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S.22.79. Sich Verzehren
(Siehe Schneider in Yána
1955, S. 132; zu Abschn. 26ff: A IV 200; zu 32: Neumann, LS IV, S. 505; Vers am
Ende = Thag 1084.)
1.
So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene zu Sávatthí, im Jeta-Hain, im
Kloster des Anáthapindika.
2.
Dort wandte sich der Erhabene an die Mönche: "Ihr Mönche!" -
"Ja, o Herr", antworteten jene Mönche dem Erhabenen. Der Erhabene nun
sprach also:
3.
"Diejenigen Asketen und Priester, ihr Mönche, die sich mannigfacher
früherer Daseins-Stätten erinnern, alle die erinnern sich der fünf Gruppen des
Anhangens oder einer von ihnen:
4.
'Solche Körperlichkeit hatte ich in vergangener Zeit', sich so erinnernd,
erinnert man sich eben der Körperlichkeit. 'Solches Gefühl - solche Wahrnehmung
- solche Gestaltungen - solches Bewußtsein hatte ich in vergangener Zeit', sich
so erinnernd, erinnert man sich eben an diese.
5.
Und warum, ihr Mönche, sprecht ihr von 'Körperlichkeit' (rúpa)? Weil man
von ihr bedrückt wird (ruppati *f134), daher heißt es
'Körperlichkeit' (rúpa). Und wovon wird man bedrückt? Von Kälte wird man
bedrückt, von Hitze, Hunger, Durst, von der Belästigung durch Fliegen, Mücken,
Kriechtiere, Wind und Sonnenglut. Weil man davon bedrückt wird, daher heißt es
'Körperlichkeit'.
6.
Und warum, ihr Mönche, sprecht ihr von 'Gefühl'? Weil es gefühlt wird, ihr
Mönche, daher heißt es 'Gefühl'. Und was wird gefühlt? Freudiges wird gefühlt,
Leidiges wird gefiihlt, weder Freudiges noch Leidiges wird gefühlt. Weil es
gefühlt wird, ihr Mönche, daher heißt es 'Gefühl'.
7.
Und warum, ihr Mönche, sprecht ihr von 'Wahrnehmung'? Weil man wahrnimmt, ihr
Mönche, daher heißt es 'Wahrnehmung'. Und was nimmt man wahr? Blaues nimmt man
wahr, Gelbes nimmt man wahr, Rotes nimmt man wahr, Weißes nimmt man wahr. Weil
man wahrnimmt, ihr Mönche, daher heißt es 'Wahrnehmung'.
8.
Und warum, ihr Mönche, sprecht ihr von 'Gestaltungen' (sankhára)? Weil
sie ein Gestaltetes gestalten (sankhatam abhisankharonti), ihr Mönche,
daher heißt es 'Gestaltungen'. Und was für ein Gestaltetes gestalten sie?
Körperlichkeit, (die ein) Gestaltetes (ist), gestalten sie (karmisch) zur
Körperlichkeit; Gefühl, (das ein) Gestaltetes (ist), gestalten sie (karmisch)
zum Gefühl; Wahrnehmung, (die ein) Gestaltetes (ist), gestalten sie (karmisch)
zur Wahrnehmung; Gestaltungen, (die ein) Gestaltetes (sind), gestalten sie
(karmisch) zu Gestaltungen; Bewußtsein, (das ein) Gestaltetes (ist), gestalten
sie (karmisch) zu Bewußtsein *f135). Weil sie Gestaltetes gestalten, ihr
Mönche, daher heißt es 'Gestaltungen'.
9.
Und warum, ihr Mönche, sprecht ihr von 'Bewußtsein'? Weil man sich bewußt ist,
ihr Mönche, daher heißt es 'Bewußtsein'. Und wessen ist man sich bewußt? Des
Saueren ist man sich bewußt, des Bitteren, Scharfen, Süßen, Herben, Milden,
Salzigen, Nichtsalzigen. Weil man sich bewußt ist, ihr Mönche, daher heißt es
'Bewußtsein *f136)'.
10.
Dann überlegt nun, ihr Mönche, ein erfahrener, edler Jünger also:
11.
'Jetzt, wahrlich, werde ich verzehrt *f137) von Körperlichkeit; und
auch in der Vergangenheit ward ich ebenso verzehrt von der Körperlichkeit, wie
ich jetzt von dieser gegenwärtigen Körperlichkeit verzehrt werde. Und wenn ich
mich weiter (in dem Gedanken) an künftige Körperlichkeit ergötze, so werde ich
auch in Zukunft ebenso von Körperlichkeit verzehrt werden, wie ich jetzt von
dieser gegenwärtigen Körperlichkeit verzehrt werde.' - Wenn er in solcher Weise
nachgedacht hat, dann hat er kein Verlangen mehr nach vergangener
Körperlichkeit, er findet kein Gefallen mehr an künftiger Körperlichkeit, und
zur Abwendung und Entsüchtung von gegenwärtiger Körperlichkeit, zu ihrer
Aufhebung dient sein Wandel.
