Unterwegs
zu einem versöhnten Leben
22.
So öffnet das Wort der Schrift, indem es uns das Geheimnis des Glaubens
offenbart, den menschlichen Verstand für die Bekehrung und die
Versöhnung, verstanden nicht als abstrakte Größen, sondern als
konkrete christliche Werte, die es in unserem Alltag zu erwerben gilt.
Bedroht
vom Verlust des Sündenbewußtseins und zuweilen versucht von einer
wenig christlichen Illusion von Sündenlosigkeit haben es auch die Menschen
von heute nötig, die Ermahnung des hl. Johannes als an jeden
persönlich gerichtet neu zu hören: »Wenn wir sagen, daß wir keine
Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist
nicht in uns«,(110) ja sogar »die ganze Welt steht unter der Macht des
Bösen«.(111) Jeder ist also durch die Stimme der göttlichen
Wahrheit eingeladen, realistisch sein Gewissen zu erforschen und zu bekennen,
daß er in Schuld geboren ist, wie wir im Psalm Miserere
beten.(112)
Dennoch
können sich die Menschen von heute, die von Furcht und Verzweiflung
bedrängt sind, durch die göttliche Verheißung aufgerichtet
fühlen, die ihnen die Hoffnung auf die volle Versöhnung schenkt.
Das
Geheimnis des Glaubens von seiten Gottes ist jene Barmherzigkeit, an der der
Herr, unser Vater, - ich wiederhole es noch einmal - unendlich reich
ist.(113) Wie ich in meiner Enzyklika, die dem Thema der göttlichen
Barmherzigkeit gewidmet ist,(114) gesagt habe, ist dies eine Liebe,
die stärker ist als die Sünde, stärker als der Tod. Wenn wir
erkennen, daß die Liebe, die Gott zu uns hat, vor unserer Sünde
nicht Halt macht, vor unseren Beleidigungen nicht zurückweicht, sondern an
Sorge und hochherziger Zuwendung noch wächst; wenn wir uns bewußt
werden, daß diese Liebe sogar das Leiden und den Tod des menschgewordenen
Wortes bewirkt hat, das bereit war, uns um den Preis seines Blutes zu
erlösen, dann rufen wir voller Dankbarkeit aus: »Ja, der Herr ist reich an
Erbarmen« und sagen sogar: »Der Herr ist Barmherzigkeit«.
Das
Geheimnis des Glaubens ist der offene Weg von der göttlichen
Barmherzigkeit zum versöhnten Leben.
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