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51-60 Rukkhavagga - Vom Baum
S.12.51. Die Erwägung
Der Paragraph 12 dieses
Sutta enthält in gedrängter Kürze die Lehre von Kamma. Nach Ablauf der
leiblichen Existenz bleiben die samkhárá, d.h. die Wirkungen unseres
Tuns und Denkens übrig. Sie drängen zur Entstehung des viññána, des
zunächst noch an keine Persönlichkeit gebundenen Bewußtseins. Der erste Schritt
zu einem neuen Sein ist aber damit geschehen. Dieses neue Sein, Anlage und
Schicksal des werdenden Wesens ist nun aber abhängig vom Charakter des viññána,
und dieser wieder von dem der samkhárá. Es sind da drei Möglichkeiten
vorhanden. Es kann bei den samkhárá das Verdienstliche und Gute (puñña)
oder das Nichtverdienstliche und Böse (apuñña) überwiegen. Es ist aber
auch ein drittes denkbar nämlich daß Verdienst und Nichtverdienst Gutes und
Böses sich die Wage halten. Das wird im Text durch das wort áneñja ausgedrückt,
wozu nunmehr Rhys Davids und Stede Páli Dictionary zu vergleichen ist. Ich glaube
daß wir bei der Erklärung dieses schwierigen Ausdruckes von der traditionellen
Wiedergabe durch acala "unbeweglich" auszugehen haben. Im
Zusammenhang unserer Stelle ist an eine Wage gedacht die unbeweglich fest steht
wenn die beiden Schalen im Gleichgewicht sind. Den gegebenen drei Möglichkeiten
entsprechend nimmt das viññána also eine dreifache Gestalt an und danach
wieder richtet sich das neu entstehende Dasein.
1.
Also habe ich vernommen.
Einstmals
weilte der Erhabene in Sávatthí, im Jetahaine. im Parke des Anáthapindika.
2.
Da nun redete der Erhabene die Bhikkhus an: "Ihr Bhikkhus!" "Ja,
Herr!" erwiderten die Bhikkhus aufhorchend dem Erhabenen.
3.
Der Erhabene sprach also: "Inwiefern soll nun wohl, ihr Bhikkhus, ein
Bhikkhu Erwägungen anstellen zur rechten vollständigen Vernichtung des
Leidens?" "Im Erhabenen, Herr, wurzeln unsere Lehrmeinungen, vom
Erhabenen werden sie geleitet, auf den Erhabenen stützen sie sich. Wohlan denn,
dem Erhabenen wolle der Sinn des Gesagten aufleuchten; vom Erhabenen ihn hörend
werden die Bhikkhus ihn erfassen."
4.
"So höret denn zu, ihr Bhikkhus, merket wohl auf, ich will es euch
verkünden." "Wohl, Herr!" erwiderten die Bhikkhus aufhorchend
dem Erhabenen.
5.
Der Erhabene sprach also: "Da stellt, ihr Bhikkhus, ein Bhikkhu die
Erwägung an: ,dieses mannigfaltige und vielgestaltige Leiden, das in der Welt
als Alter und Tod entsteht *f143),
was
hat nun wohl dieses Leiden zur Ursache,
was
zum Ursprung,
was
zur Herkunft,
was
zur Entstehung?
was
muß vorhanden sein, damit Alter und Tod entsteht?
was
muß nicht vorhanden sein, damit Alter und Tod nicht entsteht?'
6.
Erwägend erkennt er also: ,dieses mannigfaltige und vielgestaltige Leiden, das
in der Welt als Alter und Tod entsteht,
dieses
Leiden hat die Geburt zur Ursache,
die
Geburt zum Ursprung,
die
Geburt zur Herkunft,
die
Geburt zur Entstehung.
Wenn
Geburt vorhanden ist, entsteht Alter und Tod; wenn Geburt nicht vorhanden ist,
entsteht Alter und Tod nicht.'
7.
Er erkennt Alter und Tod; er erkennt den Ursprung von Alter und Tod; er erkennt
die Aufhebung von Alter und Tod; und er erkennt auch den Weg, der zur Aufhebung
von Alter und Tod führt. Und indem er diesem Wege folgt, wird er einer, der der
wahren Lehre gemäß wandelt.
8.
Dieser Bhikkhu, ihr Bhikkhus, heißt einer, der auf dem Wege ist zur rechten
vollständigen Vernichtung des Leidens, zur Aufhebung von Alter und Tod.
9.
Ferner stellt er die Erwägung an: ,das Werden aber, was hat es zur Ursache? -
das Erfassen aber, was hat es zur Ursache? - der Durst, was hat er zur Ursache?
