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d) Die Kirche, Mutter der Berufe
Die Kirche ist die Mutter der Berufe, denn
sie bringt sie aus ihrem Inneren hervor, in der Kraft des Geistes, sie
schützt sie, nährt sie und unterhält sie. Sie ist besonders
deshalb Mutter, weil sie eine wertvolle Funktion als Mittlerin und Erzieherin
ausübt.
»Von Gott gerufen und als eine Gemeinschaft
von Berufenen in der Welt erbaut, ist die Kirche ihrerseits Werkzeug des Rufes
Gottes. Die Kirche ist lebendiger Anruf aus dem Willen des Vaters, durch die
Verdienste des Herrn Jesus, durch die Kraft des Heiligen Geistes (...). Die
Gemeinschaft, die sich ihrer Berufung bewubt wird, wird sich gleichzeitig
dessen bewubt, dab auch sie selbst ununterbrochen berufen mub«.(44)
Über den Weg dieser Berufung und in ihren verschiedenen Formen ergeht auch
der Anruf Gottes.
Diese vermittelnde Aufgabe übt die
Kirche aus, wenn sie jedem Gläubigen hilft und ihn anregt, sich der empfangenen
Gabe und der Verantwortung, die sie beinhaltet, bewubt zu werden.
Sie übt sie weiter aus, wenn sie sich
zur kompetenten Deuterin des ausdrücklichen Anufs zu einer Berufung macht,
und sie selbst beruft, indem sie die Erfordernisse, die mit ihrer Sendung und
mit den Bedürfnissen des Gottesvolkes verbunden sind, darlegt und zu einer
hochherzigen Antwort einlädt.
Sie übt sie auberdem aus, wenn sie vom
Vater die Gabe des Geistes erbittet, der die Zustimmung in den Herzen der
Gerufenen bewirkt. Sie übt sie aus, wenn sie einen Berufenen aufnimmt und
in ihm den Ruf selbst vernimmt. Sie übt sie aus, wenn sie einem Berufenen
ausdrücklich mit fürsorglichem Vertrauen eine konkrete und nie
einfache Sendung unter den Menschen überträgt. Wir könnten noch
anfügen, dab die Kirche ihre Mütterlichkeit auch dann zeigt, wenn
sie, auber zu berufen und die Eignung der Gerufenen zu prüfen, dafür
Sorge trägt, dab diese eine angemessene einführende und
beständige Ausbildung erhalten und auf dem langen Weg ihrer immer treueren
und radikaleren Antwort tatsächlich begleitet werden. Die
Mütterlichkeit der Kirche kann sich selbstverständlich nicht
erschöpfen in der Zeit der ersten Berufung. Auch kann eine Gemeinde von
Gläubigen sich nicht mütterlich nennen, wenn sie nur »wartet« und die
Verantwortung für eine Berufung ausschlieblich dem Wirken Gottes
überläbt, als ob sie sich davor fürchte, selbst zu rufen; oder
eine Gemeinschaft, die es als gegeben betrachtet, dab die Jugendlichen schon
von selbst ihre Berufung wahrnehmen werden; oder eine, die keine
Möglichkeiten anbietet, die auf Angebot oder Annahme einer Berufung
abzielen.
Die Berufskrise der Berufenen ist heute
auch eine Krise der Rufenden, die
sich manchmal bedeckt halten und keinen Mut zeigen. Wenn keiner da ist, der
ruft, wie kann man da eine Antwort erwarten?
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