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Immanuel Kant
Kritik der reinen Vernunft (1781)
IntraText CT - Text
I. Transzendentale Elementarlehre
Zweiter Teil Die transzendentale Logik
Zweite Abteilung Die transzendentale Dialektik
Zweites Buch Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft
Zweites Hauptstück Die Antinomie der reinen Vernunft
Neunter Abschnitt Von dem empirischen Gebrauche des regulativen Prinzips der Vernunft, in Ansehung aller kosmologischen Ideen
IV. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen, ihrem Dasein nach überhaupt
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IV
.
Auflösung
der
kosmologischen
Idee
von der
Totalität
der
Abhängigkeit
der
Erscheinungen
, ihrem
Dasein
nach
überhaupt
In der
vorigen
Nummer
betrachteten
wir die
Veränderungen
der
Sinnenwelt
in ihrer
dynamischen
Reihe
,
da
eine jede unter einer
anderen
, als ihrer
Ursache
,
steht
. Jetzt
dient
uns diese
Reihe
der
Zustände
nur zur
Leitung
, um zu einem
Dasein
zu
gelangen
, das die
höchste
Bedingung
alles
Veränderlichen
sein
könne
,
nämlich
dem
notwendigen
Wesen
. Es ist hier nicht um die
unbedingte
Kausalität
,
sondern
die
unbedingte
Existenz
der
Substanz
selbst zu tun. Also ist die
Reihe
,
welche
wir
vor
uns haben,
eigentlich
nur die von
Begriffen
, und nicht von
Anschauungen
,
insofern
die eine die
Bedingung
der
anderen
ist.
Man
sieht
aber
leicht
: daß,
da
alles in dem
Inbegriffe
der
Erscheinungen
veränderlich
,
mithin
im
Dasein
bedingt
ist, es
überall
in der
Reihe
des
abhängigen
Daseins
kein
unbedingtes
Glied
geben
könne
, dessen
Existenz
schlechthin
notwendig
wäre
, und daß also, wenn
Erscheinungen
Dinge
an sich selbst
wären
,
eben
darum aber ihre
Bedingung
mit dem
Bedingten
jederzeit
zu einer und
derselben
Reihe
der
Anschauungen
gehörte
, ein
notwendiges
Wesen
, als
Bedingung
des
Daseins
der
Erscheinungen
der
Sinnenwelt
,
niemals
stattfinden
könnte
.
Es hat aber der
dynamische
Regressus
dieses
Eigentümliche
und
Unterscheidende
von dem
mathematischen
an sich: daß,
da
dieser es
eigentlich
nur mit der
Zusammensetzung
der
Teile
zu einem
Ganzen
, oder der
Zerfällung
eines
Ganzen
in seine
Teile
, zu tun hat, die
Bedingungen
dieser
Reihe
immer als
Teile
derselben
,
mithin
als
gleichartig
,
folglich
als
Erscheinungen
angesehen
werden
müssen
,
anstatt
daß in jenem
Regressus
,
da
es nicht um die
Möglichkeit
eines
unbedingten
Ganzen
aus
gegebenen
Teilen
, oder eines
unbedingten
Teils
zu einem
gegebenen
Ganzen
,
sondern
um die
Ableitung
eines
Zustandes
von seiner
Ursache
, oder des
zufälligen
Daseins
der
Substanz
selbst von der
notwendigen
zu tun ist, die
Bedingung
nicht
eben
notwendig
mit dem
Bedingten
eine
empirische
Reihe
ausmachen
dürfe
.
Also
bleibt
uns, bei der
vor
uns
liegenden
scheinbaren
Antinomie
, noch ein
Ausweg
offen
,
da
nämlich
alle
beide
einander
widerstreitenden
Sätze
in
verschiedener
Beziehung
zugleich
wahr
sein
können
, so, daß alle
Dinge
der
Sinnenwelt
durchaus
zufällig
sind,
mithin
auch immer nur
empirischbedingte
Existenz
haben,
gleichwohl
von der
ganzen
Reihe
, auch eine
nichtempirische
Bedingung
,
d.i.
ein
unbedingtnotwendiges
Wesen
stattfinde
.
