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b) Kultur der Berufung
Diese Elemente dringen allmählich ins
Bewußtsein der Gläubigen ein, jedoch noch nicht in dem Maße,
daß sie eine echte und eigenständige Kultur der Berufung(17)
schaffen würden, der es gelänge, die Grenzen der gläubigen
Gemeinde zu überspringen. Deshalb hat der Hl. Vater in seiner Ansprache
an die Teilnehmer den Wunsch ausgesprochen, eine beharrliche und geduldige
Sensibilität der christlichen Gemeinschaft für das Geheimnis der
göttlichen Berufung möge »in den Jugendlichen und den Familien
eine neue Kultur der Berufung« hervorbringen.(18)
Sie ist ein Bestandteil der neuen
Evangelisierung. Sie ist Kultur des Lebens, Kultur der Öffnung auf Leben
und Lebenssinn, aber auch Kultur des Sterbens.
Besonders bezieht sie sich auf Werte, die
möglicherweise von einer neuen Mentalität (nach Meinung einiger die
»Kultur des Todes«) etwas vergessen worden sind, wie Dankbarkeit, Annahme des
Geheimnisses, Sinn für die Unvollkommenheit des Menschen und gleichzeitig
für dessen Öffnung auf die Transzendenz hin, die Verfügungsbereitschaft,
sich von einem anderen (oder von dem Anderen) rufen und sich vom Leben
herausfordern zu lassen, das Vertrauen auf sich und die andern, die Freiheit
zum Ergriffensein über die empfangene Gabe, die Zuwendung, das
Verständnis, die Vergebung. So wird entdeckt, daß das, was man
empfangen hat, immer unverdient ist und das eigene Maß übersteigt,
und daß es eine Verantwortung für das Leben begründet.
Zu dieser Kultur der Berufung gehört
auch die Fähigkeit, Grobes zu träumen und zu verlangen, jenes Staunen,
das eine Hochschätzung der Schönheit und deren Wahl aufgrund ihres
inneren Wertes möglich macht, da sie das Leben schön und wahr macht;
jene Selbstlosigkeit, die nicht nur Solidarität in einer Notlage ist,
sondern die aus dem Erkennen der Würde jedes Bruders und jeder Schwester
entspringt.
Der Kultur der Zerstreuung, die im Wirrwarr
der Worte die ernsthaften Fragen aus dem Blick zu verlieren droht und fallen
läßt, ist eine Kultur entgegenzustellen, die Mut und Geschmack
für die groben Fragen zu wecken versteht, für jene Fragen, die die
eigene Zukunft betreffen: es handelt sich tatsächlich um jene
großen Fragen, die auch kleinen Antworten Größe verleihen.
Aber schlieblich sind es die kleinen und alltäglichen Antworten, die zu
großen Entscheidungen führen, wie jener des Glaubens; oder die
Kultur schaffen, wie jene der Berufung.
Auf jeden Fall muß die Kultur der
Berufung, insofern sie einen Komplex von Werten darstellt, immer mehr vom
kirchlichen Bewubtsein in das zivile Bewußútsein übergehen,
vom Bewußtsein des einzelnen oder der glaubenden Gemeinschaft in die
allgemeine Überzeugung, dab auf der Grundlage des Modells eines ?Menschen
ohne Berufung' für das Europa des Dritten Jahrtausends keinerlei Zukunft
gebaut werden kann. Der Papst sagt weiter: »Das Unbehagen, das durch die Welt
der Jugend geht, offenbart auch in den neuen Generationen bedrängende
Fragen über den Sinn des Seins, als eine Bestätigung dessen, dab
nichts und niemand im Menschen die Sinnfrage und das Verlangen nach
Wahrheit ersticken kann. Für viele ist dies der Boden, auf dem sich die
Frage der Berufung stellt«.(19)
Gerade diese Frage und diese Suche lassen
eine echte Kultur der Berufung entstehen; und wenn Frage und Suche im Herzen
jedes Menschen vorhanden sind, auch im Herzen dessen, der sie verdrängt,
dann könnte diese Kultur eine Art gemeinsamer Boden werden, wo das
gläubige Gewissen dem laikalen Gewissen begegnet und sich an ihm
mißt. Ihm wird es in Großmut und Klarheit jene Weisheit vermitteln,
die es selbst von oben empfangen hat.
Diese neue Kultur wird so zu einem echten
Nährboden für die neue Evangelisierung, wo ein neues Menschenbild
entstehen könnte und wo auch neue Heiligkeit und neue Berufe für das
Europa des Dritten Jahrtausends erblühen könnten. Der Mangel an
besonderen Berufungen beruht vor allem auf dem Fehlen eines Bewußtseins
vom Berufungscharakter des Lebens; mit anderen Worten: auf dem Fehlen einer
Kultur der Berufung.
Diese Kultur wird heute womöglich das
erste Ziel der Berufungspastoral(20) werden, oder vielleicht der Pastoral
ganz allgemein. Was für eine Pastoral ist in der Tat jene, die nicht die
Freiheit pflegt, sich von Gott berufen zu fühlen, und die kein neues Leben
entstehen läßt?
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