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S.22.59. Die Merkmale des
Nicht-Ich
(Diese Rede ist das
berühmte Anattá-Lakkhana-Sutta, die 'Lehrrede von den Merkmalen des Nicht-Ich',
d.i. von den Kennzeichen, welche die Abwesenheit jeder beharrenden Ich-Substanz
deutlich machen. Diese Lehrrede wurde an dieselbe 'Gruppe der fünf' früheren
Asketengefährten des Buddha gerichtet, welche durch die erste Lehrverkündung,
die 'Predigt von Benáres' (Dhammacakka-Pavattana-Sutta) die Stufe des
Stromeintritts erreicht hatten. Für die Wichtigkeit der Nicht-Ich-Lehre (anattá)
ist es bezeichnend, daß erst nach Hören und Verstehen der davon handelnden
zweiten Lehrrede des Buddha jenen fünf ersten Jüngern der Durchbruch zur
Heiligkeit gelang. Diese Rede findet sich auch in Vinaya, Mahávagga I 6, wo es
noch zum Abschluß heißt: "Zu dieser Zeit nun gab es sechs Heilige in der
Welt" - d.i. mit Einschluß des Buddha selber.)
1.
So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene bei Benares, zu Isipatana, im
Wildpark.
2.
Dort nun wandte sich der Erhabene an die Gruppe der fünf Mönche: "Ihr
Mönche!" - "Ja, o Herr", antworteten jene Mönche dem Erhabenen.
Der Erhabene sprach also:
3.
"Die Körperlichkeit, ihr Mönche, ist Nicht-Ich. Denn wäre, ihr Mönche,
diese Körperlichkeit das Ich, nicht würde da diese Körperlichkeit der Krankheit
anheimfallen. Erlangen könnte man es dann bei der Körperlichkeit: 'So möge
meine Körperlichkeit sein, so möge meine Körperlichkeit nicht sein!'
4.
Weil aber, ihr Mönche, die Körperlichkeit Nicht-Ich ist, deshalb fällt die
Körperlichkeit der Krankheit anheim, und nicht erlangt man es bei der Körperlichkeit:
'So möge meine Körperlichkeit sein, so möge meine Körperlichkeit nicht sein!'
5.
Das Gefühl, ihr Mönche, ist Nicht-Ich. Denn wäre, ihr Mönche, dieses Gefühl das
Ich, nicht würde da dieses Gefühl der Krankheit anheimfallen. Erlangen könnte
man es dann beim Gefühl: 'So möge mein Gefühl sein, so möge mein Gefühl nicht
sein!'
6.
Weil aber, ihr Mönche, das Gefühl Nich-Ich ist, deshalb fällt das Gefühl der
Krankheit anheim, und nicht erlangt man es beim Gefühl: 'So möge mein Gefühl
sein, so möge mein Gefühl nicht sein!'
7.
Die Wahrnehmung, ihr Mönche, ist Nicht-Ich. Denn wäre, ihr Mönche, diese
Wahrnehmung das Ich, nicht würde da diese Wahrnehmung der Krankheit
anheimfallen. Erlangen könnte man es dann bei der Wahrnehmung: 'So möge meine
Wahrnehmung sein, so möge meine Wahrnehmung nicht sein!'
8.
Weil aber, ihr Mönche, die Wahrnehmung Nicht-Ich ist, deshalb fällt die
Wahrnehmung der Krankheit anheim, und nicht erlangt man es bei der Wahrnehmung:
'So möge meine Wahrnehmung sein, so möge meine Wahrnehmung nicht sein!'
9.
Die Gestaltungen, ihr Mönche, sind Nicht-Ich. Denn wären, ihr Mönche, die
Gestaltungen das Ich, nicht würden da diese Gestaltungen der Krankheit anheim
fallen. Erlangen könnte man es dann bei den Gestaltungen: 'So mögen meine Gestaltungen
sein, so mögen meine Gestaltungen nicht sein!'
10.
Weil aber, ihr Mönche, die Gestaltungen Nicht-Ich sind, deshalb fallen die
Gestaltungen der Krankheit anheim, und nicht erlangt man es bei den
Gestaltungen: 'So mögen meine Gestaltungen sein, so mögen meine Gestaltungen
nicht sein!'
11.
Das Bewußtsein, ihr Mönche, ist Nicht-Ich. Denn wäre, ihr Mönche, das
Bewußtsein das Ich, nicht würde da dieses Bewußtsein der Krankheit
anheimfallen. Erlangen könnte man es dann beim Bewußtsein: 'So möge mein
Bewußtsein sein, so möge mein Bewußtsein nicht sein!'
12.
Weil aber, ihr Mönche, das Bewußtsein Nicht-Ich ist, deshalb fällt das
Bewußtsein der Krankheit anheim, und nicht erlangt man es beim Bewußtsein: 'So
möge mein Bewußtsein sein, so möge mein Bewußtsein nicht sein!'
13.
Was meint ihr, o Mönche, ist die Kölperlichkeit unvergänglich oder
vergänglich?" - "Vergänglich, o Herr." - "Was aber
vergänglich ist, ist das leidig oder freudig?" - "Leidig, o
Herr." - "Was nun vergänglich, leidig, wandelbar ist, kann man dies
mit Recht so ansehen: 'Dies ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst'?"
- "Gewiß nicht, o Herr."
14.-17.
"Sind Gefühl - Wahrnehmung - Gestaltungen - Bewußtsein unvergänglich oder
vergänglich?" - "Vergänglich, o Herr." - "Was aber vergänglich
ist, ist das leidig oder freudig?" - "Leidig, o Herr." -
"Was nun vergänglich, leidig, wandelbar ist, kann man dies mit Recht so
ansehen: 'Dies ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst'?" - "Gewiß
nicht, o Herr."
18.-22.
"Daher, o Mönche: was es irgend an Körperlichkeit gibt - an Gefühl - an
Wahrnehmung - an Gestaltungen - an Bewußtsein gibt, sei es vergangen, künftig
oder gegenwärtig, eigen oder fremd, grob oder fein, gewöhnlich oder edel, fern
oder nahe - von jeder Körperlichkeit - jedem Gefühl - jeder Wahrnehmung - allen
Gestaltungen - jedem Bewußtsein gilt: 'Dies ist nicht mein, das bin ich nicht,
das ist nicht mein Selbst!' So hat man dies der Wirklichkeit gemäß mit rechter
Weisheit zu betrachten.
23.
So erkennend, o Mönche, wendet sich der erfahrene, edle Jünger von der
Körperlichkeit ab, er wendet sich ab vom Gefühl, er wendet sich ab von der
Wahrnehmung, er wendet sich ab von den Gestaltungen, er wendet sich ab vom
Bewußtsein. Abgewandt wird er entsüchtet. Durch die Entsüchtung wird er
befreit. Im Befreiten ist die Erkenntnis: 'Befreit bin ich. Versiegt ist die
Geburt, vollendet der Heilige Wandel, getan das Werk, nichts Weiteres nach
diesem hier' - so erkennt er."
24.
Dies sprach der Erhabene. Beglückt freute sich die Gruppe der fünf Mönche über
das Wort des Erhabenen. Während aber diese Erklärung gesprochen wurde, löste
sich bei der Gruppe der fünf Mönche das Herz ohne Anhaften von den Trieben.
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