8. In
diesem Prozeß kultureller und menschlicher Entstrukturalisierung der Ehe
als Institution darf man die Auswirkung einer gewissen „Gender-Ideologie“ nicht
unterschätzen. Das Mann- oder Frausein sei grundsätzlich nicht
geschlechts-, sondern kulturbedingt. Diese Ideologie höhlt die Fundamente
der Familie und der zwischenmenschlichen Beziehung aus. Aufgrund ihrer
Bedeutung in der heutigen Kultur und aufgrund ihres Einflusses auf das Phänomen
der faktischen Lebensgemeinschaften, empfiehlt es sich daher, sie eingehender
zu untersuchen.
Beim Integrationsprozeß der menschlichen Persönlichkeit spielt
die Identität eine wichtige Rolle. In der Kindheit und in der Pubertät
wird sich die Person Schritt für Schritt ihres „Ichs“, ihrer eigenen
Identität bewußt. Dieses Bewußtsein der eigenen Identität
erfolgt im Prozeß der Erkenntnis seiner selbst und damit auch seiner
Geschlechtlichkeit. Es handelt sich um das Bewußtsein der eigenen Identität
und Verschiedenheit. Die Fachleute unterscheiden in der Regel zwischen der
sexuellen Identität (das heißt dem Bewußtsein der
psycho-biologischen Identität des eigenen Geschlechts und des Unterschieds
zum anderen Geschlecht) und der geschlechtlichen Identität (das heißt
dem Bewußtsein der psycho-sozialen und kulturellen Rolle, die Personen
eines bestimmten Geschlechts in der Gesellschaft spielen). Beim richtigen und
harmonischen Integrationsprozeß ergänzen sich sexuelle und geschlechtliche
Identität, da die Personen nun einmal den Kulturmodellen folgen, die ihrem
Geschlecht in der Gesellschaft entsprechen. Die Kategorie der sexuellen Identität
des „Geschlechts“ (gender) ist demzufolge psycho-sozialer und
kultureller Ordnung. Sie entspricht der sexuellen Identität, die
psycho-biologischer Natur ist, wenn die Integration der Persönlichkeit von
der Anerkennung der Fülle der inneren Wahrheiten der Person als Einheit
von Seele und Leib begleitet ist.
In den Jahren von 1960-1970 verbreitete sich eine Theorie (die Fachleute
heute allgemein als „konstruktivistisch“ bezeichnen), wonach die sexuelle
Identität des „Geschlechts“ (gender) nicht nur Produkt der
Interaktion zwischen der Gemeinschaft und dem Individuum, sondern sogar von der
persönlichen sexuellen Identität unabhängig sei. Mit anderen
Worten, die in der Gesellschaft vorgenommene Unterscheidung der Geschlechter in
männlich und weiblich seien ausschließlich Produkt sozialer
Faktoren, die in keinerlei Beziehung zur sexuellen Dimension der Person stünden.
Jede sexuelle Einstellung, und damit auch die Homosexualität, sei so zu
rechtfertigen. Die Gesellschaft müsse sich ändern, um in der
Gestaltung des Gesellschaftslebens anderen Geschlechtern neben dem männlichen
und dem weiblichen Platz zu machen. 6
Die „Gender-Ideologie“ hat in der individualistischen Anthropologie des
radikalen Neoliberalismus einen fruchtbaren Boden gefunden. 7 Die
Beanspruchung des gleichen Status für Ehe und faktische
Lebensgemeinschaften (und dies sogar für homosexuelle) wird heute
allgemein durch den Rückgriff auf Kategorien und Begriffe der
Gender-Ideologie gerechtfertigt. 8 So gehen manche sogar so weit, daß
sie jede konsensuale Verbindung „Familie“ nennen und die natürliche
Neigung der menschlichen Freiheit zur gegenseitigen Hingabe und deren
Wesensmerkmale verschmähen. Diese bilden aber das Fundament der Ehe als
Institution und gemeinsames Gut der ganzen Menschheit.
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