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b) Die Brunnen lebendigen Wassers
»Jesus war müde von der Reise und
setzte sich an den Brunnen« (Joh 4,6);
es ist der Anfang dessen, was wir als ein nichtöffentliches
Berufungsgespräch bezeichnen könnten: die Begegnung Jesu mit der
Samariterin. Die Frau macht während dieser Begegnung tatsächlich
einen Weg zur Erkenntnis ihrer selbst und des Messias und wird gewissermaben
sogar dessen Verkünderin.
Auch in diesem Text zeigt sich die absolute
Freiheit Jesu, überall und in allen seine Boten zu suchen.
Einzigartig ist die Aufmerksamkeit dessen, der der Weg des Menschen zum Vater
ist, wenn es darum geht, dem Geschöpf auf dessen Wegen zu begegnen oder
dort auf es zu warten, wo dessen Erwartung am offenkundigsten und
stärksten ist. Dies kann man im symbolischen Bild des »Brunnens« sehen. In
der alten jüdischen Gesellschaft waren die Brunnen Lebensquellen,
Grundvoraussetzung für das Überleben eines Volkes, das immer gegen
Wassermangel anzukämpfen hatte; und gerade um dieses Symbol des Wassers des
Lebens und für das Leben baut Jesus mit feinfühliger
Pädagogik sein Gespräch mit der Frau auf. Einen Jugendlichen
begleiten bedeutet, »die Brunnen« von heute orten zu können, alle jene
Orte und Momente, Herausforderungen und Erwartungen, an denen früher oder
später alle Jugendlichen mit ihren leeren Krügen vorbeikommen
müssen, mit ihren unausgesprochenen Fragen, mit ihrer behaupteten und oft
nur zur Schau gestellten Selbstgenügsamkeit, mit ihrem tiefen und
unauslöschbaren Verlangen nach Echtheit und nach Zukunft.
Die Berufspastoral kann nicht in
»Wartestellung« verharren, sondern mub Aktivität dessen sein, der sucht
und sich nicht geschlagen gibt, bis er gefunden hat, und der sich selbst finden
läbt am rechten Ort oder am rechten Brunnen, dort, wo der Jugendliche
Leben und Zukunft für sich erwartet.
Der Berufsbegleiter mub unter diesem
Gesichtspunkt »intelligent« sein, einer, der nicht notwendigerweise seine
Fragen aufdrängt, sondern von jenen des Jugendlichen selbst ausgeht, und
zwar von jeder Art von Frage; und er mub einer sein, der fähig ist, wenn
nötig »die Berufsfrage zu wecken und zu entdecken, die im Herzen jedes
Jugendlichen wohnt, aber darauf wartet, von echten Berufsbildnern geborgen zu
werden«.(99)
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