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Dem Hauptteil des Pali-Kanons, der glorreichen Mittleren Sammlung der Reden
Gotamo Buddhos, die der erste Band dieser Gesamtausgabe der Übertragungen Karl
Eugen Neumanns enthielt, folgen hier im zweiten die vierunddreißig Reden und
Gespräche der Längeren Sammlung. Auch unter ihnen so außerordentliche, wie die
mächtige erste Rede, mit ihrer Exposition der Schranken alles spekulativen
Philosophierens; wie die zweite vom sichtbaren Lohn der Asketenschaft; die elfte
über das wahre Wunder; die wundervolle fünfzehnte, mit ihrer Erhellung der so
tief verborgenen, notwendig wirkenden und dennoch bloß bedingten Entstehung
aller Dinge; und die Darstellung des geraden Weges, der zur Überwältigung des
Schmerzes und Jammers führt, in der großen zweiundzwanzigsten Rede. Am Ende der
Sammlung die beiden ungemein wichtigen Darlegungen von Sáriputta, in denen er,
in zweifach verschiedener Anordnung, eine Übersicht über alle Punkte der Lehre
gibt. Durchhin verstreut herrliche Legenden, wie sie z.B. im fünften und im
siebzehnten Gespräch erscheinen; im weiteren die erstaunlichen Sagen vom Kaiser
und vom Voranfang, alle in zauberhaft schöner Sprache erzählt. Und in der Mitte
die Krone der Suttas, das Maháparinibbánasutta: der Bericht über jene heiligen,
vor nun zweieinhalb Jahrtausenden stattgefunden Ereignisse, welche jüngst von
den Millionen des Ostens und auch schon allerorts im Westen verehrend gefeiert
wurden: der letzten Wanderungen, letzten Unterweisungen, und dem siegreichen Ausgang,
der Erlöschung des vollkommen Erwachten.
Von diesem längsten, nicht nur dieser Sammlung, sondern aller Pali-Texte,
hat Karl Eugen Neumann 1911 eine Sonderausgabe unter dem Titel «Die letzten
Tage Gotamo Buddhos» erscheinen lassen, deren gehaltvolle Vorrede auf S. V
wieder abgedruckt ist.
Über die Arbeit Karl Eugen Neumanns an der Längeren Sammlung enthalten seine
Briefe an De Lorenzo im Anhang zum dritten Band manche Aufschlüsse. So über
seine Absicht, alle vierunddreißig Reden in einem Band herauszugeben, die er
aber, nach Übertragung des ersten Teiles, wie immer ungern, wieder aufgab. Nun
ist es, fünfzig Jahre später, doch geworden, wie er es plante. Und auch die
Anmerkungen zum dritten Teil, die einen so großen Umfang erreicht hatten, daß
ihre Erstausgabe einen eigenen Band beanspruchte, konnten nun, ungekürzt, mit
denen des ersten und zweiten Teiles vereinigt werden. Für alle diese fast
unübersehbar reichhaltigen Anmerkungen ist ein eigenes, möglichst vollständiges
Register angefertigt worden, mit dessen Hilfe einmal gelesene Stellen unschwer
wieder aufgefunden werden können.
Die Übertragung der Reden der Längeren Sammlung und der in den Anmerkungen
enthaltenen hundertzwanzig Stücke aus dem Anguttara- und Samyutta Nikáya, so
wie der jede Rede begleitende Kommentar, ist das letzte Werk Karl Eugen
Neumanns, die Summe seines Wissens und seiner Kunst. Es ist auch ein Zeugnis
des Triumphes über die immer schwieriger werdenden Lebensumstände und der
geschwächten Gesundheit seiner letzten Jahre. Dessenungeachtet setzte er die
Arbeit an dem großen Werk seiner Annotationen zum dritten Teil, das schließlich
für sich selbst zu einem der lebendigsten und belehrendsten Bücher wurde, fort.
