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S.35.203 Leidensdinge
"Wenn
da, ihr Mönche, ein Mönch aller Leidensdinge Entstehen und Vergehn der Wirklichkeit
gemäß erkennt, dann sind von ihm auch die Wünsche gesehen. Wenn er die Wünsche
schaut, dann neigt er nicht zu dem, was bei den Wünschen Wunscheswille,
Wunschessympathie, Wunschesbetörung, Wunschesfieber ist. Wo er auch wandelt und
weilt, da ist er so wach, daß bei solchem Wandel Begierde und Trübsinn, böse,
unheilsame Dinge ihn nicht überfluten können.
Wie
aber erkennt, ihr Mönche, ein Mönch aller Leidensdinge Entstehen und Vergehn
der Wirklichkeit gemäß? So ist die Form, so das Entstehen der Form, so das
Vergehen der Form. So ist das Gefühl, so das Entstehen des Gefühls, so das
Vergehen des Gefühls. So ist die Wahrnehmung, so das Entstehen der Wahrnehmung,
so das Vergehen der Wahrnehmung. So sind die Gestaltungen, so das Entstehen der
Gestaltungen, so das Vergehen der Gestaltungen. So ist das Bewußtsein, so das
Entstehen des Bewußtseins, so das Vergehen des Bewußtseins. So, ihr Mönche,
erkennt ein Mönch aller Leidensdinge Entstehen und Vergehn der Wirklichkeit
gemäß.
Wie
aber werden, ihr Mönche, von einem Mönch die Wünsche gesehen, so daß er sie so
schaut, daß er nicht zu dem neigt, was da bei den Wünschen Wunscheswille,
Wunschessympathie, Wunschesbetörung, Wunschesfieber ist? Gleichwie etwa, ihr
Mönche, wenn da eine Grube wäre, tiefer als Manneshöhe, voll glühender Kohlen,
ohne Flammen, ohne Rauch; und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben
will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut, und zwei kräftige Männer
ergriffen ihn unter den Armen und schleppten ihn zu der glühenden Kohlengrube
hin; was meint ihr wohl, Mönche, würde da nun dieser Mann auf jede nur mögliche
Weise den Leib zurückziehen?"
"Gewiß,
o Herr".
"Und
warum das?"
"Gar
wohl, ihr Mönche, wußte der Mann: 'Fall ich in diese glühenden Kohlen hinein,
so muß ich sterben oder tödlichen Schmerz erleiden'.
Ebenso
nun auch, ihr Mönche, sind von dem Mönch die Wünsche gleichwie glühende Kohlen
gesehen, so daß er sie so schaut, daß er nicht zu dem neigt, was da bei den
Wünschen Wunscheswille, Wunschessympathie, Wunschesbetörung, Wunschesfieber
ist.
Und
wie ist er, wo er auch wandelt und weilt, so wach, daß ihn bei solchem Wandel
Begierde und Trübsinn, böse, unheilsame Dinge nicht überfluten können?
Gleichwie, ihr Mönche, ein Mann in ein Dickicht voller Dornen geraten ist:
östlich von ihm Dornen, westlich von ihm Dornen, nördlich von ihm Dornen,
südlich von ihm Dornen, unten Dornen, oben Dornen. Ob er da vorwärts oder
rückwärts geht, er denkt nur: 'Mögen mich die Dornen nicht verletzen'. Ebenso
nun auch, ihr Mönche, was für eine liebliche, erfreuliche Form es auch in der
Welt gibt, sie wird im Orden der Edlen 'Dorn' genannt. Wenn er es so erfahren
hat, dann muß er Zügelung und Nichtzügelung verstehen.
Und
wie ist, ihr Mönche, Nichtzügelung? Hat da, ihr Mönche, ein Mönch mit dem Auge
eine Form gesehen, mit der Zunge einen Saft geschmeckt, mit dem Geiste ein Ding
erkannt, dann wird er vom Lieben angezogen, vom Unlieben abgestoßen. Die
Achtsamkeit auf den Körper nicht gewärtig habend, verweilt er unbeschränkten
Gemütes, und er versteht nicht wirklichkeitsgemäß jene Gemüterlösung,
Weisheiterlösung, wo die aufgestiegenen bösen, unheilsamen Dinge restlos
aufgelöst werden. So nun, ihr Mönche, ist Nichtzügelung.
