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Einleitung
I. Seitdem durch die Páli Text Society die
Werke des Pali-Kanons in Lateinschrift ediert wurden, war eine wichtige
Erleichterung für Übersetzungen in europäische Sprachen geschaffen. Es liegt
nahe, daß zuerst englische Übertragungen erschienen, zumal von den Herausgebern
der Páli-Texte. Bald darauf aber kam es auch zu Ausgaben in deutscher
Sprache.
Das Verdienst, als erster geschlossene
Sammlungen des Páli-Kanons ins Deutsche übersetzt zu haben, gebührt dem Wiener
Indologen Karl Eugen Neumann *f1), der zunächst 1896 den ersten Band
der Mittleren Sammlung veröffentlichte. Insgesamt brachte er in den folgenden
zwanzig Jahren nicht weniger als sechs Bücher des Páli-Kanons (mit einer
Ausnahme *f2) erstmals) ins Deutsche, nämlich die Mittlere Sammlung,
die Längere Sammlung, das Dhammapada, die Bruchstücke (Suttanipáta), die Lieder
der Mönche, die Lieder der Nonnen. Daneben finden sich kleinere Stücke auch aus
anderen Sammlungen bereits in seiner 'Buddhistischen Anthologie' (1892) sowie
verstreut in seinen Anmerkungen. Nicht nur vom Umfang, sondern auch vom Rang
der Übersetzungen her gesehen, ist Neumanns Pionierleistung bis heute
unübertroffen geblieben. Sein früher Tod - er starb 1915 an seinem 50.
Geburtstag an Lungenentzündung - verhinderte, daß er noch weitere Übertragungen
vorlegen und die bereits erschienenen verbessern konnte. Da Neumann das
Páli-English Dictionary der P.T.S., das für jede Arbeit mit dem Páli heute
unentbehrlich ist, noch nicht vorlag, war er auf das Wörterbuch von Childers
von 1875 angewiesen, das vieles zu wünschen übrig ließ.
Im selben Jahr, in dem die Veröffentlichung von Neumanns Übersetzung der
Längeren Sammlung begann (1907), erschien auch Band I einer anderen großen
Sammlung von Lehrreden, nämlich der Angereihten Sammlung, übersetzt von dem
deutschen Mönch Nyanatiloka auf Ceylon. Erst zehn Jahre später konnte dieser
die unter abenteuerlichen Umständen fortgeführte Arbeit 1917 in China beenden.
Sie wurde vollständig erst 1922/23, nach dem Krieg, herausgegeben. Diese
Übersetzung stellt eine weitere Pionierleistung dar. Damit lagen nun von den
vier wichtigsten Sammlungen der Lehrreden drei in deutscher Sprache vor
(Mittlere, Längere und Angereihte Sammlung). Inzwischen hatten zwei Männer
weitere Teile der sog. Kürzeren Sammlung in Erstübersetzung vorgelegt, nämlich
Karl Seidenstücker *f3) die Werke Itivuttaka, Udána und Khuddakapátha,
sowie Julius Dutoit das Riesenwerk der Wiedergeburtsgeschichten (Játaka)
1908-1921. Außer einigen kleineren Büchern der Kürzeren Sammlung fehlte vom
Sutta-Pitakam jetzt vor allem noch die vierte große Sammlung, der
Samyutta-Nikáya. Das Wort bedeutet an sich "Zusammengestellte
Sammlung", d. h. sie ist nach Gruppen, Themen geordnet. Während sonst die
Reden nach Länge (kürzere, mittellange und längere) oder nach Anzahl der
behandelten Gegenstände (Angereihte Sammlung) gesammelt und benannt sind, ist
der Samyutta-Nikáya systematisch, d. h. nach inhaltlichen Prinzipien
klassifiziert. Die Sammlung umfaßt, ebenso wie die Angereihte Sammlung, fünf
Bände. Diese behandeln folgende Themen:
Das
'Buch mit Versen' (Sa-gáthá-vagga) umfaßt 11 Samyuttas, deren Gemeinsamkeit
darin liegt, daß sie entweder fast nur aus Versen bestehen (S.2) oder einen
großen Teil von Versen enthalten (S 2-11). Die Themen sind dabei sehr bunt.
