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Immanuel Kant
Kritik der reinen Vernunft (1781)
IntraText CT - Text
I. Transzendentale Elementarlehre
Zweiter Teil Die transzendentale Logik
Erste Abteilung Die transzendentale Analytik
Zweites Buch Die Analytik der Grundsätze
Einleitung Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt
Zweites Hauptstück System aller Grundsätze des reinen Verstandes
Dritter Abschnitt Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze desselben
1. Von den Axiomen der Anschauung
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1.
Von den
Axiomen
der
Anschauung
Grundsatz
des
reinen
Verstandes
: Alle
Erscheinungen
sind ihrer
Anschauung
nach
extensive
Größen
.
Eine
extensive
Größe
nenne
ich
diejenige
, in
welcher
die
Vorstellung
der
Teile
die
Vorstellung
des
Ganzen
möglich
macht
, (und also
notwendig
vor
dieser
vorhergeht
). Ich kann mir keine
Linie
, so
klein
sie auch
sei
,
vorstellen
, ohne sie in
Gedanken
zu
ziehen
,
d.i.
von einem
Punkte
alle
Teile
nach und nach zu
erzeugen
, und
dadurch
allererst
diese
Anschauung
zu
verzeichnen
.
Ebenso
ist es auch mit jeder auch der
kleinsten
Zeit
bewandt
. Ich
denke
mir darin nur den
sukzessiven
Fortgang
von einem
Augenblick
zum
anderen
, wo durch alle
Zeitteile
und deren
Hinzutun
endlich
eine
bestimmte
Zeitgröße
erzeugt
wird.
Da
die
bloße
Anschauung
an
allen
Erscheinungen
entweder der
Raum
, oder die
Zeit
ist, so ist jede
Erscheinung
als
Anschauung
eine
extensive
Größe
,
indem
sie nur durch
sukzessive
Synthesis
(von
Teil
zu
Teil
) in der
Apprehension
erkannt
werden kann. Alle
Erscheinungen
werden
demnach
schon als
Aggregate
(
Menge
vorher
gegebener
Teile
)
angeschaut
,
welches
eben
nicht der
Fall
bei jeder
Art
Größen
,
sondern
nur derer ist, die uns
extensiv
als solche
vorgestellt
und
apprehendiert
werden.
Auf diese
sukzessive
Synthesis
der
produktiven
Einbildungskraft
, in der
Erzeugung
der
Gestalten
,
gründet
sich die
Mathematik
der
Ausdehnung
(
Geometrie
) mit ihren
Axiomen
,
welche
die
Bedingungen
der
sinnlichen
Anschauung
a
priori
ausdrücken
, unter denen allein das
Schema
eines
reinen
Begriffs
der
äußeren
Erscheinung
zustande
kommen
kann;
z
.
E
. zwischen zwei
Punkten
ist nur eine
gerade
Linie
möglich
; zwei
gerade
Linien
schließen
keinen
Raum
ein
usw
. Dies sind die
Axiome
,
welche
eigentlich
nur
Größen
(
quanta
) als solche
betreffen
.
Was aber die
Größe
, (
quantitas
)
d.i.
die
Antwort
auf die
Frage
: wie
groß
etwas
sei
?
betrifft
, so
gibt
es in
Ansehung
derselben
, obgleich
verschiedene
dieser
Sätze
synthetisch
und
unmittelbar
gewiß
(
indemonstrabilia
) sind,
dennoch
im
eigentlichen
Verstande
keine
Axiome
.
Denn
daß
gleiches
zu
gleichem
hinzugetan
, oder von diesem
abgezogen
, ein
gleiches
gebe
, sind
analytische
Sätze
,
indem
ich mir der
Identität
der einen
Größenerzeugung
mit der
anderen
unmittelbar
bewußt
bin;
Axiome
aber
sollen
synthetische
Sätze
a
priori
sein
.
Dagegen
sind die
evidenten
Sätze
der
Zahlverhältnis
zwar
allerdings
synthetisch
, aber nicht
allgemein
, wie die der
Geometrie
, und
eben
um
deswillen
auch nicht
Axiome
,
sondern
können
Zahlformeln
genannt
werden. Daß 7+5=12
sei
, ist kein
analytischer
Satz
.
