Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek
Ioannes Paulus PP. II
Reconciliatio et Paenitentia

IntraText CT - Text

  • DRITTER TEIL
    • ZWEITES KAPITEL
      • 29
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen anzuzeigen

»Welchen ihr die Sünden nachlaßt«

29. Die erste grundlegende Wirklichkeit erkennen wir aus den heiligen Büchern des Alten und Neuen Testamentes: die Barmherzigkeit Gottes und seine Vergebung. In den Psalmen und in der Verkündigung der Propheten wird Gott wohl am häufigsten als der Barmherzige bezeichnet, ganz im Gegensatz zu dem hartnäckigen Vorurteil, nach welchem der Gott des Alten Testamentes vor allem streng und strafend erscheint. So ruft uns unter den Psalmen ein langes Weisheitslied, das aus der Tradition des Exodus schöpft, das gnädige Handeln Gottes inmitten seines Volkes in Erinnerung. Selbst in seiner menschlichen Darstellungsweise ist dieses Handeln Gottes wohl eine der ausdrucksstärksten alttestamentlichen Aussagen über die göttliche Barmherzigkeit. Es mag hier genügen, die folgenden Verse zu zitieren: « Er aber vergab ihnen voll Erbarmen die Schuld und tilgte sein Volk nicht aus. Oftmals ließ er ab von seinem Zorn und unterdrückte seinen Groll. Denn er dachte daran, daß sie nichts sind als Fleisch, nur ein Hauch, der vergeht und nicht wiederkehrt ».(157)

Als dann in der Fülle der Zeiten der Sohn Gottes kommt als das Lamm, das die Sünde der Welt hinwegnimmt und selber trägt,(158) erscheint er als derjenige, der Vollmacht hat, zu richten(159) und Sünden zu verzeihen,(160) als einer, der kommt, nicht um zu verurteilen, sondern um zu verzeihen und zu heilen.(161)

Diese Vollmacht, von den Sünden zu lösen, verleiht Christus durch Vermittlung des Heiligen Geistes auch an einfache Menschen, die selbst den Nachstellungen der Sünde ausgesetzt sind, an seine Apostel: »Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert«.(162) Das ist eine der erstaunlichsten Neuheiten des Evangeliums! Er teilt diese Vollmacht den Aposteln zugleich mit - wie es die Kirche von ihren frühesten Anfängen her verstanden hat - als übertragbar an ihre Nachfolger, denen von den Aposteln selbst die Sendung und Verantwortung anvertraut wurde, die Verkündigung des Evangeliums und den Dienst am Erlösungswerk Christi fortzusetzen.

Hier zeigt sich in ihrer ganzen Größe die Gestalt dessen, der das Bußsakrament verwaltet und nach ältestem Brauch oft Beichtvater genannt wird.

Wie bei der Feier der Eucharistie am Altar und bei jedem anderen Sakrament handelt der Priester auch als Verwalter des Bußsakramentes »in der Person Christi«. Christus, der durch den Priester gegenwärtig gesetzt wird und durch ihn das Geheimnis der Sündenvergebung wirkt, erscheint als der Bruder des Menschen,(163) als barmherziger, treuer und mitfühlender Hoherpriester,(164) als Hirt, der entschlossen ist, das verlorene Schaf zu suchen,(165) als Arzt, der heilt und stärkt,(166) als einziger Meister, der die Wahrheit lehrt und die Wege Gottes aufzeigt,(167) als Richter der Lebenden und der Toten,(168) der nach der Wahrheit und nicht nach dem Augenschein richtet.(169)

Ohne Zweifel ist dieser Dienst des Priesters der schwierigste und delikateste, der am meisten ermüdet und die höchsten Anforderungen stellt; zugleich aber ist er auch eine seiner schönsten und trostreichsten Aufgaben. Eben darum und auch wegen des nachdrücklichen Aufrufs der Synode werde ich nicht müde, meine Brüder, Bischöfe und Priester, zu einer treuen und sorgfältigen Erfüllung dieses Dienstes zu ermahnen.(170) Gegenüber dem Gläubigen, der ihm sein Gewissen in einer Mischung von Angst und Vertrauen eröffnet, ist der Beichtvater zu der hohen Aufgabe berufen, diesen zu Buße und menschlicher Versöhnung zu führen. Er muß die Schwächen und das Versagen des Gläubigen erkennen, sein Verlangen nach Besserung und sein Bemühen darum richtig bewerten, das Wirken des heiligmachenden Geistes im Herzen des Beichtenden aufspüren und ihm eine Vergebung zusprechen, die nur Gott zu gewähren vermag; er muß seine Wiederversöhnung mit Gott, dem Vater, »feiern«, wie sie im Gleichnis vom verlorenen Sohn versinnbildet ist, den von seiner Schuld befreiten Sünder wieder in die kirchliche Gemeinschaft der Brüder und Schwestern aufnehmen und ihn väterlich und bestimmt, ermutigend und freundschaftlich ermahnen: »Sündige von jetzt an nicht mehr«.(171)

