DIE ENTSCHEIDENDEN
ABSCHNITTE DER STÄNDIGEN WEITERBILDUNG
70. Diese Abschnitte müssen sehr
flexibel verstanden werden. Es empfiehlt sich, sie konkret mit jenen zu
verbinden, wie sie die unvorhersehbare Initiative des Heiligen Geistes
auszulösen vermag. Für bedeutsame Perioden halten wir im besonderen:
- den Übergang von der
Anfangsausbildung zur ersten Erfahrung eines selbständigeren Lebens, wo
der Ordensangehörige dazu finden muß, auf neue Art und Weise Gott
treu zu sein;
- ungefähr zehn Jahre nach der ewigen
Profeß, wo sich die Gefahr eines »Gewohnheits« lebens und das Nachlassen
jeder Begeisterung einstellt. Jetzt scheint ein längerer Zeitraum geboten
zu sein, wo man dem gewohnten Leben gegenüber etwas Abstand nimmt, um es
im Lichte des Evangeliums und des Denkens des Ordensstifters »neu zu
uberdenken«. Diese Zeit der Vertiefung bieten manche Institute ihren
Mitgliedern im Terziat an, das manchmal auch »zweites Noviziat« oder »zweite Probezeit«
genannt wird. Diese Zeit sollte in einer Kommunität des Instituts
verbracht werden;
- die volle Reife bringt nicht selten die
Gefahr mit sich, daß sich vor allem bei starken und erfolgreichen Naturen
ein Individualismus herausbildet;
- im Augenblick schwerer Krisen, die in
jedem Alter unter der Einwirkung äußerer Faktoren (Wechsel der
Stelle oder der Arbeit, Mißerfolg, Unverständnis, Gefühl, an
den Rand gedrängt zu werden, usw.) oder umittelbar persönlicher
Faktoren (physische oder psychische Krankheit, geistliche Austrocknung, starke
Versuchungen, Glaubenskrise oder Krise des Gefühlslebens oder beides
zusammen usw.) auftreten können. Unter diesen Umstanden muß dem
Ordensangehörigen geholfen werden, im Glauben einen positiven Ausgang aus
der Krise zu finden;
- im Augenblick ihres (altersbedingten)
zunehmenden Rückzugs aus dem aktiven Wirken erfahren Ordensmänner und
Ordensfrauen in ihrem Dasein am tiefsten das, was Paulus im Zusammenhang mit
unserem Auf-dem-Weg-Sein zur Auferstehung beschreibt: »Darum werden wir nicht
müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der
innere wird Tag für Tag erneuert«.(156) SeIbst Petrus muß
sich, nachdem er die unermeßliche Aufgabe, die Herde des Herrn zu weiden,
erhalten hat, sagen lassen: »Als du noch jung warst, hast du dich selbst
gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden
bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich
gürten und dich führen, wohin du nicht willst«.(157) Der Ordensangehörige
kann diese Augenblicke als eine einzigartige Chance erleben, sich von der
österlichen Erfahrung des Herrn so durchdringen zu lassen, daß er im
Zusammenhang mit einer Entscheidung abzutreten den brennenden Wunsch
verspürt zu sterben, um »bei Christus zu sein«: »Christus will ich
erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen
Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von
den Toten zu gelangen«.(158) Das Ordensleben folgt keiner anderen
inneren Bewegung.
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