Das
'Buch der bedingten Entstehung' (Nidána-vagga) ist nach dem umfangreichen und
gewichtigen Nidána-Samyutta (S 12) genannt, dem sich einige weitere Themen
anschließen (S 13-21).
Das
'Buch der Daseinsgruppen' (Khandha-vagga) ist wieder nach seinem Leitthema, dem
22. Samyutta genannt, dem minder wichtige Themenkreise folgen (S 23-34).
Das
'Buch des sechsfachen Gebietes' (Saláyatana-vagga) heißt ebenfalls nach seinem
Leitthema (S 35), dem wieder andere Themen folgen (S 36-44).
Das
'Große Buch' (Mahá-vagga) - Abschnitte dieses Namens kommen auch in anderen
Sammlungen vor - wird nicht mit einem Leitthema eröffnet, sondern behandelt
insgesamt den Weg der Nachfolge. Es beginnt mit dem Heilsweg (Magga-Samyutta:
45) und endet mit den vier Wahrheiten (Sacca-Samyutta: 56). Dazwischen liegen
die Hauptthemen der Meditationspraxis.
Die
Übersetzung dieses wichtigen Werkes wurde von dem Münchner Indologen Geheimrat
Prof. Wilhelm Geiger *f4) in der Zwischenkriegszeit in Angriff
genommen. Zuerst erschien 1925 der zweite Band, dann 1930 der erste. Geiger
begründet seinen Entschluß, zuerst Band II zu übersetzen, damit, daß Band I
besonders wegen der Verse "ein eigenartiges Gepräge erhält und vom Wesen
unseres Nikáya nicht die rechte Vorstellung gibt". Geiger erwähnt dabei
mit keinem Wort, daß er von Band II nur die Samyuttas 12-16 vorlegt, nicht aber
17-21, oder warum die Übersetzung dort abgebrochen wurde. So blieb die deutsche
Ausgabe des Samyutta-Nikáya ein Torso. Nur hie und da wurden einmal einzelne
Lehrreden in Zeitschriften und Sammelwerken übersetzt, wie besonders von Kurt
Fischer, dem Schüler Dahlkes in "Buddhistisches Leben und Denken".
Die Zeitumstände mögen dabei wesentlich mitgespielt haben. Später wandte sich
das Interesse der Indologen buddhistischen Sanskrit-Texten zu. Weder von
indologischer noch von buddhistischer Seite schien zu erwarten, daß der
Samyutta-Nikáya abgeschlossen würde. Dabei fehlten gerade die wichtigsten Teile
noch.
Der
"Zufall" wollte es, daß ein deutscher Buddhist der auf Ceylon als
Mönch gelebt hatte, beiläufig erzählte, es gäbe eine Fortführung der
Übersetzung, und zwar durch Nyanaponika *f5), den Schüler und geistigen
Erben Nyánatilokas. Ich schrieb daher an die Forest Hermitage bei Kandy, in der
Nyánaponika heute noch lebt (verstorben 1994). Er schickte darauf das Original
seiner Arbeit, die S 17-34 umfaßte. Er hatte sie im Frühjahr 1941 im
Internierungslager Diyatalawa auf Ceylon unternommen, und zwar als Einübung ins
Páli für sich. Seitdem hatte das Maschinenmanuskript bei ihm gelegen, war
1941-1946 mit nach Indien ins Lager gereist und dann wieder nach Polgasduwa und
Kandy zurückgekehrt. Eine Buddhistin, Irma Lübcke, erklärte sich bereit, die
Druckvorlage zu schreiben. Das Buch erschien dann 1967 in einer Auflage von 135
Stück als Band IV der Reihe "horae subsicivae philosophiae: Philosophische
Nebenstunden, eine Schriftenreihe zu Fragen der menschlichen Existenz".
