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b) Die kirchliche Gemeinschaft (Gemeinde)
Die erste vitale Aufgabe, die die Liturgie
erfüllt, ist die Sichtbarmachung der Gemeinschaft, die innerhalb der
Kirche gelebt wird, als Volk Gottes, in Christus versammelt durch sein Kreuz (Joh
13,32), als eine Gemeinschaft, in der jede Trennung durch den Geist Gottes
überwunden wird, der ein Geist der Einheit ist (Eph 2,11-22; Gal
3,26-28; Joh 17,9-26).
Die Kirche stellt sich dar als jener menschliche
Raum der Geschwisterlichkeit, in dem jeder Gläubige die Erfahrung der
Einheit von Gott und den Menschen machen kann und mub, die ein Geschenk von
oben ist. Für diese kirchliche Dimension ist die Apostelgeschichte ein
leuchtendes Beispiel, wo sie eine Gemeinschaft von Glaubenden beschreibt, die
zutiefst von geschwisterlicher Einheit, von Teilung des materiellen und
geistigen Besitzes, der Gefühle und Empfindungen geprägt (Apg 2,42-48)
und »ein Herz und eine Seele« ist (Apg 4,32).
Wenn jede Berufung in der Kirche ein
Geschenk ist, das in Freiheit als ein Dienst der Liebe für die anderen gelebt
werden mub, dann ist sie auch ein Geschenk, das mit den anderen gelebt
werden will. So kann man es also nur entdecken, wenn es geschwisterlich gelebt
wird.
Die kirchliche Geschwisterlichkeit ist nicht
nur eine Tugend des Verhaltens, sondern ein Weg der Berufung. Nur indem man sie
lebt, kann man sie als grundlegenden Bestandteil eines Berufungsplanes
erwählen, oder nur wenn man sie auskostet, kann man sich einer Berufung
öffnen, die in jedem Fall eine Berufung zur Geschwisterlichkeit bedeutet.(79)
Dagegen kann einer, der keinerlei Brüderlichkeit übt und sich jedem
Bezug zum anderen versperrt oder der die Berufung lediglich als Mittel zur
persönlichen und privaten Vollkommenheit versteht, mit seiner Berufung in
keiner Weise anziehend für andere sein.
Die Berufung ist eine Beziehung; sie ist
eine Offenbarung des Menschen, den Gott als beziehungsoffen geschaffen hat, und
auch im Falle einer Berufung zur Intimität mit Gott in monastischer
Klausur beinhaltet sie eine Fähigkeit zur Öffnung und zur
Anteilnahme, die nur durch die Erfahrung einer wirklichen Geschwisterlichkeit
gewonnen werden kann. »Die Überwindung einer individualistischen Sicht des
Amtes, der Weihe und des Lebens in den einzelnen christlichen Gemeinschaften
ist ein historisch entscheidender Schritt«.(80)
Die Berufung ist Dialog; sie ist das Wissen,
von einem Anderen gerufen zu sein; sie ist der Mut, ihm zu antworten. Wie kann
diese Fähigkeit zum Dialog in jemand heranreifen, der im Alltag und in den
täglichen Beziehungen nicht gelernt hat, sich an-rufen zu lassen, zu
antworten, sich selbst im andern zu erkennen? Wie soll sich jemand vom Vater
rufen lassen, der sich nicht um eine Antwort an den Bruder kümmert?
Der Austausch mit dem Nächsten und mit
der Gemeinschaft der Gläubigen wird so zum Weg, auf dem man lernt, anderen
an den eigenen Plänen teilhaben zu lassen, um dann den von Gott erdachten
Plan zu übernehmen. Dieser wird in jedem Fall ein Plan der Geschwisterlichkeit
sein.
Eine Form des Austauschs des Wortes Gottes
wurde auch von einigen europäischen Kirchen erwähnt. Sie beinhaltet Zentren
des Hörens, Gruppen von Gläubigen, die sich regelmäbig in
ihren Häusern treffen, um die christliche Botschaft neu zu entdecken und
unter sich die jeweiligen Erfahrungen und die Frucht ihrer Deutung des
Gotteswortes austauschen.
Für die Jugendlichen erhalten diese
Zentren eine Beziehung zur Berufung: im Hinhören auf das rufende Wort, in
der Katechese und im Gebet, was alles mit tiefer persönlicher
Betroffenheit, frei und kreativ erlebt wird. Das ?Zentrum des Hörens' wird
so ein Anreiz zur Mitverantwortung in der Kirche, denn hier können die
verschiedenen Möglichkeiten gefunden werden, wie der Gemeinschaft gedient
werden kann, und oft können hier auch besondere Berufungen heranreifen.
Eine andere positive Erfahrung des
Berufungsweges in den Teilkirchen und in den verschiedenen Instituten des
geweihten Lebens ist die Gastgemeinschaft, die die Einladung Jesu
verwirklicht: »Kommt, und seht«. Vom Papst wurde sie die »Goldene Regel der
Berufungspastoral«(81) genannt. In diesen Gemeinschaften oder
Orientierungszentren für Berufe können die Jugendlichen dank einer
sehr spezifischen und unmittelbaren Erfahrung einen echten und schrittweisen
Weg zur Berufsentscheidung zurücklegen. Dabei werden sie begleitet, damit
sie zur rechten Zeit in der Lage seien, nicht nur den Plan Gottes mit ihnen zu
erkennen, sondern diesen auch anzunehmen und sich selbst in ihm zu erkennen.
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