Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek
Ioannes Paulus PP. II
Reconciliatio et Paenitentia

IntraText CT - Text

  • DRITTER TEIL
    • ERSTES KAPITEL
      • 25
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen auszublenden

Der Dialog

25. Der Dialog ist für die Kirche in gewissem Sinn ein Mittel und vor allem eine Weise, um in der Welt von heute zu wirken.

Das II. Vatikanische Konzil hat nämlich verkündet, daß »die Kirche kraft ihrer Sendung, die ganze Welt mit der Botschaft des Evangeliums zu erleuchten und alle Menschen... in einem Geist zu vereinigen, zum Zeichen jener Brüderlichkeit wird, die einen aufrichtigen Dialog ermöglicht und gedeihen läßt«. Es fügt hinzu, daß sie imstande sein muß, »ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu bringen, die das eine Volk Gottes bilden«,(121) und auch »mit der menschlichen Gesellschaft... in ein Gespräch zu kommen«.(122)

Mein Vorgänger Paul VI. hat dem Dialog einen beträchtlichen Teil seiner ersten Enzyklika Ecclesiam suam gewidmet, wo er ihn bezeichnenderweise als Heilsdialog beschreibt und kennzeichnet.(123)

Die Kirche bedient sich in der Tat der Methode des Dialoges, um die Menschen - jene, die sich durch Taufe und Glaubensbekenntnis als Glieder der christlichen Gemeinschaft bekennen, und jene, die ihr fernstehen - besser zu Bekehrung und Buße, auf den Weg einer tiefen Erneuerung ihres persönlichen Gewissens und ihres Lebens sowie zum Licht des Geheimnisses der Erlösung und des Heiles zu führen, das von Christus gewirkt und dem Dienst seiner Kirche anvertraut worden ist. Der echte Dialog ist somit vor allem auf die Erneuerung eines jeden durch innere Bekehrung und Buße gerichtet, wobei er jedoch die Gewissen besonders achtet und mit Geduld und nur schrittweise vorgeht, was bei der Lage der Menschen unserer Zeit unerläßlich ist.

Der pastorale Dialog für eine Versöhnung bleibt auch heute in verschiedenen Bereichen und auf unterschiedlichen Ebenen eine grundlegende Aufgabe der Kirche.

Sie fördert vor allem einen ökumenischen Dialog, das heißt den Dialog zwischen den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die sich auf den Glauben an Christus, den Sohn Gottes und einzigen Erlöser, berufen, und einen Dialog mit den anderen Gemeinschaften von Menschen, die Gott suchen und Gemeinschaft mit ihm haben möchten.

Die Grundlage dieses Dialoges mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und mit den anderen Religionen muß, als Bedingung für seine Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit, ein aufrichtiges Bemühen um einen ständigen und erneuerten Dialog im Innern der katholischen Kirche selber sein. Die Kirche ist sich dessen bewußt, von Natur aus Sakrament der »universalen Gemeinschaft der Liebe« zu sein;(124) aber sie ist sich auch der Spannungen bewußt, die in ihrem Innern bestehen und die zu Ursachen der Spaltung zu werden drohen.

Der ernste und entschlossene Aufruf, den schon mein Vorgänger im Hinblick auf das Heilige Jahr 1975 an alle gerichtet hat,(125) gilt auch noch im gegenwärtigen Augenblick. Um die Konflikte zu überwinden und zu verhindern, daß die normalen Spannungen der Einheit der Kirche schaden, müssen wir uns alle unter das Wort Gottes stellen. Indem wir die eigenen subjektiven Ansichten aufgeben, haben wir die Wahrheit dort zu suchen, wo sie zu finden ist, das heißt im Wort Gottes und in der authentischen Interpretation, die das Lehramt der Kirche davon gibt. In diesem Licht sind das gegenseitige Aufeinanderhören, die Achtung voreinander und die Vermeidung jedes voreiligen Urteils, die Geduld und die Fähigkeit, die Unterordnung des Glaubens, der eint, unter die Meinungen, Modeerscheinungen und ideologischen Parteinahmen, die entzweien, zu vermeiden, alles Eigenschaften eines Dialoges, der im Innern der Kirche mit Ausdauer, bereitwillig und aufrichtig geübt werden muß. Es ist offenkundig, daß er nicht von solcher Art wäre und nicht ein Faktor der Versöhnung werden könnte, wenn er nicht auf das Lehramt achtet und es annimmt.