Wieder
vergingen über zwanzig Jahre, und wieder bewegte sich nichts. Texte des
tibetischen, chinesischen und japanischen Buddhismus beherrschten die
Landschaft. Eine Rohübersetzung von Band IV des Samyutta-Nikáya bewirkte
Ingetraut Anders, die aber ihre Arbeit eben wegen dieses Charakters für noch
nicht reif zur Veröffentlichung erklärte. Ich stellte 1982 die bisher zu Band V
vorliegenden Übersetzungen in einer kopierten Ausgabe für einige Freunde
zusammen. Eine Anfrage bei Nyánaponika ergab, daß er wegen anderer Arbeiten und
wegen seiner zunehmend schlechter werdenden Augen sich nicht in der Lage
fühlte, die Übersetzung fortzuführen. Das war bedauerlich, denn er wäre der
Geeignetste gewesen, diese Sammlung zum Abschluß zu bringen.
Während
manche buddhistische Bücher häufig antiquarisch angeboten werden, hat der
Samyutta-Nikáya wahren Seltenheitswert. An der Auflagenhöhe kann es kaum
liegen, denn andere Werke aus dem Oskar-Schloß-Verlag in gleicher Auflage aus
derselben Zeit sind öfter am Markt. Weder die Einzelbände der Erstauflagen,
noch die zusammengebundene Ausgabe von 1930 tauchten noch auf, eher schon
einzelne Jahrgänge der 'Zeitschrift für Buddhismus' mit den Vorabdrucken.
Da
machte 1989 das Antiquariat Roland Kretschmer den Vorschlag, eine
Reprint-Ausgabe der Bände I-III zu veranstalten. Das Bedenken, daß dann zwei
Übersetzer mit unterschiedlicher Terminologie zu Worte kämen, schien nicht so
gewichtig, als daß man deswegen die Neuauflage hätte unterlassen sollen. Mit
Hilfe der weiter unten folgenden Gegenüberstellung und Erklärung der
wichtigsten Termini können die Schwierigkeiten wohl weitgehend ausgeräumt
werden. Dr. Gerd T. Schloß gab im Namen der Verlags-Erben die Genehmigung, die
Ausgabe Geigers nachzudrucken. Ebenfalls erteilte Nyánaponika die Genehmigung
zur Neuausgabe. Gleichzeitig steuerte er zum bedeutsamen und umfangreichen
Khandha-Samyutta einen durchgesehenen Text mit verbesserten Anmerkungen bei.
Statt drei Bände hat die Neuausgabe nur zwei, die Sarmyutta 1-11 (Band I des
Páli-Textes) bzw. 12-34 (Bände II & III des Originals) enthalten. Auf diese
Weise wird die kanonische Einteilung in Büchern annähernd gleichen Umfangs
beibehalten.
II.
Von
den 16 Bänden der vier Hauptsammlungen des Sutta-Pitaka (je drei für Majjhima-
und Dígha-, je fünf für Anguttara- und Samyutta-Nikáya) enthält Band I des
Samyutta-Nikáya die meisten Verse, ja besteht überwiegend nur aus Versen.
Geiger hat die Verse nicht im Versmaß übersetzt, sondern sie in Prosa wiedergegeben.
Er liefert somit für die metrischen Texte lediglich eine Inhaltsangabe und
unterscheidet insofern nicht zwischen Versen und Prosatext, obwohl er die Verse
kursiv setzen ließ. Das Fehlen einer poetischen Übersetzung ist der größte
Mangel von Geigers Ausgabe. Es ist ja nicht ohne Grund, daß viele Texte des
Páli-Kanons in metrischer Form abgefaßt wurden. Einmal sind sie dann leichter
auswendig zu lernen, vor allem aber wirken sie stärker auf das Gemüt und sind
von meditativer Bedeutung. Demgegenüber bedeutet die bloß prosaische
Übersetzung einen beträchtlichen Verlust an Eindringlichkeit. Daher ist es
begrüßenswert, daß Nyánaponika - übrigens wie alle sonstigen deutschen
Übersetzer der Páli-Texte - die Mühe nicht gescheut hat, die Verse als Verse wiederzugeben.