Was ihn dabei aufrecht erhielt, war die immer erneute Freude an seinen Funden
unter den Schätzen des überlieferten geistigen Erbes, die er in seinem
Anmerkungsteil aufschichtete. Sie klingt deutlich aus seinen Worten über den
Reichtum der Pali-Texte, auf S. 1007: «denn auch die herrlichsten Kuppelmale
und Felsendome, Säulenhallen und Pyramiden sind immer noch unbedeutend gegen
die unermeßliche Höhe und Schönheit großer Gedanken in ewiger Gestaltung.» Die
treibende Kraft aber seines Lebenswerkes war die nie versiegende Liebe, der
wissende Enthusiasmus für seinen Stern der höchsten Höhe, für den größten der
großen Lehrer der Menschheit, dem als Dolmetsch zu dienen er sich in seiner
Jugend zur Lebensaufgabe erwählte. Sie hat ihn, als seine Gesundheit sich mehr
und mehr verschlechterte - «Ich bin jetzt unter unsäglichen Qualen mit dem 3.
Band im Ms fertig geworden» - bis zum letzten Augenblick arbeitend ausharren
lassen. Der kam am Morgen seines fünfzigsten Geburtstages, am 18. Oktober 1915,
als eine Lungenentzündung sein geschwächtes Herz zum Stillstand brachte. «Ich
glaube Herz und Lunge halten's nicht mehr lange aus», schrieb er bereits am
2.Juli 1914 an De Lorenzo. Im gleichen Brief die Ahnung, daß der dritte Teil
erst spät, als postumem, erscheinen dürfte.
Und so ist es leider gewesen. Da war nach seinem Verscheiden sein so voluminöses
Manuskript, kalligraphiert und, bis auf Vorrede, Register und Randzahlen des
siamesischen Textes, druckfertig. Da war seine Bestimmung über die Herausgabe
seines Werkes. Doch da war auch der unselige Krieg, und so dauerte es denn drei
Jahre, bis seinem letzten Willen entsprochen werden konnte. 1918 erschien der
Text des dritten Teiles, noch ohne die Anmerkungen, diese erst 1927, als
letzter Band der inzwischen veranstalteten ersten Gesamtausgabe seiner
Übertragungen (siehe darüber Band I, p. XVIf.).
Mit dem Erscheinen des Nachlasses und der in tausenden Exemplaren
verbreiteten Neuausgaben der Werke trat ein, was zu Lebzeiten Karl Eugen
Neumanns nicht der Fall gewesen war: sein Werk gelangte zur Kenntnis der
geistigen Elite seiner Zeitgenossen, auf die es einen wahrhaft überwältigenden
Eindruck machte. Die Erschließung der Reden Gotamo Buddhos wurde als eine
epochemachende Tat gepriesen, der Entdeckung eines neuen Weltteils verglichen;
die Übertragung ein sprachschöpferisches Werk, wie es nur selten einmal
erscheint, genannt, ein stolzer, unvergänglicher Besitz der deutschen
Literatur, wie Luthers Bibel, Schlegels Shakespeare.
So war denn der Ruhm, den Karl Eugen Neumann nie für sich erstrebte, einem
Werk zuteil geworden, dessen beginnende Wirkung nicht lange danach von der
Nacht des zweiten Krieges verdunkelt wurde, da nur vermutet werden kann, was es
gerade in ihr manchem an Trost und Stärkung bedeutet haben mag. Nach Kriegsende
hat es dann, wie schon bemerkt, noch Jahre gedauert, bis die mittlerweile
gänzlich vergriffenen Bände wieder zum Dasein gebracht werden konnten. Wie
schwer oder leicht das gewesen - hier sind sie nun wieder «genug schon zum
Frohsinn, genug zur Freude» in neuem Gewande, in alter Pracht mögen sie viele
erquicken und beglücken, vielen den Weg, der aus Leiden führt, zeigen.
London, Februar 1957. E.R.
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