Denn
dieses
würde
, als
intelligible
Bedingung
,
gar
nicht zur
Reihe
als ein
Glied
derselben
(nicht
einmal
als das
oberste
Glied
)
gehören
, und auch kein
Glied
der
Reihe
empirischunbedingt
machen
,
sondern
die
ganze
Sinnenwelt
in ihrem durch alle
Glieder
gehenden
empirischbedingten
Dasein
lassen
. Darin
würde
sich also diese
Art
, ein
unbedingtes
Dasein
den
Erscheinungen
zum
Grunde
zu
legen
, von der
empirischunbedingten
Kausalität
(der
Freiheit
), im
vorigen
Artikel
,
unterscheiden
, daß bei der
Freiheit
das
Ding
selbst, als
Ursache
(
Substantia
phaenomenon
),
dennoch
in die
Reihe
der
Bedingungen
gehörte
, und nur seine
Kausalität
als
intelligibel
gedacht
wurde
, hier aber das
notwendige
Wesen
ganz
außer
der
Reihe
der
Sinnenwelt
(als
ens
extramundanum
) und
bloß
intelligibel
gedacht
werden
müßte
,
wodurch
allein es
verhütet
werden kann, daß es nicht selbst dem
Gesetze
der
Zufälligkeit
und
Abhängigkeit
aller
Erscheinungen
unterworfen
werde
.
Das
regulative
Prinzip
der
Vernunft
ist also in
Ansehung
dieser unserer
Aufgabe
: daß alles in der
Sinnenwelt
empirischbedingte
Existenz
habe, und daß es
überall
in ihr in
Ansehung
keiner
Eigenschaft
eine
unbedingte
Notwendigkeit
gebe
: daß kein
Glied
der
Reihe
von
Bedingungen
sei
, davon man nicht immer die
empirische
Bedingung
in einer
möglichen
Erfahrung
erwarten
, und,
soweit
man kann,
suchen
müsse
, und nichts uns
berechtige
, irgendein
Dasein
von einer
Bedingung
außerhalb
der
empirischen
Reihe
abzuleiten
, oder auch es als in der
Reihe
selbst
für
schlechterdings
unabhängig
und
selbständig
zu
halten
,
gleichwohl
aber
dadurch
gar
nicht in
Abrede
zu
ziehen
, daß nicht die
ganze
Reihe
in
irgendeinem
intelligiblen
Wesen
(
welches
darum von aller
empirischen
Bedingung
frei
ist, und
vielmehr
den
Grund
der
Möglichkeit
aller dieser
Erscheinungen
enthält
,)
gegründet
sein
könne
.
Es ist aber
hierbei
gar
nicht die
Meinung
, das
unbedingtnotwendige
Dasein
eines
Wesens
zu
beweisen
, oder auch nur die
Möglichkeit
einer
bloß
intelligiblen
Bedingung
der
Existenz
der
Erscheinungen
der
Sinnenwelt
hierauf zu
gründen
,
sondern
nur
eben
so, wie wir die
Vernunft
einschränken
, daß sie nicht den
Faden
der
empirischen
Bedingungen
verlasse
, und sich in
transzendente
und keiner
Darstellung
in
concreto
fähige
Erklärungsgründe
verlaufe
, also auch,
andererseits
, das
Gesetz
des
bloß
empirischen
Verstandesgebrauchs
dahin
einzuschränken
, daß es nicht über die
Möglichkeit
der
Dinge
überhaupt
entscheide
, und das
Intelligible
, ob es
gleich
von uns zur
Erklärung
der
Erscheinungen
nicht zu
gebrauchen
ist, darum nicht
für
unmöglich
erkläre
. Es wird also
dadurch
nur
gezeigt
, daß die
durchgängige
Zufälligkeit
aller
Naturdinge
und aller ihrer (
empirischen
)
Bedingungen
,
ganz
wohl
mit der
willkürlichen
Voraussetzung
einer
notwendigen
,
obzwar
bloß
intelligiblen
Bedingung
zusammen
bestehen
könne
, also kein
wahrer
Widerspruch
zwischen diesen
Behauptungen
anzutreffen
sei
,
mithin
sie
beiderseits
wahr
sein
können
. Es
mag
immer ein
solches
schlechthinnotwendiges
Verstandeswesen
an sich
unmöglich
sein
, so kann dieses doch aus der
allgemeinen
Zufälligkeit
und
Abhängigkeit
alles dessen, was zur
Sinnenwelt
gehört
,
imgleichen
aus dem
Prinzip
, bei
keinem
einzigen
Gliede
derselben
,
sofern
es
zufällig
ist,
aufzuhören
und sich auf eine
Ursache
außer
der
Welt
zu
berufen
,
keineswegs
geschlossen
werden. Die
Vernunft
geht
ihren
Gang
im
empirischen
und ihren
besonderen
Gang
im
transzendentalen
Gebrauche
.
