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Die Weckung von Berufungen
16.
Zu den ersten Früchte eines Wegs der beständigen Weiterbildung gehört die
Fähigkeit, die Berufung täglich als ein neues Geschenk zu leben, das von einem
immer dankbarer werdenden Herzen angenommen wird. Ein Geschenk, das durch ein
verantwortungsvolles Verhalten beantwortet wird, das mit Überzeugung und Ansteckungskraft
bezeugt werden muß, damit auch die anderen sich von Gott gerufen fühlen können,
sei es zu jener besonderen Berufung oder auf andere Wege. Der Geweihte ist von
seiner Natur her auch ein Animator der Berufung; wer selbst gerufen ist, muß
zwangsläufig zu einem Rufenden werden. Es besteht also eine natürliche
Verbindung von ständiger Weiterbildung und Berufungsanimation.
Der Dienst an den
Berufungen ist eine der weiteren, neuen und anspruchsvollen Herausforderungen,
der das geweihte Leben heute zu begegnen hat. Auf der einen Seite machen die
Globalisierung der Kultur und die Komplexität der sozialen Beziehungen radikale
und dauerhafte Lebensentscheidungen schwierig; auf der anderen Seite erlebt die
Welt eine wachsende Erfahrung materieller und moralischer Leiden, die die Würde
des menschlichen Wesens selbst bedrohen und in einem unterdrückten Hilferuf
nach jemand rufen, der mit Entschlossenheit eine Botschaft des Friedens und der
Hoffnung bringt, nach jemandem, der das Heil Christi bringt. In unserem Geist
klingen die Worte Jesu an seine Jünger nach: »Die Ernte ist groß, aber der
Arbeiter sind wenige. Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine
Ernte sende« (Mt 9, 37-38; Lk 10, 2). Die erste Aufgabe der
Berufungspastoral bleibt immer das Gebet. Besonders dort, wo wenige Eintritte
in das Ordensleben zu verzeichnen sind, wird ein erneuerter Glaube an Gott
gefordert, der —wenn er mit Vertrauen angerufen wird— auch aus Steinen Söhne
Abrahams erwecken (vgl. Mt 3, 9) und
einen unfruchtbaren Schoß wieder fruchtbar machen kann. Alle Gläubigen, und
besonders die Jugendlichen, werden in diese Bekundung des Glaubens an Gott
einbezogen, der allein seine Arbeiter rufen und aussenden kann. Die ganze
Ortskirche, Bischöfe, Priester, Laien und geweihte Personen sind gerufen, die
Verantwortung für die Berufungen zu einer besonderen Weihe zu übernehmen.
Der beste Weg der
Förderung von Berufungen zum geweihten Leben ist der, den der Herr selbst
eingeschlagen hat, als er den Aposteln Johannes und Andreas sagte: »Kommt und seht« (Joh 1, 39). Diese Begegnung, die von einer Lebensgemeinschaft
begleitet ist, verlangt von den geweihten Personen, ihre Berufung in ihrer
ganzer Tiefe zu leben, um zu einem sichtbaren Zeichen jener Freude zu werden,
die Gott denen schenkt, die seinen Ruf hören. Daher kommt auch das Bedürfnis
nach gastlichen Gemeinschaften die fähig sind, ihr Lebensideal mit Jugendlichen
zu teilen, die sich nach ihrer Glaubwürdigkeit hinterfragen lassen und die
bereit sind, sich mit ihnen auf den Weg zu begeben.