Denn
ich
denke
weder in der
Vorstellung
von7
, noch
von5
, noch in der
Vorstellung
von der
Zusammensetzung
beider
die
Zahl12
, (daß ich diese in der
Addition
beider
denken
solle
, davon ist hier nicht die
Rede
;
denn
bei dem
analytischen
Satze
ist nur die
Frage
, ob ich das
Prädikat
wirklich
in der
Vorstellung
des
Subjekts
denke
). Ob er aber
gleich
synthetisch
ist, so ist er doch nur ein
einzelner
Satz
.
Sofern
hier
bloß
auf die
Synthesis
des
Gleichartigen
(der
Einheiten
)
gesehen
wird, so kann die
Synthesis
hier nur auf eine
einzige
Art
geschehen
,
wiewohl
der
Gebrauch
dieser
Zahlen
nachher
allgemein
ist. Wenn ich
sage
: durch drei
Linien
, deren zwei
zusammengenommen
größer
sind, als die
dritte
,
läßt
sich ein
Triangel
zeichnen
; so habe ich hier die
bloße
Funktion
der
produktiven
Einbildungskraft
,
welche
die
Linien
größer
und
kleiner
ziehen
,
imgleichen
nach
allerlei
beliebigen
Winkeln
kann
zusammenstoßen
lassen
.
Dagegen
ist die
Zahl7
nur auf eine
einzige
Art
möglich
, und auch die
Zahl12
, die durch die
Synthesis
der
ersteren
mit5
erzeugt
wird.
Dergleichen
Sätze
muß
man also nicht
Axiome
, (
denn
sonst
gäbe
es deren
unendliche
,)
sondern
Zahlformeln
nennen
.
Dieser
transzendentale
Grundsatz
der
Mathematik
der
Erscheinungen
gibt
unserem
Erkenntnis
a
priori
große
Erweiterung
.
Denn
er ist es allein,
welcher
die
reine
Mathematik
in ihrer
ganzen
Präzision
auf
Gegenstände
der
Erfahrung
anwendbar
macht
,
welches
ohne diesen
Grundsatz
nicht so von selbst
erhellen
möchte
, ja auch
manchen
Widerspruch
veranlaßt
hat.
Erscheinungen
sind keine
Dinge
an sich selbst. Die
empirische
Anschauung
ist nur durch die
reine
(des
Raumes
und der
Zeit
)
möglich
; was also die
Geometrie
von dieser
sagt
,
gilt
auch ohne
Widerrede
von
jener
, und die
Ausflüchte
, als wenn
Gegenstände
der
Sinne
nicht den
Regeln
der
Konstruktion
im
Raume
(
z
.
E
. der
unendlichen
Teilbarkeit
der
Linien
oder
Winkel
)
gemäß
sein
dürfe
,
muß
wegfallen
.
Denn
dadurch
spricht
man dem
Raume
und mit
ihm
zugleich
aller
Mathematik
objektive
Gültigkeit
ab, und
weiß
nicht mehr, warum und wie
weit
sie auf
Erscheinungen
anzuwenden
sei
. Die
Synthesis
der
Räume
und
Zeiten
, als der
wesentlichen
Form
aller
Anschauung
, ist das, was
zugleich
die
Apprehension
der
Erscheinung
,
mithin
jede
äußere
Erfahrung
,
folglich
auch alle
Erkenntnis
der
Gegenstände
derselben
,
möglich
macht
, und was die
Mathematik
im
reinen
Gebrauch
von
jener
beweist
, das
gilt
auch
notwendig
von dieser. Alle
Einwürfe
dawider
sind nur
Schikanen
einer
falsch
belehrten
Vernunft
, die
irrigerweise
die
Gegenstände
der
Sinne
von der
formalen
Bedingung
unserer
Sinnlichkeit
loszumachen
gedenkt
, und sie, obgleich sie
bloß
Erscheinungen
sind, als
Gegenstände
an sich selbst, dem
Verstande
gegeben
,
vorstellt
; in
welchem
Falle
freilich
von ihnen
a
priori
gar
nichts,
mithin
auch nicht durch
reine
Begriffe
vom
Raume
,
synthetisch
erkannt
werden
könnte
, und die
Wissenschaft
, die diese
bestimmt
,
nämlich
die
Geometrie
, selbst nicht
möglich
sein
würde
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