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Ioannes Paulus PP. II
Reconciliatio et Paenitentia

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  • DRITTER TEIL
    • ERSTES KAPITEL
      • 26
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Die Katechese

26. Im weiten Bereich, in dem die Kirche mit dem Mittel des Dialoges ihre Sendung auszufüren sucht, wendet sich die Pastoral der Buße und der Versöhnung an die Glieder der kirchlichen Gemeinschaft vor allem mit einer entsprechenden Katechese über diese zwei verschiedenen und sich ergänzenden Wirklichkeiten, denen die Väter der Synode eine besondere Bedeutung beigemessen haben und die von ihnen in einigen Schlußvorlagen besonders herausgestellt worden sind: eben die Buße und die Versöhnung. Die Katechese ist also das erste Mittel, das eingesetzt werden muß.

An der Wurzel dieser sehr zeitgemäßen Empfehlung der Synode liegt eine grundlegende Voraussetzung: Was pastoral ist, steht nicht im Widerspruch zur Lehre, noch kann das pastorale Wirken vom Glaubensinhalt absehen, von dem es vielmehr seine Substanz und wirkliche Kraft erhält. Wenn die Kirche »Säule und Fundament der Wahrheit«(132) ist und als Mutter und Lehrmeisterin in die Welt gesandt ist, wie könnte sie dann die Aufgabe unterlassen, die Wahrheit zu lehren, die den Weg zum Leben darstellt?

Von den Hirten der Kirche erwartet man zuallererst eine Katechese über die Versöhnung. Diese muß sich unbedingt auf die Lehre der Bibel gründen, besonders auf jene des Neuen Testamentes über die Notwendigkeit, den Bund mit Gott in Christus, der erlöst und versöhnt, wiederherzustellen, und - im Licht und als Ausweitung dieser neuen Gemeinschaft und Freundschaft - über die Versöhnung mit dem Bruder, selbst wenn dafür die Darbringung des Opfers unterbrochen werden müßte.(133) Jesus betont nachdrücklich dieses Thema der brüderlichen Versöhnung: zum Beispiel wenn er einlädt, dem, der uns schlägt, auch die andere Wange hinzuhalten, und dem, der uns das Hemd raubt, auch den Mantel zu überlassen,(134) oder wenn er das Gesetz der Vergebung einschärft: eine Vergebung, die jeder in dem Maß empfängt, wie er selber vergibt,(135) eine Vergebung, die auch den Feinden anzubieten ist,(136) eine Vergebung, die man siebzigmal siebenmal gewähren muß,(137) das heißt praktisch ohne jede Einschränkung. Unter diesen Bedingungen, die nur in echt evangelischem Geist verwirklicht werden können, ist wahre Versöhnung unter den einzelnen, zwischen Familien, Gemeinschaften, Völkern und Nationen möglich. Von diesen biblischen Aussagen über die Versöhnung leitet sich natürlich eine theologisch bestimmte Katechese ab, die in ihre Synthese auch die Elemente der Psychologie, der Soziologie und der Humanwissenschaften einbeziehen wird, weil sie dazu dienen können, die Situationen zu klären, die Probleme richtig zu stellen, die Hörer oder die Leser zu überzeugen, konkrete Entscheidungen zu treffen.

Von den Hirten der Kirche erwartet man ferner eine Katechese über die Buße. Auch hierfür muß der Reichtum der biblischen Botschaft die Quelle sein. Diese Botschaft unterstreicht in der Buße vor allem deren Wert für die Bekehrung, ein Begriff, mit dem man das griechische Wort metánoia zu übersetzen sucht,(138) das wörtlich besagt, den Geist umzuwenden, um ihn auf Gott hinzuwenden. Dies sind übrigens auch die beiden Grundelemente, die im Gleichnis vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn deutlich hervortreten: das »Insichgehen« (139) und die Entscheidung, zum Vater zurückzukehren. Es kann ohne diese ursprünglichen Verhaltensweisen der Bekehrung keine Versöhnung geben. Die Katechese muß sie mit Begriffen und Worten erklären, die den verschiedenen Altersstufen und den unterschiedlichen kulturellen, sittlichen und sozialen Verhältnissen angepaßt sind.

