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d) Erziehen zur An-Rufung (in-vocare)
Wenn die Deutung des Lebens ein geistliches
Tun ist, dann führt dies die Person zwangsläufig nicht nur zur
Erkenntnis ihres Hungers nach Offenbarung, sondern zu dessen Feier im Gebet der
An-Rufung. Erziehen heibt: die Wahrheit über das Ich heraus-rufen.
Dieses Herausrufen hat seinen Ursprung im Raum des anrufenden Betens, in einem
Gebet, das eher Vertrauen besagt als Bitte, eines Gebets, das Staunen und
Dankbarkeit ist, aber auch Kampf und Spannung, schmerzliches »Schürfen«
der eigenen Ambitionen und Erwartungshaltungen, der Fragen, der Suche des
Andern: des Vaters, der im Sohn jedem Suchenden den rechten Weg zeigt.
Dann jedoch wird das Gebet zum Ort der
Erkenntnis der Berufung, der Erziehung zum Hören auf den rufenden
Gott, denn eine jede Berufung hat ihren Ursprung in den Räumen des
anrufenden, geduldigen und vertrauensvollen Gebets; dies wird nicht von der
Erwartung einer raschen Antwort getragen, sondern von der Gewibheit oder der
Hoffnung, dab die Bitte nicht unerhört bleiben kann und dab sie zur rechten
Zeit dem Bittenden seine Berufung zeigen wird.
In der Emmausgeschichte enthüllt sich
dies alles in einem wesentlichen Wort, vielleicht dem schönsten Gebet, das
je von einem Menschenherzen gesprochen wurde: »Bleib doch bei uns, denn es wird
bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt« (Lk 24,29). Es ist die Bitte
dessen, der weib, dab ohne den Herrn sofort die Nacht des Lebens hereinbricht,
dab ohne sein Wort die Dunkelheit des Unverständnisses oder der Verwirrung
des Ichs herrscht; das Leben erscheint sinnlos und ohne Berufung. Es ist die
Anrufung dessen, der womöglich seinen Weg noch nicht gefunden hat, der
aber spürt, dab er in Seiner Nähe sich selbst findet, da nur Er
»Worte des ewigen Lebens« hat (Joh 6,67-68).
Diese Art von anrufendem Gebet lernt man
nicht spontan, sondern es verlangt eine lange Schulung; und man lernt es nicht
von sich, sondern mit der Hilfe dessen, der gelernt hat, in das Schweigen
Gottes hineinzuhorchen. Auch kann nicht jeder solches Beten lehren, sondern
nur, wer seiner Berufung treu ist.
Wenn aber — heute wie gestern oder noch mehr
als gestern — das Gebet der natürliche Weg der Suche nach der Berufung
ist, dann brauchen wir Erzieher zur Berufung, die selber beten, die beten
lehren und die zur An-rufung erziehen.
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