Die
Sinnenwelt
enthält
nichts als
Erscheinungen
, diese aber sind
bloße
Vorstellungen
, die immer
wiederum
sinnlich
bedingt
sind, und,
da
wir hier
niemals
Dinge
an sich selbst zu
unseren
Gegenständen
haben, so ist nicht zu
verwundern
, daß wir
niemals
berechtigt
sind, von einem
Gliede
der
empirischen
Reihen
,
welches
es auch
sei
, einen
Sprung
außer
dem
Zusammenhange
der
Sinnlichkeit
zu tun,
gleich
als wenn es
Dinge
an sich selbst
wären
, die
außer
ihrem
transzendentalen
Grunde
existierten
, und die man
verlassen
könnte
, um die
Ursache
ihres
Daseins
außer
ihnen zu
suchen
;
welches
bei
zufälligen
Dingen
allerdings
endlich
geschehen
müßte
, aber nicht bei
blossen
Vorstellungen
von
Dingen
, deren
Zufälligkeit
selbst nur
Phänomen
ist, und auf
keinen
anderen
Regressus
, als
denjenigen
, der die
Phänomena
bestimmt
,
d.i.
der
empirisch
ist,
führen
kann. Sich aber einen
intelligiblen
Grund
der
Erscheinungen
,
d.i.
der
Sinnenwelt
, und
denselben
befreit
von der
Zufälligkeit
der
letzteren
,
denken
, ist weder dem
uneingeschränkten
empirischen
Regressus
in der
Reihe
der
Erscheinungen
, noch der
durchgängigen
Zufälligkeit
derselben
entgegen
. Das ist aber auch das
Einzige
, was wir zur
Hebung
der
scheinbaren
Antinomie
zu
leisten
hatten, und was sich nur auf diese
Weise
tun
ließ
.
Denn
, ist die
jedesmalige
Bedingung
zu jedem
Bedingten
(dem
Dasein
nach)
sinnlich
, und
eben
darum zur
Reihe
gehörig
, so ist sie selbst
wiederum
bedingt
(wie die
Antithesis
der
vierten
Antinomie
es
aufweist
). Es
mußte
also entweder ein
Widerstreit
mit der
Vernunft
, die das
Unbedingte
fordert
,
bleiben
, oder dieses
außer
der
Reihe
in dem
Intelligiblen
gesetzt
werden, dessen
Notwendigkeit
keine
empirische
Bedingung
erfordert
, noch
verstattet
, und also,
respektive
auf
Erscheinungen
,
unbedingt
notwendig
ist.
Der
empirische
Gebrauch
der
Vernunft
(in
Ansehung
der
Bedingungen
des
Daseins
in der
Sinnenwelt
) wird durch die
Einräumung
eines
bloß
intelligiblen
Wesens
nicht
affiziert
,
sondern
geht
nach dem
Prinzip
der
durchgängigen
Zufälligkeit
, von
empirischen
Bedingungen
zu
höheren
, die immer
ebensowohl
empirisch
sind.
Ebensowenig
schließt
aber auch dieser
regulative
Grundsatz
die
Annehmung
einer
intelligiblen
Ursache
, die nicht in der
Reihe
ist, aus, wenn es um den
reinen
Gebrauch
der
Vernunft
(in
Ansehung
der
Zwecke
) zu tun ist.
Denn
da
bedeutet
jene
nur den
für
uns
bloß
transzendentalen
und
unbekannten
Grund
der
Möglichkeit
der
sinnlichen
Reihe
überhaupt
, dessen, von
allen
Bedingungen
der
letzteren
unabhängiges
und in
Ansehung
dieser
unbedingtnotwendiges
,
Dasein
der
unbegrenzten
Zufälligkeit
der
ersteren
, und darum auch dem
nirgend
geendigten
Regressus
in der
Reihe
empirischer
Bedingungen
,
gar
nicht
entgegen
ist.
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