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d) Das kleinste aller Samenkörner
Es ist sicher nicht einfach, heutzutage
»Sämann« von Berufen zu sein, und zwar aus Gründen, die wir kennen:
es gibt keine eigentliche Kultur der Berufungen; das herrschende
anthropologische Bild scheint jenes des »Menschen ohne Berufung« zu sein; das
soziale Umfeld ist ethisch neutral, und es fehlen ihm zukunftsweisende
Handlungsmodelle. Alle diese Elemente scheinen dazu beizutragen, die Einladung zu
einer Berufung zu schwächen, und sie lassen uns womöglich die Worte
Jesu vom Reich Gottes (vgl. Mt 13,31 ff) auf sie anwenden: der Same der
Berufung ist wie ein kleines Senfkorn, das, wenn es gesät, d.h.
vorgeschlagen oder als gegeben aufgezeigt wird, das kleinste unter den
Samenkörnern ist. Auch Berufung findet anfangs häufig keine sofortige
Annahme, ja wird abgelehnt und geleugnet, ist wie erstickt von anderen
Erwartungen und Plänen, wird nicht ernst genommen; oder wird mit Argwohn
und Mibtrauen angesehen, als ob sie ein Same des Unglücks wäre.
Folglich weigert sich der Jugendliche,
erklärt sich uninteressiert und hat seine Zukunft bereits belastet (oder
andere taten es für ihn); oder es könnte ihm womöglich gefallen
und ihn interessieren, aber er ist sich nicht so sicher, und zudem ist es zu
schwer und macht ihm Angst...
In dieser ängstlichen und ablehnenden
Reaktion ist nichts Befremdendes oder Absurdes; im Grunde hat es der Herr schon
so gesagt. Der Same der Berufung ist der kleinste von allen, er ist schwach und
unaufdringlich, eben weil er Ausdruck der Freiheit Gottes ist, der die Freiheit
des Menschen mit letzter Konsequenz achten will. Dann bedarf es auch der
Freiheit dessen, der den Menschen auf diesem Weg führt: einer Freiheit des
Herzens, die es auch ermöglicht, angesichts der anfänglichen
Verweigerung und Interesselosigkeit sich nicht zurückzuziehen.
Jesus sagt uns in der Kürze des
Gleichnisses vom Senfkorn: »Sobald es aber hochgewachsen ist, ist es
gröber als die anderen Gewächse« (Mt 13,32); es ist also ein
Samen, der seine eigene Kraft in sich trägt, auch wenn diese nicht sofort
erkennbar und überwältigend ist, ja er bedarf sogar grober Pflege, um
reifen zu können. Es gibt so etwas wie ein Grundgeheimnis, das zur
Weisheit der Bauern gehört: um überhaupt etwas zur rechten Zeit
ernten zu können, mub man auf alles achten, wirklich auf alles, von der
Aussaat bis zur Ernte; man mub seine Aufmerksamkeit auf alles richten, von dem,
was das Wachstum fördert, bis zu dem, was es verhindert. Auch gegen Wind
und Wetter der Jahreszeiten mub man es schützen. Mit der Berufung
geschieht es ähnlich. Die Aussaat ist nur der erste Schritt, dem jedoch
mit Aufmerksamkeit weitere folgen müssen, damit die beiden Freiheiten in
das Geheimnis eines Berufungsdialogs einmünden.
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