- die Empfindung, was hat sie zur Ursache? - die Berührung, was hat sie zur
Ursache? - die sechs Sinnesbereiche, was haben sie zur Ursache? - Name und
Form, was haben sie zur Ursache? - das Bewußtsein, was hat es zur Ursache? -
die Gestaltungen, was haben sie zur Ursache, was zum Ursprung, was zur
Herkunft, was zur Entstehung? Was muß vorhanden sein, damit Gestaltungen
entstehen? Was muß nicht vorhanden sein, damit Gestaltungen nicht entstehen?
10.
Erwägend erkennt er also: ,die Gestaltungen haben das Nichtwissen zur Ursache,
das Nichtwissen zum Ursprung, das Nichtwissen zur Herkunft, das Nichtwissen zur
Entstehung. Wenn Nichtwissen vorhanden ist, entstehen die Gestaltungen; wenn
Nichtwissen nicht vorhanden ist, entstehen die Gestaltungen nicht.'
11.
Er erkennt die Gestaltungen; er erkennt den Ursprung der Gestaltungen; er
erkennt die Aufhebung der Gestaltungen; und er erkennt auch den Weg, der zur
Aufhebung der Gestaltungen führt. Und indem er diesem Wege folgt, wird er
einer, der der wahren Lehre gemäß wandelt. Dieser Bhikkhu, ihr Bhikkhus, heißt
einer, der auf dem Wege ist zur rechten vollständigen Vernichtung des Leidens,
zur Aufhebung der Gestaltungen.
12.
Wenn nun, ihr Bhikkhus, eine mit Nichtwissen begabte menschliche Persönlichkeit
*f144) Gestaltungen hervorbringt, die verdienstlich sind, dann ist das
Bewußtsein mit Verdienst ausgestattet. Wenn sie Gestaltungen hervorbringt, die
nicht verdienstlich sind, dann ist das Bewußtsein mit Nichtverdienst
ausgestattet. Wenn sie Gestaltungen hervorbringt, wo Gleichgewicht (von
Verdienst und Nichtverdienst) besteht, dann ist das Bewußtsein mit (solchem)
Gleichgewicht ausgestattet.
13.
Wenn aber, ihr Bhikkhus, bei einem Bhikkhu das Nichtwissen beseitigt und das
Wissen entstanden ist, bringt er infolge des Verschwindens des Nichtwissens und
der Entstehung des Wissens keine verdienstlichen Gestaltungen hervor; er bringt
keine nicht verdienstlichen Gestaltungen hervor; er bringt keine Gestaltungen
hervor, wo Gleichgewicht besteht.
14.
Wenn er nicht durch Tun (Gestaltungen) hervor bringt und nicht durch Denken
(Gestaltungen) hervorbringt *f145), erfaßt *f146) er nichts in
der Welt. Wenn er nichts erfasst, so empfindet er keinen Durst *f147).
Wenn er aber keinen Durst empfindet, geht er aus eigener Kraft *f148)
in das Nirvana ein. Er erkennt: vernichtet ist die Geburt; gelebt ist der
heilige Wandel; vollbracht ist, was zu vollbringen war; nichts mehr habe ich
fürderhin zu tun mit dem weltlichen Dasein.
15.
Wenn er eine lustvolle Empfindung empfindet, so erkennt er: sie ist unständig;
er erkennt: sie ist keine, an der man hängt; er erkennt: sie ist keine, an der
man Freude hat. Wenn er eine leidvolle Empfindung empfindet, so erkennt er: sie
ist unständig; er erkennt: sie ist keine, an der man hängt; er erkennt: sie ist
keine, an der man Freude hat. Wenn er eine Empfindung empfindet, die weder
leidvoll noch lustvoll ist, so erkennt er sie ist unständig; er erkennt sie ist
keine, an der man hängt; er erkennt: sie ist keine, an der man Freude hat.
16.
Wenn er eine lustvolle Empfindung empfindet, so empfindet er sie als einer, der
(von der Welt) losgelöst *f149) ist. Wenn er eine leidvolle Empfindung
empfindet, so empfindet er sie als einer, der losgelöst ist. Wenn er eine
Empfindung empfindet, die weder leidvoll noch lustvoll ist, so empfindet er sie
als einer, der losgelöst ist.
17.