Dies ist ein erster Wert der Buße, der sich in einem zweiten fortsetzt: Buße bedeutet auch Reue. Diese beiden Bedeutungen von metánoia zeigen sich in der bezeichnenden Weisung, die Jesus gegeben hat: »Wenn dein Bruder... sich ändert (und zurückkehrt), vergib ihm. Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will mich ändern!, so sollst du ihm vergeben«.(140) Eine gute Katechese wird aufzeigen, wie die Reue ebenso wie die Bekehrung, weit davon entfernt, nur ein oberflächliches Gefühl zu sein, eine wirkliche Umwandlung der Seele darstellt.

Ein dritter Wert ist in der Buße enthalten. Es ist die Bewegung, durch die sich die vorhergehenden Haltungen der Bekehrung und Reue nach außen zeigen: das Bußetun. Diese Bedeutung ist im Begriff metánoia gut erkenntlich, wie er vom Vorläufer Jesu im Text der Synoptiker benutzt wird.(141) Bußetun will vor allem besagen, das Gleichgewicht und die Harmonie, die durch die Sünde zerstört worden sind, wiederherzustellen und auch um den Preis von Opfern die Richtung zu ändern.

Eine möglichst umfassende und angemessene Katechese über die Buße ist in einer Zeit wie der unsrigen unverzichtbar, in der die vorherrschenden Haltungen im gesellschaftlichen Denken und Verhalten in so offenem Gegensatz zu dem soeben erläuterten dreifachen Wert stehen: Dem heutigen Menschen scheint es schwerer zu fallen als je zuvor, seine eigenen Fehler zuzugeben und sich zu entscheiden, seine Schritte zu überprüfen, um den Weg nach erfolgter Änderung der Richtung wieder aufzunehmen. Es widerstrebt ihm sehr zu sagen »ich bereue« oder »es tut mir leid«; er scheint instinktiv und oft unwiderstehlich alles abzulehnen, was Buße im Sinn eines Opfers ist, das zur Korrektur der Sünde angenommen und getan wird. Hierzu möchte ich betonen, daß die Bußdisziplin der Kirche, auch wenn sie seit einiger Zeit erleichtert worden ist, nicht ohne großen Schaden für das innere Leben der Christen und der kirchlichen Gemeinschaft wie für ihre missionarische Ausstrahlungskraft aufgehoben werden könnte. Nicht selten sind Nichtchristen über das geringe Zeugnis an wahrer Buße von seiten der Jünger Christi überrascht. Selbstverständlich ist christliche Buße nur dann echt, wenn sie von der Liebe und nicht von bloßer Furcht eingegeben ist; wenn sie sich ernsthaft darum bemüht, den »alten Menschen« zu kreuzigen, damit durch das Wirken Christi der »neue« geboren werden kann; wenn sie als Vorbild Christus folgt, der, obwohl unschuldig, den Weg der Armut, der Geduld, der Entsagung und, so kann man sagen, der Buße gewählt hat.

Von den Hirten der Kirche erwartet man ferner - wie die Synode in Erinnerung gebracht hat - eine Katechese über das Gewissen und seine Formung. Auch das ist ein Thema von großer Aktualität, wenn man beachtet, wie dieses innere Heiligtum, das heißt die Ich-Mitte des Menschen, sein Gewissen, von den Stößen, denen die Kultur unserer Zeit ausgesetzt ist, allzu oft bedrängt, auf die Probe gestellt, verwirrt und verdunkelt wird. Für eine kluge Katechese über das Gewissen kann man wertvolle Hinweise bei den Kirchenvätern, in der Theologie des II. Vatikanischen Konzils, besonders in den zwei Dokumenten über die Kirche in der Welt von heute(142) und über die Religionsfreiheit(143) finden. Ebenso hat auch Papst Paul VI. oft dazu Stellung genommen, um an die Natur und die Rolle des Gewissens in unserem Leben zu erinnern.(144) Ich selber unterlasse, indem ich ihm darin folge, keine Gelegenheit, um diesen überaus wichtigen Teil der Größe und Würde des Menschen deutlich herauszustellen,(145) diese »Art von moralischem Sinn, der uns befähigt, zwischen gut und böse zu unterscheiden... wie ein inneres Auge, eine Sehkraft des Geistes, die unsere Schritte auf den Weg des Guten zu führen vermag«. Zugleich unterstreiche ich die Notwendigkeit, das eigene Gewissen christlich zu formen, damit es nicht zu »einer zerstörenden Macht des wahren Menschseins (der Person) werde, sondern vielmehr zum heiligen Ort, wo Gott dieser ihr wahres Gut offenbart«.(146)