Bevorzugtes Feld
für diese berufungsorientierte Verkündigung ist die Ortskirche. In ihr bringen
alle Dienste und Charismen ihr gemeinsames Zusammenwirken52
zum Ausdruck und verwirklichen miteinander die Verbundenheit im einen Geist
Christi und die Vielfalt seiner Erscheinungsformen. Die aktive Präsenz der
geweihten Personen wird den christlichen Gemeinden helfen, Laboratorien des Glaubens53 zu werden, Stätten
der Suche, der Besinnung und der Begegnung, der Gemeinschaft und des
apostolischen Dienens, wo alle sich in die Auferbauung des Reiches Gottes unter
den Menschen einbezogen fühlen. So wird das Klima geschaffen, das für die
Kirche als Familie Gottes charakteristisch ist, eine Familienatmosphäre, die
das gegenseitiges Kennenlernen, den Austausch und die Ansteckungskraft jener besonderen Werte erleichtert, die am
Ursprung der Entscheidung stehen, sein ganzes Leben der Sache des Gottesreiches
zu widmen.
17.
Die Sorge um die Berufungen ist eine entscheidende Aufgabe für die Zukunft des
geweihten Lebens. Die Abnahme der Berufungen, besonders in der westlichen Welt,
und deren Anwachsen in Asien und Afrika zeichnet eine neue Landkarte der
Präsenz des geweihten Lebens in der Kirche und führt zu neuen kulturellen
Gleichgewichten in den Instituten. Dieser Lebensstand, der »durch das
Bekenntnis zu den evangelischen Räten den Wesensmerkmalen Jesu eine typische
und beständige Sichtbarkeit in der Welt verleiht«,54 erlebt
heute eine besondere Phase der Neubesinnung und der Suche, mit neuen Formen und
in neuen Kulturen. Dies ist sicherlich ein vielversprechender Anfang für die
Entwicklung noch unerforschter Äußerungsmöglichkeiten seiner vielfältigen
charismatischen Möglichkeiten.
Die gegenwärtigen
Umgestaltungen appellieren direkt an die einzelnen Institute des geweihten
Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, damit diese ihrer
Präsenz in der Kirche und ihrem Dienst an der Menschheit einen starken
evangelischen Akzent verleihen. Die Berufungspastoral verlangt die Entwicklung
neuer und tieferer Fähigkeiten der Begegnung; sie verlangt, durch das Zeugnis
des Lebens charakteristische Wege der Nachfolge Christi und der Heiligkeit
anzubieten; sie verlangt, kraftvoll und eindeutig die Freiheit zu verkünden,
die ein armes Leben schenkt, das als einzigen Schatz das Reich Gottes kennt;
sie verlangt nach der Tiefe der Liebe eines keuschen Lebens, das nur ein
einziges Herz zu kennen sucht, jenes Christi; sie verlangt nach der Kraft der
Heiligung und Erneuerung aus einem gehorsamen Leben, das als einzigen Horizont
die Erfüllung des Willens Gottes für das Heil der Welt kennt.
Heute ist die
Förderung der Berufungen eine Aufgabe, die nicht ausschließlich den
Spezialisten anvertraut werden darf; noch darf sie losgelöst werden von einer
echten und eigenständigen Jugendpastoral, die vor allem die konkrete Liebe
Christi zu den Jugendlichen spürbar werden läßt. Jede Gemeinschaft und alle
Mitglieder eines Instituts sind aufgerufen, sich um Kontakte zu Jugendlichen,
um eine evangelische Pädagogik der Nachfolge Christi und der Weitergabe des
Charismas zu bemühen; die Jugendlichen warten auf jemanden, der echt
evangelische Lebensstile und eine Hinführung zu den großen geistlichen Werten
des menschlichen und christlichen Lebens anbieten kann. Es sind also die
geweihten Personen, welche die pädagogische Kunst der Weckung und Befreiung der
tiefen, im Herzen der Personen — besonders der Jugendlichen — viel zu oft
verborgenen Fragen wieder entdecken müssen. Auf dem Weg dieser
Berufungsentscheidung werden ihnen diese Fragen gestellt, damit sie die Quelle
ihrer Identität sichtbar machen. Die eigene Lebenserfahrung mitzuteilen
bedeutet stets, die Erinnerung an sie zu erneuern und erneut jenes Licht zu
betrachten, das die eigene Berufungsentscheidung erhellt hat.
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