Zur wirksamen Erfüllung eines solchen Dienstes muß der Beichtvater unbedingt mit besonderen menschlichen Qualitäten ausgestattet sein: Klugheit, Diskretion, Unterscheidungsgabe, sanfte Festigkeit und Güte. Darüber hinaus bedarf er einer seriösen und gründlichen, nicht nur bruchstückhaften, sondern vollständigen und harmonischen Vorbereitung in den verschiedenen Bereichen der Theologie, in der Pädagogik und der Psychologie, in den Methoden der Gesprächsführung und vor allem in der lebendigen und mitteilungsfähigen Kenntnis des Wortes Gottes. Aber noch dringlicher ist, daß er ein tiefes und echtes geistliches Leben führt. Um andere auf den Weg der christlichen Vollkommenheit zu bringen, muß der Verwalter des Bußsakramentes selbst zuerst diesen Weg gehen und mehr durch Taten als mit wortreichen Reden unter Beweis stellen, daß er wirklich erfahren ist im gelebten Gebet, in der Übung der theologischen und sittlichen Tugenden des Evangeliums, im treuen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, in der Liebe zur Kirche und in der Befolgung ihres Lehramtes.

Diese Ausstattung mit menschlichen Gaben, christlichen Tugenden und pastoralen Fähigkeiten kann man nicht aus dem Stegreif besitzen oder ohne Anstrengung erwerben. Für den Dienst des Bußsakramentes muß jeder Priester schon vom Seminar an vorbereitet werden durch das Studium der Dogmatik, der Moraltheologie, der Spiritualität und der Pastoraltheologie (Fächer, die stets nur eine Theologie bilden), dazu die Humanwissenschaften, die Methoden der Gesprächsführung, vor allem des pastoralen Gesprächs. Ferner muß er in seine ersten Erfahrungen als Beichtvater eingeführt und darin begleitet werden. Durch ständiges Studium soll er sich um seine eigene Vervollkommnung und eine zeitgemäße Weiterbildung bemühen. Welch großen Schatz an Gnade, echtem Leben und geistlicher Ausstrahlungskraft würde die Kirche gewinnen, wenn jeder Priester dafür Sorge trüge, niemals, weder aus Nachlässigkeit noch aus sonstigen Vorwänden, die Begegnung mit den Gläubigen im Beichtstuhl zu versäumen und vor allem niemals unvorbereitet oder ohne die notwendige menschliche Eignung und die geistigen und pastoralen Voraussetzungen in den Beichtstuhl zu gehen!

Hier kann ich es nicht unterlassen, in ehrfürchtiger Bewunderung an die außergewöhnlichen Apostel des Beichtstuhls zu erinnern: an den hl. Johannes Nepomuk, den hl. Johannes Maria Vianney, den hl. Josef Cafasso und den hl. Leopold von Castelnuovo, um nur die bekanntesten zu nennen, die die Kirche in das Verzeichnis ihrer Heiligen aufgenommen hat. Ich möchte aber auch jene unzählbare Schar heiliger und fast stets unbekannter Beichtväter ehrend erwähnen, denen so viele Seelen ihr Heil verdanken. Sie haben diesen beigestanden bei ihrer Bekehrung, in ihrem Kampf gegen Sünde und Versuchung, in ihrem geistlichen Fortschritt und in ihrer gesamten Heiligung. Ich zögere nicht zu sagen, daß auch die großen Heiligen allgemein aus jenen Beichtstühlen hervorgegangen sind; und mit den Heiligen auch das geistige Erbe der Kirche und die Blüte einer Kultur, die von christlichem Geist durchdrungen ist! Ehre gebührt also dieser stillen Schar unserer Mitbrüder, die Tag für Tag durch den Dienst der sakramentalen Buße für die Sache der Versöhnung gewirkt haben und weiterhin wirken!




157 Ps 78, 38.



158 Vgl. Joh 1, 29; Jes 53, 7.12.



159 Vgl. Joh 5, 27.



160 Vgl. Mt 9, 2-7; Lk 5, 18-25; 7, 47-49; Mk 2, 3-12.



161 Vgl. Joh 3, 17.



162 Joh 20, 22; Mt 18, 18; vgl. auch, was Petrus betrifft, Mt 16, 19. Isaak von Stella betont in einer Predigt die volle Einheit Christi mit seiner Kirche bei der Vergebung der Sünde: »Nichts kann die Kirche vergeben ohne Christus, und Christus will nichts vergeben ohne die Kirche. Vergeben kann die Kirche nur demjenigen, der bereut, das heißt, der von Christus berührt worden ist; Christus will nichts als vergeben ansehen bei dem, der die Kirche verachtet«: Sermo 11 (In dominica III post Epiphaniam, I): PL 194, 1729.



163 Vgl. Mt 12, 49 f.; Mk 3, 33 f.; Lk 8, 20 f.; Röm 8, 29: »der Erstgeborene von vielen Brüdern«.



164 Vgl. Hebr 2, 17; 4, 15.



165 Vgl. Mt 18, 12 f.; Lk 15, 4-6.



166 Vgl. Lk 5, 31 f.



167 Vgl. Mt 22, 16.



168 Vgl. Apg 10, 42.



169 Vgl. Joh 8, 16.



170 Vgl. die Ansprache an die Pönitenziare der Patriarchalbasiliken Roms und an die Beichtväter zum Abschluß des Jubiläumsjahres der Erlösung (9. Juli 1984): L'Osservatore Romano, 9.-10. Juli 1984.



171 Joh 8, 11.






zurück - vor

Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek

Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC
IntraText® (V89) - Some rights reserved by EuloTech SRL - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License