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S.36.6 Durch einen Pfeil
Der
unerfahrene gewöhnliche Mensch, ihr Mönche, empfindet ein Wohlgefühl empfindet
ein Wehgefühl, empfindet ein Weder-wehe-noch-wohl-Gefühl. Auch der erfahrene
edle Jünger, ihr Mönche, empfindet ein Wohlgefühl, empfindet ein Wehgefühl,
empfindet ein Weder-weh-nach-wohl-Gefühl. Was ist da nun, ihr Mönche, die
Besonderheit, was die Verschiedenheit, was der Unterschied zwischen einem
erfahrenen edlen Jünger und einem unerfahrenen gewöhnlichen Menschen? 'Im
Erhabenen wurzelt für uns die Lehre. Möge der Erhabene uns belehren'. Wird da,
ihr Mönche, der unbelehrte gewöhnliche Mensch von einem Wehgefühl getroffen,
dann ist er traurig, beklommen, er jammert, schlägt sich stöhnend an die Brust,
gerät in Verwirrung. So empfindet er zwei Gefühle: ein körperliches und ein gemüthaftes.
Gleichwie,
ihr Mönche, wenn da ein Mann von einem Pfeil angeschossen würde, und er würde
dann noch von einem zweiten Pfeil angeschossen. Da wurde dieser Mensch, ihr
Mönche, die Gefühle von zwei Pfeilen empfinden.
Ebenso
nun auch, ihr Mönche, wenn der unbelehrte gewöhnliche Mensch, von einem
Wehgefühl getroffen, traurig, beklommen ist, jammert, sich stöhnend an die
Brust schlägt, in Verwirrung gerät, dann empfindet er zwei Gefühle, ein
körperliches und ein gemüthaftes. Ist er von einem Wehgefühl getroffen worden,
so leistet er Widerstand. Dann wird in ihm, der dem Wehgefühl Widerstand
leistet, der Hang zum Widerstand gegen das Wehgefühl angelegt. Wird er nun von
einem Wehgefühl getroffen, dann genießt er Sinnenwohl. Und warum? Nicht kennt ja,
ihr Mönche, der unerfahrene gewöhnliche Mensch eine andere Entrinnung vor dem
Wehgefühl als Sinnenwohl. Dann wird in ihm, der Sinnenwohl genießt, der Hang
zum Reiz angelegt. Er kennt nicht der Wirklichkeit gemäß der Gefühle Aufgang
und Untergang, Labsal, Elend und Entrinnung. Dann wird in ihm, der der Gefühle
Aufgang und Untergang, Labsal, Elend und Entrinnung nicht der Wirklichkeit
gemäß erkennt, beim Weder-weh-noch-wohl-Gefühl der Hang zum Unwissen angelegt.
Fühlt er nun ein Wohlgefühl, da fühlt er es als Gefesselter; fühlt er ein
Wehgefühl, so fühlt er es als Gefesselter; fühlt er ein
Weder-weh-noch-wohl-Gefühl, so fühlt er es als Gefesselter. Den nennt man, ihr
Mönche einen unerfahrenen gewöhnlichen Menschen Gefesselt ist er durch Geburt,
Alter und Sterben, durch Trauer, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung.
Gefesselt ist er, sag' ich, ans Leiden
Wird
aber der erfahrene edle Jünger, ihr Mönche, von einem Wehgefühl getroffen, dann
ist er nicht traurig, beklommen, jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend an
die Brust, gerät nicht in Verwirrung. So empfindet er nur ein Gefühl, ein
körperliches, kein gemütmäßiges.
Gleichwie,
ihr Mönche, wenn da ein Mann von einem Pfeil angeschossen würde, aber kein
zweiter Pfeil würde nach ihm geschossen. Dieser Mensch, ihr Mönche, wird also
nur das Gefühl von e i n e m Pfeil empfinden. Ebenso nun auch, ihr Mönche, wenn
der belehrte edle Jünger von einem Wehgefühl getroffen wird, dann ist er nicht
traurig, beklommen, jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend an die Brust,
gerät nicht in Verwirrung: Nur ein Gefühl empfindet er, ein körperliches, kein
gemüthaftes.
Ist
er von einem Wehgefühl getroffen worden, da leistet er keinen Widerstand. Dann
wird in ihm, der dem Wehgefühl keinen Widerstand leistet, beim Wehgefühl kein
Hang zum Widerstand angelegt. Wird er nun von einem Wehgefühl getroffen, so
genießt er nicht das Sinnenwohl. Und warum? Es kennt ja der erfahrene edle
Jünger, ihr Mönche, eine andere Entrinnung vor dem Wehgefühl als sinnliches
Wohl. Dann wird in ihm, der Sinnenwohl nicht genießt, kein Hang zum Reiz
angelegt. Er kennt ja der Wirklichkeit gemäß der Gefühle Aufgang und Untergang,
Labsal, Elend und Entrinnung. Und weil er der Gefühle Aufgang und Untergang,
Labsal, Elend und Entrinnung der Wirklichkeit gemäß kennt, wird von ihm beim
Weder-wehe-noch-wohl-Gefühl kein Hang zum Unwissen angelegt. Fühlt er nun ein
Wohlgefühl, so fühlt er es als Entfesselter; fühlt er ein Wehgefühl, so fühlt
er es als Entfesselter; fühlt er ein Weder-weh-noch-wohl-Gefühl, so fühlt er es
als Entfesselter. Den nennt man, ihr Mönche, einen edlen Jünger: Entfesselt ist
er von Geburt, Altern und Sterben, von Trauer, Jammer, Schmerz, Trübsal und
Verzweiflung. Entfesselt ist er, sag' ich, vom Leiden.
Das
ist nun, ihr Mönche, die Besonderheit, die Zielsetzung, der Unterschied
zwischen einem erfahrenen edlen Jünger und einem unerfahrenen gewöhnlichen
Menschen:
Gefühl, das fühlt auch,
wer da weise ist,
Wohl oder Wehe auch der
Vielerfahr'ne,
und doch hat dieser
Kluge vor den anderen
in dem, was heilsam,
ganz Besond'res.
Gesetzeskenner,
Vielerfahrner,
der diese Welt sah und
das andre Ufer,
bedrängen Wunschesdinge
nicht das Herz,
bei Unerwünschtem ist er
ohne Widerstand.
Die bald verzückt sind,
bald verstimmt,
die sind zerstört, gehn
unter, sind nicht mehr;
doch wer den Pfad weiß,
rein und kummerfrei,
erkennet recht das
Übersteigen allen Seins".
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