|
S.35.204 Der Judasbaum
Zu
einer Zeit begab sich ein gewisser Mönch zu einem anderen Mönch und sprach:
"Inwiefern,
Bruder, ist der Anblick eines Mönches wohl geläutert?"
Wenn
da, Bruder, ein Mönch der sechs Berührungsgebiete Entstehen und Vergehn der
Wirklichkeit gemäß erkennt, dann ist insofern der Anblick eines Mönches wohl
geläutert".
Da
nun war dieser Mönch mit der Beantwortung seiner Frage nicht zufrieden und er
begab sich zu einem anderen Mönch und sagte:
"Inwiefern,
Bruder, ist der Anblick eines Mönches wohl geläutert?"
"Wenn
da, Bruder, ein Mönch der fünf Faktoren des Ergreifens Entstehen und Vergehn
der Wirklichkeit gemäß erkennt, dann ist insofern der Anblick eines Mönches
wohl geläutert".
Da
war nun dieser Mönch mit der Beantwortung seiner Frage nicht zufrieden, und er
begab sich zu einem anderen Mönch und sagte: "Inwiefern, Bruder, ist der
Anblick eines Mönches wohl geläutert?"
"Wenn
da, Bruder, ein Mönch der vier Hauptstoffe Entstehen und Vergehn der
Wirklichkeit gemäß erkennt, dann ist insofern der Anblick eines Mönches wohl
geläutert".
Da
war nun dieser Mönch auch mit dieser Beantwortung seiner Frage nicht zufrieden,
und er begab sich zu einem anderen Mönch und sagte:
'Inwiefern,
Bruder, ist der Anblick eines Mönches wohl geläutert?"
"Wenn
da, Bruder, ein Mönch der Wirklichkeit gemäß versteht:
'Was
irgend auch entstanden ist,
muß
alles wieder untergehn',
dann
ist insofern der Anblick eines Mönches wohl geläutert'.
Da
war nun dieser Mönch auch mit dieser Beantwortung seiner Frage nicht zufrieden
und begab sich zum Erhabenen, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und setzte sich zur
Seite nieder. Zur Seite sitzend, berichtete dieser Mönch dem Erhabenen Wort für
Wort seine Gespräche und fragte: "Inwiefern, o Herr, ist der Anblick eines
Mönches wohl geläutert?"
"Gleichwie,
o Mönch, wenn da ein Mann wäre, der nie zuvor einen Judasbaum gesehen hätte. Er
würde zu einem Manne gehen, der einen Judasbaum gesehen hätte. Nachdem er sich
zu ihm begeben, würde er ihn also fragen: 'Lieber Mann, wie sieht ein Judasbaum
aus?' Der würde antworten: 'Schwarz, lieber Mann, ist der Judasbaum, gleichwie
ein verkohlter Stumpf'. Zu jener Zeit war nämlich der Judasbaum gerade so, wie
ihn der Mann erblickt hatte.
Da
wäre nun der Mann nicht zufrieden mit der Beantwortung seiner Frage, und er
würde zu einem anderen Manne gehen, der einen Judasbaum gesehen hätte. Nachdem
er sich zu ihm begeben, würde er ihn also fragen: 'Lieber Mann, wie sieht ein
Judasbaum aus? Der würde antworten: 'Rötlich, lieber Mann, ist der Judasbaum, gleichwie
ein Stück Fleisch'. Zu jener Zeit war nämlich der Judasbaum gerade so, wie ihn
der Mann erblickt hatte.
Da
wäre nun der Mann nicht zufrieden mit der Beantwortung seiner Frage, und er
würde zu einem anderen Manne gehen, der einen Judasbaum gesehen hätte. Nachdem
er sich zu ihm begeben, würde er ihn also fragen: 'Lieber Mann, wie sieht ein
Judasbaum aus? Der würde antworten: 'Aufgeplatzte Fruchtschoten, lieber Mann'
hat der Judasbaum gleichwie eine Akazie'. Zu jener Zeit war nämlich der Judasbaum
gerade so, wie der Mann ihn erblickt hatte.
Da
wäre nun der Mann nicht zufrieden mit der Beantwortung seiner Frage, und er
würde zu einem anderen Mann gehen, der einen Judasbaum gesehen hätte. Nachdem
er sich zu ihm begeben, würde er ihn also fragen: 'Lieber Mann, wie sieht ein
Judasbaum aus?' Der würde antworten: 'Voll belaubt, lieber Mann, ist der
Judasbaum: er gibt dichten Schatten wie eine Luftwurzelfeige'. Zu jener Zeit
war nämlich der Judasbaum gerade so, wie der Mann ihn erblickt hatte.
Da
haben nun, o Mönch, diese rechten Menschen je nach ihrer Neigung ihren Anblick
wohl geläutert und haben dementsprechend geantwortet.
Gleichwie,
o Mönch, wenn da eine königliche Grenzfestung wäre, fest gebaut mit Wällen und
Türmen, mit sechs Toren und einem weisen, klugen, verständigen Torhüter, der
Fremde abweist und Bekannte einläßt. Da kämen von Osten zwei Eilboten und
sprächen zu dem Torhüter: 'Wo, lieber Mann, ist der Herr dieser Grenzfestung?'
Der Torhüter würde antworten: 'Er wohnt in der Mitte, wo die vier Wege sich
treffen'. Nachdem nun die beiden Eilboten die wirklichkeitsgemäße Botschaft dem
Herrn der Grenzfestung übergeben hätten, würden sie auf demselben Weg, auf dem
sie gekommen, auch zurückgehen. Das gleiche würde mit Boten von Westen, von Norden,
von Süden geschehen.
Ein
Gleichnis habe ich, Mönch, gegeben, um den Sinn zu erläutern. Dies aber ist der
Sinn:
Die Grenzfestung - das
ist eine Bezeichnung für diesen Körper aus den vier Hauptstoffen, von Vater und
Mutter gezeugt, durch Reis und Grütze genährt der Unbeständigkeit, dem
Untergang, der Aufreibung, Auflösung, Zerstörung verfallen.
Die sechs Tore - das ist
eine Bezeichnung der sechs inneren Gebiete.
Der Torhüter - das ist
eine Bezeichnung der Achtsamkeit.
Die beiden Eilboten - das
ist eine Bezeichnung für Ruhe und Klarsicht.
Der Herr der Stadt - das
ist eine Bezeichnung des Bewußtseins.
Die Mitte, wo sich die
vier Wege treffen - das ist eine Bezeichnung der vier Hauptstoffe, der Art des
Festen, des Flüssigen, des Feurigen, des Luftigen.
Die wirklichkeitsgemäße
Botschaft - das ist eine Bezeichnung für das Nirvána.
Derselbe Weg, auf dem
sie gekommen sind - das ist eine Bezeichnung für den edlen achtfältigen Pfad,
nämlich rechte Anschauung, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln,
rechter Wandel, rechtes Mühen, rechte Achtsamkeit, rechte Einigung".
|