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d) Die Berufung Europas
Und dennoch zeigt dieses Europa der vielen
Seelen und der so schwachen Kultur (die sich trotzdem oft mit Übermacht
behauptet), dab es über ungeahnte Kräfte verfügt und daß
es wie noch nie lebt und gerufen ist, auf globaler Ebene eine wichtige Rolle zu
spielen.
Obwohl der alte Kontinent noch die Wunden
vergangener Konflikte und auch gewaltsamer, innerer Gegensätze an sich
trägt, so hat er doch stärker als je zuvor den Ruf zur Einheit
vernommen: Eine Einheit, die erst noch gebaut werden will, obwohl gewisse
Mauern gefallen sind, und die sich auf das ganze Europa erstrecken mub und auf
alle, die von ihm Gastfreundschaft und Aufnahme erbitten. Eine Einheit, die
nicht nur politisch oder wirtschaftlich sein darf, sondern vor allem auch
geistlich und moralisch sein mub. Eine Einheit, die alten Groll und
überkommenes Mibtrauen überwinden muß und die gerade in ihren
zutiefst christlichen Wurzeln ein Motiv für Übereinstimmung und eine
Garantie für gegenseitiges Verständnis finden könnte. Eine
Einheit besonders, die von der heutigen Generation junger Menschen sicher und
umfassend, von Nord bis Süd, von Ost bis West, verwirklicht werden
muß, indem sie gegen jede entgegengesetzte Versuchung zu Isolationismus
und Beschränkung auf eigene Interessen verteidigt und der ganzen Welt als
ein Vorbild friedlichen Zusammenlebens in bunter Vielfalt gezeigt wird.
Werden diese Jugendlichen fähig sein,
eine solche Verantwortung zu übernehmen?
Wenn es zutrifft, dab der heutige
Jugendliche leicht die Orientierung verliert und keinen festen Bezugspunkt
findet, dann könnte das »neue Europa«, das im Werden ist, vielleicht ein
Ziel werden und für die Jugendlichen ein angemessener Anreiz sein. Diese
Jugendlichen »sehnen sich nach Freiheit und suchen Wahrheit, Spiritualität,
Echtheit, persönliche Originalität und Transparenz; es verbindet sie
ein Verlangen nach Freundschaft und Gegenseitigkeit«; sie suchen
»Kameradschaft« und wollen »eine neue Gesellschaft bauen, die auf Werten
gründet wie: Friede, Gerechtigkeit, Achtung der Umwelt, Beachtung der
Unterschiede, Solidarität, Freiwilligkeit undAnerkennung der gleichen
Würde der Frau«.(10)
Kurz gefaßt beschreiben die
jüngsten Untersuchungen die europäischen Jugendlichen als
desorientiert, aber nicht hoffnungslos; von ethischem Relativismus angesteckt,
jedoch auch mit dem Willen, ein »gutes Leben« zu führen; ihres
Bedürfnisses nach Heil bewußt, wenngleich sie nicht wissen, wo sie
es suchen sollen.
Ihr größtes Problem ist wohl die
ethisch neutrale Gesellschaft, in der sie nun einmal leben müssen; doch
sind in ihnen die Kräfte noch nicht ganz erloschen. Dies besonders in
einer Zeit des Übergangs zu neuen Ufern, wie es die unsrige ist. Zeugen
dafür sind die vielen Jugendlichen, die ehrlich nach Spiritualität
suchen und sich mutig im sozialen Bereich einsetzen, weil sie auf sich selbst
und auf die anderen vertrauen und Hoffnung und Optimismus ausstrahlen.
Wir glauben, daß diese Jugendlichen
trotz der Widersprüche und trotz der »Last« eines bestimmten kulturellen
Umfeldes dieses neue Europa aufbauen können. In der Berufung ihres
Mutterkontinents zeichnet sich auch ihre persönliche Berufung ab.
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