Nun gibt es in dem von ihm übertragenen Teil nur ganz wenige Verse, etwa ein
Dutzend; allerdings hat Nyánaponika später in seiner Übersetzung des
Suttanipáta, eines Vers-Werkes, auch Parallelstellen aus Samyutta-Nikáya Band I
wiedergegeben. Um einen gewissen Anhalt zu geben, wie die Übertragung von Band
I hätte aussehen konnen, wenn sie in Versen vorgenommen worden wäre, seien hier
einige Proben der Verse bei Geiger, Nyánaponika und Neumann gegenübergestellt.
Dabei sollen die sachlichen Unterschiede außer Betracht bleiben und nur das
Versmaß verglichen werden:
1) S 10, 12
Geiger:
Durch den Glauben überschreitet man die Flut,
durch Unermüdlichkeit den Ozean.
Durch Energie kommt man hinweg über das Leiden,
durch Erkenntnis wird man geläutert.
Nyánaponika:
Durch das Vertrauen kreuzt man diese Flut,
durch Unermüdlichkeit den Ozean.
Durch Tatkraft überwindet man das Leid,
durch Weisheit wird geläutert man.
Neumann:
Vertrauen trägt uns durch die Flut,
ein ernster Eifer übers Meer;
der Mannesmut verwindet Leid,
gewitzigt langt man lauter an.
2)
S 7, 11
Geiger:
Glaube ist das Saatkorn, Askese der Regen,
Erkenntnis ist mir Joch und Pflug,
Gewissenhaftigkeit ist die Deichsel, das Denken das Joch,
Besonnenheit ist mir Pflugschar und Treibstock.
Nyánaponika:
Vertrauen ist das Saatkorn und Askese ist der Regen;
die Weisheit: Joch und Pfluggestell.
Scham ist die Deichsel und der Geist die Bindung;
die Achtsamkeit ist Pflugschar und der Treibstock.
Neumann:
Vertrauen als Saatkorn, Ernst als Tau,
als Joch am Pfluge weiser Witz,
als Deichsel Demut, Geist als Gurt,
als Stange, Stahl taugt Einsicht mir.
3)
S 8, 5
Geiger:
Das Wort soll man sprechen,
durch das man sich selbst nicht peinigt
und andere nicht verletzt:
das fürwahr ist ein wohl gesprochen Wort.
Nyánaponika:
Nur solches Wort soll sprechen man,
das einen selber nicht gereut
und andere nicht verletzen kann:
das, ja, ist wohlgesprochen Wort!
Neumann:
Nur solche Rede sei gewählt,
die keine Reue glimmen läßt
und keinen andern kränken kann:
Wer also redet, redet wohl.
Diese
Beispiele zeigen, wie Nyánaponika durch eine ganz geringe Mühe den Text Geigers
verbessert hat, während Neumann das Páli besonders dichterisch gestaltete.
Dabei war Neumann der Erstübersetzer, der Neuland betrat. Alle späteren konnten
seine Pionierleistung benutzen und daran Verbesserungen vornehmen. Geiger aber
bedeutet gegenüber Neumann einen Rückschritt hinsichtlich der metrischen Texte.
III.
Die
sachlichen Unterschiede der Übersetzungen von Geiger und Nyánaponika sind weit
geringer als man zunächst denken mag. Sie kommen hauptsächlich dadurch
zustande, daß der Geschmack der Übersetzer eben unter mehreren Möglichkeiten im
Deutschen auswählt, ein bestimmtes Páli-Wort wiederzugeben. Keine davon muß
falsch sein, und nur selten sind Differenzen in der Lehrauffassung oder der
sprachwissenschaftlichen Ableitung der Grund für unterschiedliche
Übersetzungen. Auch kommen manche wichtige Lehrelemente, über die man
verschiedener Meinung sein könnte, in den ersten drei Bänden des
Samyutta-Nikáya überhaupt nicht vor.