Auch über andere für die Versöhnung nicht weniger wichtige Punkte erwarten die Menschen die Katechese der Hirten der Kirche:

    Über das Sündenbewußtsein, das - wie ich schon gesagt habe - in unserer Welt nicht wenig verkümmert ist. Über die Versuchung und die Versuchungen: Jesus Christus selber, der Sohn Gottes, »der wie wir in allem versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat«,(147) wollte vom Bösen versucht werden,(148) um zu zeigen, daß, wie er, auch seine Jünger der Versuchung ausgesetzt sind und wie sie sich in der Versuchung zu verhalten haben. Für den, der den Vater bittet, nicht über seine Kräfte versucht zu werden(149) und der Versuchung nicht zu unterliegen,(150) für den, der sich nicht den Gelegenheiten zur Sünde aussetzt, bedeutet die Tatsache der Versuchung nicht, schon gesündigt zu haben, sondern wird für ihn vielmehr zum Anlaß, in Treue und konsequenter Lebensführung durch Demut und Wachsamkeit zu wachsen. Über das Fasten, das in alten und neuen Formen als Zeichen der Bekehrung und Reue, der persönlichen Abtötung und zugleich der Einheit mit Christus, dem Gekreuzigten, und der Solidarität mit den Hungernden und Leidenden geübt werden kann. Über das Almosen, das ein Mittel ist, die Liebe konkret zu leben, indem man das, was man besitzt, mit dem teilt, der unter den Folgen von Armut leidet. Über den inneren Zusammenhang, der die Überwindung aller Spaltungen in der Welt an die volle Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen bindet, was das eschatologische Ziel der Kirche darstellt. Über die konkreten Umstände, in denen man die Versöhnung verwirklichen soll (in der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft, in den sozialen Strukturen) und besonders über die vier Versöhnungen, die die vier grundlegenden Brüche heilen: Versöhnung des Menschen mit Gott, mit sich selber, mit den Brüdern, mit der ganzen Schöpfung.

Auch kann die Kirche nicht ohne schwerwiegende Verstümmelung ihrer wesentlichen Botschaft auf eine beständige Katechese darüber verzichten, was der traditionelle christliche Sprachgebrauch als die vier Letzten Dinge des Menschen bezeichnet: Tod, Gericht, Hölle und Paradies. In einer Kultur, die den Menschen in sein mehr oder weniger gelungenes irdisches Leben einzuschließen sucht, verlangt man von den Hirten der Kirche eine Katechese, die mit der Gewißheit des Glaubens das Jenseits erschließt und erhellt: Jenseits der geheimnisvollen Pforten des Todes zeichnet sich eine Ewigkeit der Freude in der Gemeinschaft mit Gott oder der Strafe in der Ferne von ihm ab. Nur in dieser eschatologischen Sicht kann man das richtige Maß für die Sünde erhalten und sich entschieden zu Buße und Versöhnung angetrieben fühlen.

Eifrigen und fähigen Hirten fehlen niemals die Gelegenheiten, um diese umfassende und vielfältige Katechese zu erteilen, wobei sie der Verschiedenheit der Kultur und der religiösen Bildung derer Rechnung tragen, an die sie sich richten. Solche Gelegenheiten bieten oft die biblischen Lesungen und die Riten der hl. Messe und der anderen Sakramente wie auch die Anlässe selbst, zu denen diese gefeiert werden. Zum selben Zweck können auch viele andere Anlässe benutzt werden wie: Predigten, Lesungen, Diskussionen, Begegnungen, religiöse Fortbildungskurse usw., wie es an vielen Orten geschieht. Ich möchte hier besonders die Bedeutung und Wirksamkeit unterstreichen, die für die Katechese die alten Volksmissionen haben. Wenn sie an die besonderen Erfordernisse unserer Zeit angepaßt werden, können sie heute wie gestern ein geeignetes Mittel für die Glaubenserziehung sein, auch was den Bereich der Buße und Versöhnung betrifft.

