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Die ständige Weiterbildung
15.
Unsere Zeit verlangt nach einer generellen Überprüfung der Ausbildung der
Personen des geweihten Lebens, die nicht mehr an einen bestimmten
Lebensabschnitt gebunden ist. Nicht nur mit dem Ziel, sie immer fähiger zu
machen und sie in eine Realität einzubringen, die oftmals hektischen
Veränderungen unterworfen ist, sondern zuerst ist es das geweihte Leben selbst,
das von seinem Wesen her eine ständige Bereitschaft in jenen verlangt, die zu
ihm berufen sind. Denn wenn das geweihte Leben in sich selbst tatsächlich »eine
fortschreitende Aneignung der Gesinnung Christ«50 ist, dann
scheint es offenkundig, daß ein solcher Weg die gesamte Lebenszeit fortdauern
muß, um die ganze Person
einzubeziehen, mit Herz und Geist und allen Kräften (vgl. Mt 22, 37), und sie dem Sohn gleich macht, der sich dem Vater für
die Menschheit hingibt. So verstanden ist die Ausbildung nicht mehr nur eine pädagogische Zeit der Vorbereitung auf
die Gelübde, sondern sie ist ein theologisches
Verständnis des geweihten Lebens selbst, das in sich eine nie vollendete
Ausbildung ist und eine »Teilhabe am Wirken des Vaters, der durch den Geist im
Herzen ... die Gesinnung des Sohnes Gestalt werden läßt«.51
Es wird also
wichtig sein, daß jede geweihte Person zur Freiheit erzogen werde, ein Leben
lang zu lernen, in jedem Alter und jedem Lebensabschnitt, in jedem Umfeld und
menschlichen Milieu, von jeder Person und Kultur, um sich auch vom kleinsten
Splitter der Wahrheit und Schönheit bilden zu lassen, den sie in ihrem Umfeld
antrifft. Doch vor allem muß sie lernen, sich vom Alltag formen zu lassen, von
der eigenen Gemeinschaft und ihren Mitbrüdern und Mitschwestern, von den
gewöhnlichen Dingen, den ordentlichen wie den außerordentlichen, vom Gebet wie
von der apostolischen Mühe, in Freud und Leid, bis zum Augenblick des Todes.
Entscheidend
werden dann die Öffnung auf den andern
hin und die Selbstlosigkeit, und besonders die Beziehung zur Zeit. Die Personen, die sich in ständiger
Weiterbildung befinden, gewinnen die Zeit wieder zurück; sie wird ihnen nicht
auferlegt, sie nehmen sie an als ein Geschenk und lassen sich klug auf die
verschiedenen Rhythmen des Lebens ein (Tag, Woche, Monat, Jahr), wobei sie die
Übereinstimmung zwischen ihnen und dem von Gott unwandelbar und ewig bestimmten
Rhythmus suchen, der die Tage, die
Jahrhunderte und die Zeiten festlegt. Auf ganz besondere Weise lernt die
geweihte Person, sich vom liturgischen
Jahr durchdringen zu lassen, in dessen Schule sie schrittweise die
Geheimnisse des Lebens des Sohnes Gottes in dessen Gesinnung durchlebt, um
täglich von Christus auszugehen und
von seinem Ostern des Todes und der Auferstehung.
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