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Von den pastoralen Wegen zur
persönlichen Berufung
28. Wir könnten zusammenfassend sagen,
dab sich das Leben jedes Christen in den vier Dimensionen der Liturgie, der
kirchlichen Gemeinschaft, des Dienstes der Liebe und des Zeugnisses für
das Evangelium verdichtet. Dies ist seine Würde und seine Grundberufung,
es ist aber auch die Voraussetzung dafür, dab ein jeder seine
persönliche Identität finden kann.
Jede Gläubige mub also den gemeinsamen
Vollzug der Liturgie, der geschwisterlichen Verbundenheit, des Dienstes der
Liebe und der Verkündigung des Evangeliums leben, denn nur durch eine
solche umfassende Erfahrung kann er seine besondere Weise erkennen, wie
diese Dimensionen des Christseins zu leben sind. Folglich sind diese
kirchlichen Wege zu bevorzugen; sie sind gewissermaben die 'Hohe Schule' der
Berufungspastoral, dank welcher sich das Geheimnis der einzelnen Berufung
zeigen kann.
Dies sind auberdem klassische Wege, die zum
Leben jeder Gemeinschaft gehören, die sich christlich nennen möchte.
Sie zeigen gleichzeitig auch deren Festigkeit und Schwäche. Eben darum
stellen sie nicht nur einen vorgeschriebenen Weg dar, sondern bieten
Gewähr für die Echtheit der Suche und der Klärung.
Diese vier Dimensionen und Vollzüge
bewirken einerseits eine ganzheitliche Einbeziehung des Subjekts, andererseits
führen sie es zum Beginn einer sehr persönlichen Erfahrung, zu einer
drängenden Konfrontation, zu einem unüberhörbaren Appell, zur
Dringlichkeit einer Entscheidung, die man nicht ewig vertagen kann. Darum mub
die Berufspastoral durch eine tiefe und ganzheitliche ekklesiale Erfahrung
ausdrücklich zu einer Bestandsaufnahme verhelfen, die jeden Gläubigen
»zur Entdeckung und Übernahme seiner eigenen Verantwortlichkeit innerhalb
der Kirche«(85) hinführt. Berufe, die nicht von dieser Erfahrung
und von dieser Einbindung in das gemeinschaftliche kirchliche Tun ausgehen, laufen
Gefahr, an den Wurzeln zu kranken und von zweifelhafter Echtheit zu sein.
Für eine Erfahrung, die nur dann
entscheidend sein kann, wenn sie umfassend ist, werden alle diese Dimensionen
selbstverständlich gegeben und harmonisch aufeinander zugeordnet sein.
Tatsächlich gibt es oft Jugendliche,
die spontan den einen oder anderen dieser Vollzüge vorziehen (einzig dem
Freiwilligendienst verpflichtet; oder zu sehr von der liturgischen Dimension
angezogen; grobe Theoretiker oder Idealisten). Es wird also notwendig sein, dab
der Erzieher zu einer Verpflichtung herausfordere, die nicht auf den Geschmack
des Jugendlichen zugeschnitten ist, sondern auf die objektive
Glaubenserfahrung, die ihrem Wesen nach nicht auf Bestellung zu erhalten
ist. Nur die Respektierung dieses objektiven Mabes kann das eigene subjektive
Mab erkennen lassen.
In diesem Sinne geht die Objektivität
der Subjektivität voraus, und der Jugendliche mub lernen, ihr den Vorrang
zu lassen, wenn er tatsächlich sich selbst erkennen will und das, was zu
sein er berufen ist. Oder anders: er mub zuerst das umsetzen, was von allen
verlangt ist, wenn er wirklich er selbst sein will.
Nicht nur dies, sondern alles, was aufgrund
einer Norm und einer Tradition objektiv geregelt und auf ein bestimmtes Ziel,
das die Subjektivität übersteigt, ausgerichtet ist, übt eine
beachtliche Anziehungskraft aus und weckt den Beruf. Freilich mub die objektive
Erfahrung auch subjektiv werden oder vom einzelnen als die seinige anerkannt
werden. Auszugehen ist jedoch immer von einer Quelle oder einer Wahrheit, die
nicht vom Subjekt bestimmt wird und die sich der reichen Tradition des
christlichen Glaubens bedient. Letztendlich »folgt die Berufspastoral den
einzelnen, grundlegenden Schritten eines Glaubensweges«.(86) Auch dies
spricht für ein gestuftes Vorgehen und dann für die Konvergenz der
Berufungspastoral.
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