Empfindet er die Empfindung, daß die Körperkräfte zu Ende gehen, so erkennt er:
ich empfinde die Empfindung, daß die Körperkräfte zu Ende gehen. Empfindet er
die Empfindung, daß das Leben zu Ende geht *f150), so erkennt er: ich
empfinde die Empfindung, daß das Leben zu Ende geht. Er erkennt: nach dem
Abschlusse des Lebens infolge der Auflösung des Körpers *f151) werden
noch in dieser Welt *f152) alle meine Empfindungen, an denen ich keine
Freude gehabt, erkalten; nur die leiblichen Bestandteile *f153) werden
übrig bleiben.
18.
Das ist gerade so, ihr Bhikkhus, wie wenn ein Mann aus dem Töpferofen einen
heißen Topf herausnimmt und auf den ebenen Erdboden hinstellt, und wie da die
Hitze, die daran ist, sich verliert und nur die Tonschalen übrig bleiben:
ebenso erkennt ein Bhikkhu, ihr Bhikkhus, wenn er die Empfindung empfindet, daß
die Körperkräfte zu Ende gehen: ich empfinde die Empfindung, daß die
Körperkräfte zu Ende gehen. Und wenn er die Empfindung empfindet, daß das Leben
zu Ende geht, so erkennt er: ich empfinde die Empfindung, daß das Leben zu Ende
geht. Er erkennt: nach dem Abschlusse des Lebens infolge der Auflösung des
Körpers werden noch in dieser Welt alle meine Empfindungen, an denen ich keine
Freude gehabt, erkalten; nur die leiblichen Bestandteile werden übrig
bleiben."
19.
"Was denkt ihr darüber, ihr Bhikkhus? Wird wohl ein Bhikkhu, bei dem die
weltlichen Einflüsse vernichtet sind, eine Gestaltung hervorbringen, die
verdienstlich ist? Wird er wohl eine Gestaltung hervorbringen, die nicht
verdienstlich ist? Wird er wohl eine Gestaltung hervorbringen, bei der
Gleichgewicht besteht?" - "Nein, Herr, das ist nicht der Fall."
20.
"Wenn aber Gestaltungen überhaupt nicht vorhanden sind, wird da wohl nach
Aufhebung der Gestaltungen das Bewußtsein zum Vorschein kommen?" -
"Nein, Herr, das ist nicht der Fall."
21.
"Wenn aber Bewußtsein überhaupt nicht vorhanden ist, wird da wohl nach
Aufhebung des Bewußtseins Name und Form zum Vorschein kommen?" -
"Nein, Herr, das ist nicht der Fall."
22.
"Wenn aber Name und Form überhaupt nicht vorhanden ist, werden da wohl
nach Aufhebung von Name und Form die sechs Sinnesbereiche zum Vorschein
kommen?" - "Nein, Herr, das ist nicht der Fall."
23.
"Wenn aber die sechs Sinnesbereiche überhaupt nicht vorhanden sind, wird
da wohl nach Aufhebung der sechs Sinnesbereiche Berührung zum Vorschein
kommen?" - "Nein, Herr, das ist nicht der Fall."
24.
"Wenn aber Berührung überhaupt nicht vorhanden ist, wird da wohl nach
Aufhebung der Berührung Empfindung zum Vorschein kommen?" - "Nein,
Herr, das ist nicht der Fall."
25.
"Wenn aber Empfindung überhaupt nicht vorhanden ist, wird da woh1 nach
Aufhebung der Empfindung Durst zum Vorschein kommen?" - "Nein, Herr,
das ist nicht der Fall."
26.
"Wenn aber Durst überhaupt nicht vorhanden ist, wird da wohl nach
Aufhebung des Durstes Erfassen zum Vorschein kommen?" - "Nein, Herr,
das ist nicht der Fall."
27.
"Wenn aber Erfassen überhaupt nicht vorhanden ist, wird da wohl nach
Aufhebung des Erfassens Werden zum Vorschein kommen?" - "Nein, Herr,
das ist nicht der Fall."
28.
"Wenn aber Werden überhaupt nicht vorhanden ist, wird da wohl nach
Aufhebung des Werdens Geburt zum Vorschein kommen?" - "Nein, Herr,
das ist nicht der Fall."
29.
"Wenn aber Geburt überhaupt nicht vorhanden ist, wird da wohl nach
Aufhebung der Geburt Alter und Tod zum Vorschein kommen?" - "Nein,
Herr, das ist nicht der Fall."
30.
"Gut, gut, ihr Bhikkhus! So verhält sich das, ihr Bhikkhus, nicht anders
verhält es sich. Glaubt mir das, ihr Bhikkhus, habt Vertrauen, heget keinen
Zweifel daran und kein Bedenken! Das ist das Ende des Leidens."
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