12.-15.
'Jetzt, wahrlich, werde ich verzehrt von Gefühl - von Wahrnehmung - von
Gestaltungen - von Bewußtsein; und auch in der Vergangenheit ward ich ebenso
von Bewußtsein verzehrt, wie ich jetzt von diesem gegenwärtigen Bewußtsein
verzehrt werde. Und wenn ich mich weiter (in dem Gedanken) an künftiges
Bewußtsein ergötze, so werde ich auch in Zukunft ebenso von Bewußtsein verzehrt
werden, wie ich jetzt von diesem gegenwärtigen Bewußtsein verzehrt werde.' -
Wenn er in solcher Weise nachgedacht hat, dann hat er kein Verlangen mehr nach
vergangenem Bewußtsein, er findet kein Gefallen mehr an künftigem Bewußtsein,
und zur Abwendung und Entsüchtung von gegenwärtigem Bewußtsein, zu seiner
Aufhebung dient sein Wandel.
16.-25.
Was meint ihr, o Mönche: Ist die Körperlichkeit unvergänglich oder vergänglich?
... (wie 59. 13-22)
26.
Solch edler Jünger, heißt es, baut ab, nicht häuft er an - er gibt auf, nicht
haftet er an - er stößt ab, nicht ist er zugeneigt - er bringt zum Verlöschen,
nicht bringt er zum Brennen.
27.
Und wie baut er ab und häuft nicht an? Körperlichkeit baut er ab und häuft sie
nicht an, Gefühl - Wahrnehmung - Gestaltungen - Bewußtsein baut er ab und häuft
sie nicht an.
28.
Und wie gibt er auf und haftet nicht? Körperlichkeit gibt er auf und haftet
nicht (an ihr); Gefühl - Wahrnehmung - Gestaltungen - Bewußtsein gibt er auf
und haftet nicht (daran).
29.
Und wie stößt er ab und ist nicht zugeneigt? Körperlichkeit stößt er ab und ist
ihr nicht zugeneigt; Gefühl - Wahrnehmung - Gestaltungen - Bewußtsein stößt er
ab und ist ihnen nicht zugeneigt.
30.
Und wie bringt er zum Verlöschen und bringt nicht zum Brennen? Körperlichkeit
bringt er zum Verlöschen und nicht zum Brennen; Gefühl - Wahrnehmung -
Gestaltungen - Bewußtsein bringt er zum Verlöschen und nicht zum Brennen
*f138).
31.
So erkennend, ihr Mönche, wendet sich der erfahrene, edle Jünger von der
Körperlichkeit ab, er wendet sich ab vom Gefühl, er wendet sich ab von der
Wahrnehmung, er wendet sich ab von den Gestaltungen, er wendet sich ab vom
Bewußtsein. Abgewandt wird er entsüchtet; durch die Entsuchtung wird er befreit.
Im Befreiten ist die Erkenntnis: 'Befreit bin ich. Versiegt ist die Geburt,
vollendet der Heilige Wandel, getan das Werk, nichts Weiteres mehr nach diesem
hier' - so erkennt er.
32.
Von solchem Mönch, ihr Mönche, heißt es: Weder baut er ab, noch häuft er an; in
vollzogenem Abbauen verharrt er. Weder gibt er auf, noch haftet er; in
vollzogenem Aufgeben verharrt er. Weder stößt er ab, noch ist er zugeneigt; in
vollzogenem Abstoßen verharrt er. Weder bringt er zum Verlöschen, noch bringt
er zum Brennen; in vollzogenem Verlöschen verharrt er.
33.
Was nun baut er weder ab, noch häuft er es an, sondern verharrt in vollzogenem
Abbauen? Körperlichkeit weder abbauend noch anhäufend, verharrt er in
vollzogenem Abbauen. Gefühl - Wahrnehmung - Gestaltungen - Bewußtsein weder
abbauend noch anhäufend, verharrt er in vollzogenem Abbauen.
34.
Was nun gibt er weder auf, noch haftet er daran, sondern verharrt in
vollzogenem Aufgeben? Körperlichkeit ... Bewußtsein weder aufgebend noch daran
haftend, verharrt er in vollzogenem Aufgeben.
35.
Was nun stößt er weder ab, noch ist ihm zugeneigt? Körperlichkeit ...
Bewußtsein weder abstoßend noch hierzu Zuneigung habend, verharrt er in
vollzogenem Abstoßen.
36.
Was nun bringt er weder zum Verlöschen noch zum Brennen? Körperlichkeit ...
Bewußtsein weder zum Verlöschen noch zum Brennen bringend, verharrt er in
vollzogenem Verlöschen.
37.
Einen solchen geistbefreiten Mönch, ihr Mönche, werden die Götterscharen mit
Indra, Brahmá und Pajápati selbst von fern her verehren:
38.
'Verehrung dir, du
Edelster der Menschen,
Verehrung dir, der
Menschen Höchster du!
Nicht können wir es
finden aus,
worauf gestützt dein
Sinnen geht.'"
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