Indem sich die katholische Kirche auf diese Weise wirksam um die eigene innere Einheit bemüht, kann sie - wie sie es schon seit geraumer Zeit tut - an die anderen christlichen Kirchen, mit denen keine volle Einheit besteht, an die anderen Religionen und sogar an jene, die Gott mit aufrichtigem Herzen suchen, den Aufruf zur Versöhnung richten.

Im Licht des Konzils und des Lehramtes meiner Vorgänger, deren kostbares Erbe ich übernommen habe und zu bewahren und zu verwirklichen mich bemühe, kann ich feststellen, daß sich die katholische Kirche in allen ihren Bereichen mit Redlichkeit um den ökumenischen Dialog bemüht, und zwar ohne leichtfertigen Optimismus, aber auch ohne Mißtrauen, ohne Zögern und Zaudern. Die Grundregeln, die sie in diesem Dialog zu befolgen sucht, sind einerseits die Überzeugung, daß nur ein geistlicher Ökumenismus - das heißt einer, der im gemeinsamen Gebet und in der gemeinsamen Verfügbarkeit dem einen Herrn gegenüber gründet - es gestattet, aufrichtig und ernsthaft auf die anderen Erfordernisse ökumenischen Handelns zu antworten;(126) andererseits die Überzeugung, daß ein gewisser leichtfertiger Irenismus im Bereich der Lehre, vor allem im Dogma, allenfalls zu einer nicht dauerhaften Form oberflächlichen Zusammengehens führen könnte, nicht aber zu jener tiefen und beständigen Gemeinschaft, die wir uns alle wünschen. Zu dieser Gemeinschaft wird man in der von der göttlichen Vorsehung bestimmten Stunde gelangen; damit dies aber gelingt, weiß die katholische Kirche, daß sie selber offen und empfänglich sein muß für »die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe..., die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden«.(127) Gleichzeitig aber bilden Klarheit in der Gesprächsführung, Treue und Übereinstimmung mit dem im Lauf der christlichen Tradition vom Lehramt überlieferten und definierten Glauben die unerläßlichen Voraussetzungen für einen ehrlichen und konstruktiven Dialog. Trotz der Gefahr eines gewissen Defätismus und eines unvermeidlich langsamen Vorgehens, das niemals durch Unbesonnenheit behoben werden kann, fährt die katholische Kirche fort, mit allen anderen christlichen Brüdern die Wege zur Einheit und mit den Anhängern der anderen Religionen einen aufrichtigen Dialog zu suchen. Möge dieser Dialog mit den anderen Kirchen und Religionen zur Überwindung jeglicher Form von Feindseligkeit, Mißtrauen, gegenseitigem Verurteilen und erst recht von gegenseitigen Angriffen führen, Vorbedingung für eine Begegnung wenigstens im Glauben an den einen Gott und in der Hoffnung auf ein ewiges Leben für die unsterbliche Seele. Gebe Gott, daß der ökumenische Dialog zu einer aufrichtigen Verständigung über all das führe, was wir mit diesen Kirchen bereits gemeinsam haben können: der Glaube an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, unseren Erlöser und Herrn, das Hören auf das Wort, das Studium der Offenbarung, das Sakrament der Taufe.

In dem Maße, wie die Kirche fähig ist, in ihrem eigenen Innern eine wirksame Eintracht - die Einheit in der Verschiedenheit - zu verwirklichen und sich gegenüber den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und den anderen Religionen als Zeugin und demütige Dienerin der Versöhnung zu erweisen, wird sie selber nach einem prägnanten Ausdruck des hl. Augustinus »versöhnte Welt«.(128) So wird sie Zeichen der Versöhnung in der Welt und für die Welt sein können.

Im Bewußtsein der ungeheuer schwierigen Situation, die durch die Kräfte der Entzweiung und des Krieges geschaffen worden ist und heute eine schwere Bedrohung nicht nur für das Gleichgewicht und die Harmonie zwischen den Nationen, sondern für das Überleben der Menschheit selbst darstellt, fühlt die Kirche sich verpflichtet, ihre spezifische Mitarbeit für die Überwindung der Konflikte und die Wiederherstellung der Eintracht anzubieten und zu empfehlen.

