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d) Die Berufungspastoral ist allgemein
und spezifisch
Die Berufungspastoral geht notwendigerweise
von einem weiten Begriff der Berufung aus (und ist demzufolge auch Anruf an
alle), um sich dann einzugrenzen und zu verdeutlichen, je nach der Berufung des
einzelnen. In solchem Sinn ist die Berufspastoral zunächst allgemein, dann
spezifisch. Sie ist dies innerhalb einer Stufenordnung, die man
vernünftigerweise nicht umkehrt und die gewöhnlich von einer
verfrühten Einladung, die ohne jede schrittweise Katechese zu einer
speziellen Berufungsform hinführt, abrät.
Andererseits und immer kraft dieser Ordnung
beschränkt sich die Berufspastoral nicht auf eine allgemeine Betonung des
Sinns der Existenz, sondern sie drängt auf ein persönliches
Betroffenseins innerhalb einer ganz bestimmten Lebenswahl. Es besteht kein
Zwiespalt und noch weniger ein Gegensatz zwischen einem Anruf, der die gemeinsamen
und die Existenz begründenden Werte herausstellt, und einem Anruf in den
Dienst des Herrn »nach dem Mab der empfangenen Gnade«.
Der Animator einer Berufung wie auch jeder
Erzieher im Glauben darf sich nicht scheuen, mutige und vorbehaltslose
Entscheidungen vorzuschlagen, selbst wenn sie schwierig und zeitfremd zu sein
scheinen. Darum gilt: wenn jeder Erzieher auch Berufsanimator ist, dann ist
jeder Berufsanimator auch Erzieher, und zwar Erzieher zu jeder Berufung,
unter Berücksichtigung des jeweiligen Charismas. Jede Berufung ist an die
andere gebunden, ja setzt diese voraus und regt sie an, während alle
zusammen auf die gleiche Quelle verweisen und auf dasselbe Ziel: die
Heilsgeschichte. Aber jede Berufung hat ihre eigene Weise.
Der echte Erzieher zur Berufung zeigt nicht
nur die Unterschiede zwischen der einen oder anderen Berufung auf unter
Berücksichtigung der verschiedenen Neigungen in den einzelnen Berufenen,
sondern er läbt jene »höchsten Möglichkeiten«, d.h. der
Radikalität und Selbsthingabe durchscheinen, die für jede Berufung
offen stehen und ihr innewohnen.
In ganzer Tiefe auf die Werte des Lebens hin
zu erziehen bedeutet beispielsweise, einen Weg vorzuschlagen (und zu lernen,
ihn vorzuschlagen), der auf ganz natürliche Weise in die Nachfolge
Christi einmündet und zu jener Wahl der Nachfolge gelangen kann, die
typisch ist für den Apostel, den Priester oder die Ordensperson, den
Mönch, der die Welt verläbt, wie auch für den in der Welt
geweihten Laien.
Andererseits verlangt der Vorschlag einer
solchen besonderen Nachfolge als Lebensziel von Natur aus eine vorausgehende
Aufmerksamkeit und Ausbildung für die elementaren Werte des Lebens, des
Glaubens, der Dankbarkeit für das Unverdiente und der von jedem Christen
geforderten Nachfolge Christi.
Daraus folgt eine Berufungs strategie, die
theologisch besser begründet und auch im pädagogischen Bereich
wirksamer ist. Mancher mag befürchten, eine Ausweitung des
Verständnisses der Berufung könne der spezifischen Förderung der
Berufe zum Priestertum und zum geweihten Leben abträglich sein; in
Wirklichkeit ist es jedoch gerade umgekehrt.
Die verschiedenen Schritte im Vorschlagen
einer Berufung ermöglichen es tatsächlich, sich vom Objektiven zum
Subjektiven, vom Allgemeinen zum Besonderen hin zu bewegen, ohne dabei die Vorschläge
vorwegzunehmen oder wegfallen zu lassen, sondern indem man sie untereinander
und im Blick auf den entscheidenden Vorschlag an eine Person abstimmt. Dieser
Vorschlag hat zum rechten Zeitpunkt zu geschehen und ist sorgsamst nach einem
Rhythmus abzuwägen, der dem jeweiligen Adressaten Rechnung trägt.
Ein umsichtiges Vorangehen macht den
entscheidenden Berufsvorschlag an eine Person viel provozierender und
zugänglicher. Konkret heibt dies: je früher ein Jugendlicher dazu
erzogen ist, ganz natürlich von der Dankbarkeit für das Geschenk des
Lebens zum Bewubtsein des Unverdientseins dieses geschenkten Gutes
vorzudringen, um so eher wird es möglich sein, ihm die vollkommene Hingabe
seiner selbst an Gott als eine natürliche Folgerung vorzuschlagen, die
für einige dann unvermeidlich wird.
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