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Ioannes Paulus PP. II
Tertio millennio adveniente

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  • IV. Die unmittelbare Vorbereitung
    • 36
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36. Eine ernsthafte Gewissensprüfung wurde von zahlreichen Kardinälen und Bischöfen vor allem für die Kirche der Gegenwart gewünscht. An der Schwelle des neuen Jahrtausends müssen die Christen demütig vor den Herrn treten, um sich nach den Verantwortlichkeiten zu fragen, die auch sie angesichts der Übel unserer Zeit haben. Denn die gegenwärtige Epoche weist neben vielen Licht- auch nicht wenige Schattenseiten auf. Kann man zum Beispiel die religiöse Gleichgültigkeit verschweigen, die viele Menschen heute dahin bringt, zu leben, als ob es Gott nicht gäbe, oder sich mit einer vagen Religiosität zufriedenzugeben, die außerstande ist, es mit dem Problem der Wahrheit und mit der Pflicht zur Kohärenz aufzunehmen? Damit in Verbindung gebracht werden müssen auch der verbreitete Verlust des transzendenten Sinnes der menschlichen Existenz und die Verwirrung im ethischen Bereich sogar bei den Grundwerten der Achtung des Lebens und der Familie. Eine Prüfung scheint auch für die Söhne und Töchter der Kirche geboten: Inwieweit sind auch sie von der Atmosphäre des Säkularismus und ethischen Relativismus betroffen? Und wieviel Verantwortung an dem überhandnehmenden areligiösen Verhalten müssen auch sie zugeben, weil sie "durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens"20 nicht das wahre Antlitz Gottes offenbar gemacht haben? In der Tat kann man nicht leugnen, daß das spirituelle Leben bei vielen Christen eine Zeit der Unsicherheit durchmacht, von der nicht nur das sittliche Leben, sondern auch das Gebet und selbst die theologische Zuverlässigkeit des Glaubens betroffen sind. In Verwirrung gerät der Glaube, der bereits von der Auseinandersetzung mit der heutigen Zeit auf die Probe gestellt worden ist, bisweilen durch irrige theologische Richtungen, die sich auch wegen der Gehorsamskrise gegenüber dem Lehramt der Kirche verbreiten. Und muß man, was das Zeugnis der Kirche in unserer Zeit betrifft, nicht Schmerz empfinden über das mitunter sogar zu Willfährigkeit gewordene mangelnde Unterscheidungsvermögen vieler Christen angesichts der Vergewaltigung menschlicher Grundrechte durch totalitäre Regime? Und muß man unter den Schatten der Gegenwart etwa nicht die Mitverantwortung vieler Christen an schwerwiegenden Formen von Ungerechtigkeit und sozialer Ausgrenzung beklagen? Man muß sich fragen, wie viele von ihnen die Weisungen der kirchlichen Soziallehre gründlich kennen und konsequent praktizieren. Die Gewissensprüfung darf auch die Annahme des Konzils, dieses großartigen Geschenks des Geistes an die Kirche gegen Ende des zweiten Jahrtausends, nicht unberücksichtigt lassen. Ist das Wort Gottes in vollem Ausmaß zur Seele der Theologie und Inspiration des ganzen christlichen Daseins geworden, wie es Dei Verbum forderte? Wird die Liturgie, gemäß der Lehre von Sacrosanctum Concilium, als "Quelle und Höhepunkt" des kirchlichen Lebens gelebt? Wird in der Universalkirche und in den Teilkirchen die Communio-Ekklesiologie von Lumen Gentium dadurch gefestigt, daß man den Charismen, den Diensten und den verschiedenen Formen der Teilnahme des Gottesvolkes Raum gibt, ohne deshalb einem Demokratizismus oder einem Soziologismus zu frönen, der nicht die katholische Sichtweise der Kirche und den wahren Geist des II. Vatikanums widerspiegelt? Eine Lebensfrage muß auch dem Stil der Beziehungen zwischen Kirche und Welt gelten. Die - in Gaudium et spes und in anderen Dokumenten gebotenen - Konzilsanweisungen bezüglich eines offenen, achtungsvollen und herzlichen Dialogs, der jedoch von einer sorgfältigen Unterscheidung und von dem mutigen Zeugnis der Wahrheit begleitet sein soll, bleiben gültig und rufen uns zu weiterem Engagement auf.




20 II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 19.




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