Im
folgenden seien einige Beispiele der Unterschiede angegeben und zum Vergleich
auch die meistbekannte Überserzung Neumanns genannt:
I ) Der Achtpfad
2)
Die 5 heilsamen Fähigkeiten:
3)
Die 5 Gefühle des Leidens:
4)
Die 12 Glieder des Bedingungszusammenhangs:
5)
Die 5 Daseinsgruppen:
6)
Die 3 unheilsamen Gedanken:
Es
ist natürlich nicht möglich, alle wichtigen Páli-Begriffe mit ihren
unterschiedlichen Übersetzungen hier vorzustellen. Es mag daher genügen, nur
noch einige Einzelbegriffe anzuführen:
1)
ásava: Triebe (Nyánaponika), weltliche Einflüsse (Geiger). Hier trifft
Nyánaponika sachlich genau den Inhalt, während Geiger am Wortlaut (sava = Fluß)
haftet und den Leser denken läßt, daß äußere Einflüsse gemeint seien,
klimatische oder pädagogische usw. Tatsächlich ist nur die Beeinflußbarkeit des
Menschen gemeint, der noch nicht triebversiegt ist.
2)
káya: Der fünfte Sinn ist uns als 'Tasten' (so auch Neumann) am bekanntesten.
Geiger übersetzt mit 'Fühlen', Nyánaponika mit 'Berührungen'. Beides ist nicht
glücklich und wird nur dadurch gemildert, daß in der Reihenfolge der Aufzählung
der fünf oder sechs Sinne klar ist, welcher gemeint ist. 'Fühlen' verleitet
dazu, seelische Gefühle wie Trauer und Freude zu vermuten - aber die kann man
nicht anfassen. Und 'Berührungen' führt zur Verwechslung mit dem Wort phassa,
das Geiger und Neumann zu Recht mit 'Berührung' übersetzen.
3)
nimitta: 'Vorstellungen' (Nyánaponika S 22, 3), 'Gedanken' (Geiger S 8, 4).
Hier trifft Nyánaponika den Sinn viel genauer, während 'Gedanke' auch für
zahlreiche andere Páli-Wörter stehen könnte. Nimitta sind die
Wahrnehmungsinhalte, die man sich vorstellt, die Gegenstände des Geistes.
4)
citta: 'Denken' (Geiger S 1, 17 usw.);'Geist' (Geiger S 2, 17 u. 12, 61;
Nyánaponika meist); 'Herz' (Np. S 22, 89 u. A meist); 'Geistigkeit' (Np. hier
Anm. 124); 'Bewußtsein' (Np. hier Anm. 199). - mano: 'Herz' (Geiger S 5, 7),
'Denken' (Geiger S 2, 17), 'Geist' (Nyánaponika S 25 u. 26).
Diese
Überschneidungen könnten dadurch bedingt sein, daß im Englischen das Wort
'mind' sowohl die intellektuelle Fähigkeit (mano = Geist) als auch die
emotionale Komponente (citta = Herz) umfaßt, die beide im Páli und im Deutschen
klar zu trennen sind. Allerdings sind mano und citta auch außerordentlich eng
verbunden und werden zusammen mit viññána scheinbar als Synonyme genannt (S 12,
61; D 1, p. 21). Trotzdem sind beide Begriffe unterscheidbar. Existentiell
wichtig ist, daß das Herz (citta) von den Trieben zu läutern ist und erlöst
werden kann, während der Geist (mano) als 6. Sinn ein Werkzeug ist, das durch
rechte Anschauung viel leichter erziehbar ist als das schwerfällige Herz.
Das
Herz entspricht am meisten unserem Begriff 'Seele', der aber ist durch die
christliche Auslegung als einer 'ewigen Seele' belastet. Denkt man dagegen bei
'Seele' an griechisch 'Psyche', so bestehen weniger Bedenken, dies Wort für
citta zu verwenden, obwohl im Neuen Testament natürlich überall psyché steht.
Fragt
man nach dem Verhältnis des citta zu den fünf Daseinsfaktoren, so steht es dem
viññána am nächsten. Beide sind aber auch zu trennen: Überall, wo es um
philosophische Kategorien geht, steht in den Reihen viññána: so insbes. in der
Nidána-Reihe, bei den sechs Artungen, bei den vier Nahrungen. Überall, wo es um
Läuterung und Meditation geht, steht citta: so bei den drei Stufen des
Achtpfades, bei den vier Grundlagen der Achtsamkeit, bei den vier Machtfährten,
bei der Erlösung von Gier, Haß und Verblendung.
IV.
