WARUM STÄNDIGE
WEITERBILDUNG?
67. Motiviert wird die ständige
Weiterbildung zuerst von dem Ruf Gottes, der immerzu und unter jeweils neuen
Umständen jeden einzelnen der Seinen beruft. Das Charisma des Ordenslebens
in einem bestimmten Institut ist eine lebendige Gnade, die unter oft ganz neuen
Daseinsbedingungen empfangen und gelebt werden will. »Das Charisma der Stifter
(ET 11) scheint eine gewisse Erfahrung des Geistes zu sein, die den eigenen
Schülern überliefert wurde, damit sie danach leben, sie hüten,
vertiefen und ständig weiterentwickeln in der gleichen Weise, wie auch der
Leib Christi ständig wächst... Die besondere charismatische Note
jedes einzelnen Ordensinstituts verlangt vom Stifter wie von seinen
Schülern den ständigen Nachweis der Treue zum Herrn, der
Fügsamkeit gegenüber seinem Geist, der klugen Beachtung der
Umstände und der Zeichen der Zeit, des Willens zum Gehorsam gegen die
Kirche, des Bewußtseins der Unterordnung unter die Hierarchie, des Mutes
zu Initiativen, der Beständigkeit der Hingabe und der Demut im Ertragen von
Widerständen... In unserer Zeit wird von den Ordensleuten in besonderer
Weise eben jene charismatische, lebhafte und erfindungsreiche Originalität
erwartet, durch die sich die Stifter auszeichneten...«.(154) Die
ständige Weiterbildung verlangt, daß man auf die Zeichen des Geistes
in unserer Zeit besonderes Augenmerk legt und dafür empfänglich wird,
um eine angemessene Antwort auf sie geben zu können.
Die ständige Weiterbildung ist zudem
eine soziologische Größe, die in unseren Tagen sämtliche
Berufszweige berührt. Sie ist die häufigste Ursache für das
Verbleiben in einem Beruf bzw. für das notgedrungene Umsteigen von einem
Beruf in einen anderen.
Während die Anfangsausbildung darauf
hingeordnet war, daß sich der Mensch eine hinreichende
Selbständigkeit aneignet, um seinen Ordensverpflichtungen getreu zu leben,
hilft die ständige Weiterbildung dem Ordensmann und der Ordensfrau, ihre
Kreativität in diese Treue einzubringen. Denn die christliche und
Ordensberufung verlangt ein dynamisches Wachstum und eine Treue in den
konkreten Gegebenheiten des Daseins. Das erfordert eine innerlich einigende
geistliche Ausbildung, die aber flexibel ist und wach für die
täglichen Begebenheiten des persönlichen Lebens und des Lebens der
Welt.
»Christus nachfolgen« heißt, sich
immer auf den Weg begeben sich vor Erstarrung und Versteifung hüten, um
ein lebendiges und wahres Zeugnis vom Reich Gottes in dieser Welt geben zu
können. Man könnte drei wesentliche Gründe für die
ständige Weiterbildung u.a. so formulieren:
- der erste ergibt sich aus der Stellung des
Ordenslebens innerhalb der Kirche. Es spielt dort eine hochbedeutsame
charismatische und eschatologische Rolle, die bei den Ordensfrauen und
Ordensmännern eine besondere Aufmerksamkeit für das Leben des Geistes
sowohl in der persönlichen Geschichte jedes einzelnen wie in der Hoffnung
und Angst der Volker voraussetzt;
- der zweite Grund liegt in den
Herausforderungen, die von der Zukunft des christlichen Glaubens in einer sich
mit atemberaubender Geschwindigkeit verändernden Welt herrühren;(155)
- der dritte betrifft das Leben der
Ordensinstitute selbst und vor allem ihre Zukunft, die zu einem TeiI von der
ständigen Weiterbildung ihrer Mitglieder abhängt.
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