19.
Um die Sünde zu erkennen, mußten wir unseren Blick auf ihre Natur
richten, wie sie uns die Offenbarung der Heilsökonomie hat erkennen
lassen: sie ist Geheimnis des Bösen. In dieser Ökonomie ist
die Sünde aber nicht der Haupthandelnde und noch weniger der Sieger. Sie
hat einen Gegenspieler in einem anderen Wirkprinzip, das wir - um einen
schönen und suggestiven Ausdruck des hl. Paulus zu benutzen - das Geheimnis
oder Sakrament des Glaubens nennen können. Die Sünde des
Menschen wäre siegreich und am Ende zerstörerisch, der Heilsplan
Gottes würde unvollkommen bleiben und sogar vereitelt werden, wenn dieses Geheimnis
des Glaubens nicht seinen Platz in der Dynamik der Geschichte erhalten
hätte, um die Sünde des Menschen zu besiegen.
Wir
finden diesen Ausdruck in einem der Pastoralbriefe des hl. Paulus, im 1.
Brief an Timotheus. Er tritt unerwartet auf, wie durch eine plötzliche
Eingebung. Der Apostel hat nämlich vorher lange Abschnitte seiner
Botschaft seinem Lieblingsjünger gewidmet, um ihm die Bedeutung der
Gemeindeordnung (die liturgische und die mit ihr verbundene hierarchische) zu
erklären; er hat also von der Aufgabe der Gemeindeleiter, vor allem der
Diakone, gesprochen, um schließlich das Verhalten von Timotheus selber in
»der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der
Wahrheit ist«, zu behandeln. Da ruft er am Ende des Abschnittes unvermittelt
und doch wohlbedacht aus, was allem, das er geschrieben hat, einen besonderen
Sinn gibt: »Wahrhaftig, das Geheimnis unseres Glaubens ist groß...«.(104)
Ohne
den wörtlichen Sinn des Textes im geringsten zu verraten, können wir
diese großartige theologische Intuition des Apostels zu einer
umfassenderen Sicht von der Aufgabe ausweiten, die der von ihm verkündeten
Wahrheit in der Heilsökonomie zukommt. »Wahrhaftig«, wiederholen wir mit
dem Apostel, »das Geheimnis unseres Glaubens ist groß«, weil es die
Sünde besiegt.
Was
aber ist nach paulinischer Auffassung dieser »Glaube«?
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