Wegen der großen Bedeutung, die der Versöhnung, die auf der Bekehrung gründet, im vielschichtigen Bereich der menschlichen Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf allen Ebenen, einschließlich der internationalen, zukommt, muß sich die Katechese auch des wertvollen Beitrages der Soziallehre der Kirche bedienen. Die zeitgemäße und klare Lehre meiner Vorgänger, angefangen von Papst Leo XIII., an die sich die wichtigen Aussagen der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des II. Vatikanischen Konzils und jene der verschiedenen Episkopate anschließen, mit denen diese auf die verschiedenen Verhältnisse in den jeweiligen Ländern geantwortet haben, bildet ein umfangreiches und solides Lehrgefüge für die vielfältigen Erfordernisse im Leben der menschlichen Gemeinschaft, in den Beziehungen der einzelnen, der Familien und Gruppen in ihren verschiedenen Bereichen und beim Aufbau einer Gesellschaft, die dem Sittengesetz, der Grundlage der Zivilisation, entsprechen will.

Dieser sozialen Unterweisung der Kirche liegt natürlich jene Sicht zugrunde, die sich aus dem Wort Gottes über die Rechte und Pflichten der einzelnen, der Familien und der Gemeinschaft herleitet; ferner über den Wert der Freiheit und die Dimensionen der Gerechtigkeit; über den Primat der Liebe; über die Würde der menschlichen Person und die Erfordernisse des Gemeinwohls, auf das Politik und Wirtschaft hingeordnet sein müssen. Auf diesen Grundprinzipien der katholischen Soziallehre, die die universalen Gebote der Vernunft und des Gewissens der Völker bekräftigen und vorlegen, gründet in hohem Maße die Hoffnung auf eine friedliche Lösung der vielen sozialen Konflikte und schließlich auf eine weltweite Aussöhnung.




132 1 Tim 3, 15.



133 vgl. Mt 5, 23 f.



134 Vgl. Mt 5, 38-40.



135 Vgl. Mt 6, 12.



136 Vgl. Mt 5, 43 ff.



137 Vgl. Mt 18, 21 f.



138 Vgl. Mk 1, 4. 14; Mt 3, 2; 4, 17: Lk 3, 8.



139 Vgl. Lk 15, 17.



140 Lk 17, 3 f.



141 Vgl. Mt 3, 2; Mk 1, 4; Lk 3, 3.



142 Vgl. Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 8. 16. 19. 26. 41. 48.



143 Vgl. Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae, 2. 3. 4.



144 Vgl. unter vielen anderen die Ansprachen zu den Generalaudienzen vom 28. März 1973: Insegnamenti, XI (1973) 294 ff.; 8. August 1973: ebenda, 772 ff.; 7. November 1973: ebenda 1054 ff.; 13. März 1974: Insegnamenti, XII (1974) 230 ff.; 8. März 1974: ebenda, 402 ff.; 12. Februar 1975: Insegnamenti, XIII (1975) 154 ff.; 9. April 1975: ebenda, 290 ff.; 13. Juli 1977: Insegnamenti, XV (1977) 710 ff.



145 Vgl. JOHANNES PAUL II., Engel-des-Herrn vom 17. März 1982: Insegnamenti, V, 1 (1982) 860 f.



146 Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache bei der Generalaudienz vom 17. August 1983, 1-3: Insegnamenti, VI 2 (1983) 256 f.



147 Hebr 4, 15.



148 Vgl. Mt 4, 1-11; Mk 1, 12 f.; Lk 4, 1-13.



149 Vgl. 1 Kor 10, 13.



150 Vgl. Mt 6, 13; Lk 11, 4.






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