Es ist ein komplexer und heikler Dialog der Versöhnung, um den sich die Kirche vor allem durch das Wirken des Heiligen Stuhles und seiner verschiedenen Organismen bemüht. Man kann sagen, daß der Heilige Stuhl alle Kraft dafür verwendet, bei den Regierungen der Nationen und den Verantwortlichen der verschiedenen internationalen Einrichtungen vorstellig zu werden oder durch Gespräche mit ihnen und durch die Förderung des Dialogs zwischen ihnen mit diesen zusammenzuwirken, um inmitten zahlreicher Konflikte eine Aussöhnung herbeizuführen. Sie tut dies nicht sekundärer Zwecke oder geheimer Interessen wegen - denn solche hat sie nicht -, sondern »aus humanitärer Sorge«,(129) indem sie ihre einzigartige institutionelle Struktur und moralische Autorität in den Dienst der Eintracht und des Friedens stellt. Sie tut dies in der Überzeugung, daß wie »im Krieg sich zwei Seiten gegeneinander erheben«, so auch »in der Frage des Friedens es immer und notwendig zwei Seiten sind, die sich dafür einsetzen müssen«, und daß darin »der wahre Sinn des Dialoges für den Frieden liegt«.(130)

Im Dialog für die Versöhnung setzt sich die Kirche auch durch die Bischöfe ein entsprechend der ihnen eigenen Zuständigkeit und Verantwortung, sei es individuell in der Leitung ihrer jeweiligen Teilkirchen, sei es vereint in ihren Bischofskonferenzen, unter der Mitarbeit der Priester und aller Glieder der christlichen Gemeinschaften. Sie erfüllen ihre Aufgaben dadurch, daß sie jenen unentbehrlichen Dialog fördern und die menschlichen und christlichen Forderungen nach Versöhnung und Frieden erheben. In Gemeinschaft mit ihren Hirten sind die Laien, die als »eigentliches Feld ihrer evangelisierenden Tätigkeit die weite und schwierige Welt der Politik, der sozialen Wirklichkeit, der Wirtschaft.... des internationalen Lebens«(131) haben, aufgerufen, sich unmittelbar um den Dialog oder um die Förderung des Dialogs für den Frieden zu bemühen. Auch durch sie verwirklicht die Kirche ihren Einsatz für Versöhnung.

In der Erneuerung der Herzen durch Bekehrung und Buße liegt also die grundlegende Voraussetzung und das sichere Fundament für jede dauerhafte soziale Erneuerung und für den Frieden unter den Völkern.

Es bleibt noch zu betonen, daß der Dialog von seiten der Kirche und ihrer Glieder, in welcher Form er auch immer geschieht - und es sind und können sehr verschiedene sein, so daß der Begriff Dialog eine analoge Bedeutung hat -, niemals von einer indifferenten Haltung gegenüber der Wahrheit ausgehen darf, sondern diese vielmehr zur Darstellung bringen soll, und zwar in einer ausgeglichenen Weise, die auch den Verstand und das Gewissen der anderen achtet. Der Dialog zur Versöhnung kann niemals die Verkündigung der Wahrheit des Evangeliums ersetzen oder abschwächen, die eindeutig die Bekehrung von der Sünde und die Gemeinschaft mit Christus und der Kirche zum Ziel hat, sondern muß ihrer Weitervermittlung und Verwirklichung durch jene Mittel dienen, die Christus seiner Kirche für die Pastoral der Versöhnung hinterlassen hat: die Katechese und die Buße.




121 Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 92.



122 Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche Christus Dominus, 13; vgl. Erklärung über die christliche Erziehung Gravissimum educationis, 8; Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, 11-12.



123 Vgl. PAUL VI., Enzyklika Ecclesiam suam, III: AAS 56 (1964) 639-659.



124 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 1.9.13.



125 PAUL VI., Apostolisches Schreiben Paterna cum benevolentia: AAS 67 (1975) 5-23.



126 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio, 7-8.



127 Ebenda, 4.



128 AUGUSTINUS, Sermo 96, 7: PL 38, 588.



129 Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Mitglieder des Diplomatischen Korps beim Heiligen Stuhl (15. Januar 1983), 4. 6. 11: AAS 75 (1983) 376. 378 f. 381.



130 JOHANNES PAUL II., Homilie in der Messe zum XVI. Weltfriedenstag (1. Januar 1983), 6: Insegnamenti, VI, 1(1983) 7.



131 PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 70: AAS 68 (1976) 59 f.






zurück - vor

Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek

Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC
IntraText® (V89) - Some rights reserved by EuloTech SRL - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License