Sündenbewußtsein wieder neu zu formen, das ist die erste
Weise, um die schwere geistige Krise, die den Menschen unserer Zeit
bedrückt, anzugehen. Das Sündenbewußtsein stellt man aber nur
durch eine klare Berufung auf unaufgebbare Prinzipien der Vernunft und des
Glaubens wieder her, wie die Morallehre der Kirche sie immer vertreten hat.
Es
besteht die berechtigte Hoffnung, daß vor allem im christlichen und
kirchlichen Bereich ein gesundes Sündenbewußtsein wieder aufbricht.
Dem dienen eine gute Katechese, erhellt durch die biblische Theologie des
Bundes, ein aufmerksames Hören auf das Lehramt der Kirche, das
unaufhörlich den Gewissen Licht bietet, und eine vertrauensvolle Annahme
ihres Wortes sowie eine immer sorgfältigere Praxis des
Bußsakramentes.
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