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c) »Mensch ohne Berufung«
Dieses Spiel von Kontrasten wiederholt sich
unweigerlich auch auf der Ebene der Zukunftsplanung, die von den Jugendlichen
in einer folgerichtigen Perspektive als auf die eigenen Ansichten
beschränkt betrachtet und auf die rein persönlichen Interessen
(Selbstverwirklichung) ausgerichtet wird.
Es ist dies eine Logik, die die Zukunft auf
Berufswahl, auf wirtschaftliches Zurechtkommen oder auf affektiv-emotionale
Befriedigung reduziert, und dies innerhalb von Horizonten, die in Wirklichkeit
das Verlangen nach Freiheit und die Möglichkeiten des Menschen auf
begrenzte Vorhaben beschränken, verbunden mit der Illusion, frei zu sein.
Es sind dies Entscheidungen ohne jede
Öffnung zum Geheimnis und zum Transzendenten und womöglich auch mit
nur geringem Verantwortungsbewußtsein dem eigenen wie dem fremden Leben
gegenüber, dem Leben, das als Geschenk gegeben wurde und an andere
weiterzugeben ist. Es handelt sich mit anderen Worten um ein Empfinden und
Denken, das womöglich eine gewisse berufungsfeindliche Kultur
kennzeichnet. Das will sagen, daß in diesem kulturell so vielschichtigen
und orientierungslosen Europa, das einem Pantheon gleicht, der »Mensch
ohne Berufung« das herrschende anthropologische Modell zu sein scheint.
Hier eine mögliche Beschreibung: »Eine pluralistische und komplexe Kultur
neigt dazu, in den Jugendlichen eine unfertige und schwache Identität zu
erzeugen, was zu einer chronischen Unentschlossenheit in der Berufswahl
führt. Viele Jugendliche verfügen nicht einmal über die
»elementare Grammatik« der Existenz, sie sind Nomaden: unaufhaltsam ziehen sie
durch die Welt, durch die Gefühlswelt, durch Kulturen, durch Religionen,
sie »probieren«! Inmitten der Überfülle unterschiedlichster
Informationen und nur unzureichend ausgebildet, erscheinen sie wie verloren,
mit nur wenigen Empfehlungen und mit nur wenigen Menschen, die für sie
einstehen. Darum haben sie Angst vor der Zukunft, schrecken vor
endgültigen Verpflichtungen zurück und hinterfragen ihr Sein. Wie sie
einerseits Autonomie und Unabhängigkeit um jeden Preis wollen, so neigen
sie andererseits, gleichsam als Zuflucht, zu starker Abhängigkeit vom
gesellschaftlich-kulturellen Umfeld und suchen die unmittelbare Befriedigung
der Sinne: durch das, »was mir paßt« und »was mir liegt« in einer
maßgeschneiderten Welt der Gefühle«.(9)
Es macht unendlich traurig, Jugendlichen zu
begegnen, in denen, obgleich sie intelligent und begabt sind, die Freude am
Leben, an etwas zu glauben, nach hohen Zielen zu streben, auf eine auch durch
den eigenen Beitrag besserungsfähige Welt zu hoffen, erloschen ist. Es
sind Jugendliche, die sich im Spiel oder im Drama des Lebens überflüssig
fühlen, die abgedankt haben, in Sackgassen verirrt, reduziert auf ein
Minimum von Lebensspannung; ohne Berufung, aber auch ohne Zukunft, oder mit
einer Zukunft, die im besten Falle eine Kopie der Gegenwart ist.
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