Und
wie, ihr Mönche, ist Zügelung? Hat da, Ihr Mönche, ein Mönch mit dem Auge eine
Form gesehen, mit der Zunge einen Saft geschmeckt, mit dem Geiste ein Ding
erkannt, dann wird er vom Lieben nicht angezogen, vom Unlieben nicht
abgestoßen. Die Achtsamkeit auf den Körper gewärtig habend, verweilt er
unbeschränkten Gemütes, und er versteht wirklichkeitsgemäß jene Gemüterlösung,
Weisheiterlösung, wo die aufgestiegenen bösen, unheilsamen Dinge restlos
aufgelöst werden. So nun, ihr Mönche, ist Zügelung.
Wenn
einem Mönch, ihr Mönche, der so wandelt und weilt, gelegentlich hie und da,
weil er die Achtsamkeit vergißt, böse, unheilsame Dinge aufsteigen,
Erinnerungen und Pläne, die ihn fesseln, dann steigt langsam die Erinnerung
auf, aber schnell verleugnet er sie, vertreibt sie, vertilgt sie, erstickt sie
im Keime. Gleichwie etwa, ihr Mönche, Wenn da ein Mann auf eine tagsüber am
Feuer glühende eiserne Pfanne zwei oder drei Wassertropfen herabträufeln ließe
- langsam wäre der Fall der Tropfen, aber gar eilig würden sie aufgelöst und
verschwunden sein. Ebenso nun auch, ihr Mönche, wenn einem Mönch, der so
wandelt und weilt, gelegentlich, hie und da, weil er die Achtsamkeit vergißt,
böse, unheilsame Dinge aufsteigen, Erinnerungen und Pläne, die ihn fesseln,
dann steigen langsam die Erinnerungen auf, aber schnell verleugnet er sie, vertreibt
sie, vertilgt sie, erstickt sie im Keime. So ihr Mönche, wandelt und weilt ein
Mönch so wach, daß ihn bei solchem Wandel Begehren und Trübsinn, böse,
unheilsame Dinge nicht überfluten können.
Wenn,
ihr Mönche, ein Mönch so wandelt und weilt und ein König, ein königlicher
Minister oder Freunde, Gefährten, Verwandte und Blutsverwandte würden ihm
Schätze anbieten: Komm, lieber Mann, was soll dich dieses fahle Gewand
belästigen? Was gehst du dahin mit kahlem Kopf und Almosenschale? Kehre zum
gewöhnlichen Leben zurück, genieße seine Genüsse und wirke Verdienst!' - daß
dieser Mönch, der so wandelt und weilt, ihr Mönche, die Übung aufgeben und zum
gewöhnlichen Leben zurückkehren würde - ein solcher Fall findet sich nicht.
Gleichwie,
ihr Mönche, der Ganges-Strom nach Osten geneigt ist, nach Osten gesenkt, noch
Osten gebeugt, und es würden viele Leute herbeikommen, mit Korb und Spaten,
sagend: 'Wir werden diesen Ganges-Strom nach Westen geneigt machen, nach Westen
senken, nach Westen beugen' - was meint ihr, Mönche, könnten da wohl die vielen
Leute den Ganges-Strom nach Westen geneigt machen, nach Westen senken, nach
Westen beugen?"
"Gewiß
nicht, o Herr".
"Und
warum?"
"Der
Ganges-Strom, o Herr, ist nach Osten geneigt, nach Osten gesenkt, nach Osten gebeugt.
Es ist nicht gut möglich, ihn nach Westen geneigt zu machen, ihn nach Westen zu
senken, nach Westen zu beugen, so viel sich die große Menschenmenge auch plagen
und verausgaben würde".
"Ebenso
nun auch, ihr Mönche, wenn einem Mönch, der so wandelt und weilt, ein König
oder königlicher Minister oder Freunde, Gefährten, Verwandte oder
Blutsverwandte ihm Schätze anbieten würden: 'Komm, lieber Mann, was soll dich
dies fahle Gewand belustigen? Was gehst du dahin mit kahlem Kopf und
Almosenschale? Kehre zum gewöhnlichen Leben zurück, genieße seine Genüsse und
wirke Verdienst!' - daß dieser Mönch, der so wandelt und weilt, ihr Mönche, die
Übung aufgeben und zum gewöhnlichen Leben zurückkehren würde - ein solcher Fall
findet sich nicht. Und warum? Daß, ihr Mönche, ein Herz, das lange Zeit zur
Einsamkeit geneigt ist, zur Einsamkeit gesenkt, zur Einsamkeit gebeugt ist, zum
gewöhnlichen Leben zurückkehren könnte - ein solcher Fall findet sich
nicht!"
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