Es
ist im Rahmen dieser Einleitung nicht daran zu denken, eine sachliche
Einführung in die Lehre des Buddha im allgemeinen oder die im Samyutta-Nikáya
behandelten Hauptthemen im besonderen zu geben. Es muß genügen, einige
grundsätzliche Punkte hervorzuheben. Von allen vier großen Sammlungen ist der
Samyutta-Nikáya insofern am systematischsten und pädagogischsten, weil er in
seinem ersten Band den Schwerpunkt auf die vorbereitenden Lehren legt, die mit
der Notwendigkeit des Gebens (dána) beginnen und über die Einhaltung der
Sittenregeln (síla) das Verständnis der Fortexistenz (sagga) und die
Übersteigung der Sinnenwelt (nekkhamma) zum Verständnis der vier
Heilswahrheiten hinführen. Erst dann, wenn diese vorbereitenden Lehren
gründlich verstanden und durchdrungen waren, gab der Buddha die Lehre,
"die den Erwachten eigentümlich ist", nämlich die vier edlen
Wahrheiten. Ohne jene Vorbereitung steht diese Lehre auf unsicherem Boden. Nun
handeln die Schwerpunkte der Bände II-V des Samyutta-Nikáya nur von dieser
Lehre und sind daher als Einführung schwerlich geeignet.
Band
III behandelt hauptsächlich die fünf khandha, d. h. die Quintessenz der ersten
edlen Wahrheit, der Wahrheit vom Leiden. Alles, was an Leiden möglich ist, wird
in den pañcúpáda-nakkhandha erfaßt: Solange man an diesen Daseinsfaktoren
hängt, bleibt man im Leiden der Vergänglichkeit *f6). Die zweite
Wahrheit wird, mit dem Nidána-Samyutta (S 12) als Haupttext, in Band II
behandelt. Dazu ist folgendes zu sagen: Als Ananda einmal dem Erwachten freudig
mitteilte, wie klar ihm jetzt die Tiefe der Bedingten Entstehung geworden sei,
dämpfte der Buddha etwas seine Euphorie und wies ihn darauf hin, daß diese
Nidána-Reihe noch weit tiefer sei, als er zu verstehen meine (D 15). So mag
jeder selbst versuchen, in diese Reihe einzudringen und damit die zweite
Wahrheit zu verstehen.
Schließlich
sei angemerkt: Der nur gering variierende Text von Band III mit seinen vielen
Wiederholungen strapaziert den Leser nicht wenig, die Lektüre ist eine
Geduldsübung. Wer sich aber durch die erste Hälfte der "Reden" (oft
sind es nur Gedankensplitter) hindurchgearbeitet hat, wird bald durch
gehaltvollere Texte entschädigt. Manche von ihnen können sich in ihrer
existentiellen Aussage sehr wohl mit Lehrreden der Mittleren Sammlung messen.
Da gibt es z. B. Berichte, die kleine Kostbarkeiten der Hagiographie darstellen
(wie S.22, 84-90), oder eindrucksvolle Gleichnisse (S.22, 93-101). Unter
letzteren gehört das über die Kernlosigkeit der fünf khandha mit zur Spitze der
Gleichniskunst des Buddha (S.22, 95), ebenso wie das Bild vom "Maler
Herz" (S.22, 100). S.22, 94 enthält das berühmte Zitat "Wovon andere
Weise sagen 'Das ist', davon sage auch ich 'Das ist'".
Das Khandha Samyutta enthält die Mehrzahl der Reden, die der Buddha in den 45
Jahren seiner Lehrtätigkeit über die fünf khandha gehalten hat, von seiner
zweiten überhaupt, dem Text von den "Merkmalen der Nicht-Ichheit"
(S.22,59), bis zu der Belehrung Channas durch Ananda kurz nach dem Tode des Buddha
(S.22,90). Unter diesen Reden sind nur ganz wenige an Hausleute gerichtet - es
sind eben Reden über die 'eigentliche' Lehre des Buddha, über die 'letzten
Dinge'. Schon daher wird verständlich, warum sich uns der Zugang nicht so
leicht erschließt.
Vesakh 1990
Dr. Hellmuth Hecker
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