Dritter
Teil
DAS GEISTLICHE
LEBEN AN ERSTER STELLE
20.
Das geweihte Leben ist, wie jede christliche Lebensform, von seiner Natur her
dynamisch, und wer vom Geist gerufen ist, es für sich zu übernehmen, bedarf
einer ständigen Erneuerung in seinem Wachsen zur vollkommenen Gestalt des
Leibes Christi (vgl. Eph 4, 13). Es
ist aus dem schöpferischen Impuls des Geistes hervorgegangen, der die Gründer
und Gründerinnen auf den Weg des Evangeliums gewiesen und eine wunderbare
Vielfalt von Charismen hervorgerufen hat. Sie waren es, die sich in wacher
Verfügbarkeit führen ließen und Christus aus größerer Nähe gefolgt sind; sie
sind in seine innerste Vertrautheit vorgedrungen und haben seine Sendung in
vollem Maße geteilt.
Ihre Erfahrung
des Geistes will nicht nur von denen bewahrt werden, die ihnen nachgefolgt
sind, sondern will weiter vertieft und entfaltet werden.60
Auch heute fordert der Heilige Geist Verfügbarkeit und Fügsamkeit für sein
stets neues und kreatives Wirken. Er allein vermag die Frische und die
Ursprünglichkeit der Anfänge zu bewahren und kann gleichzeitig Unternehmungsmut
und Erfindungsmut einflößen, um auf die Zeichen der Zeit zu antworten.
Man muß sich also
vom Geist zur immer wieder neuen Entdeckung Gottes und seines Wortes hinführen
lassen, zu einer brennenden Liebe zu ihm und zur Menschheit, zu einem neuen
Verständnis des geschenkten Charismas. Es geht darum, nach einer im tiefsten
Sinn des Wortes verstandenen Spiritualität zu streben, d.h. nach einem Leben aus dem Geist. Das geweihte Leben braucht heute
vor allem einen spirituellen Auftrieb, der dazu hilft, im konkreten Alltag den
evangelischen und geistlichen Sinn der Taufweihe und seiner neuen und besonderen Weihe wirksam werden zu lassen.
»Das geistliche
Leben muß also im Programm der Familien des geweihten Lebens an erster Stelle
stehen, so daß jedes Institut und jede Kommunität sich als Schule einer echten
evangeliumsgemäßen Spiritualität darstellen«.61 Wir müssen
zulassen, daß der Geist die Quellen lebendigen Wassers, die in Christus
entspringen, in Überfülle erschließe. Der Geist ist es, der uns in Jesus von
Nazareth den Herrn erkennen läßt (vgl. 1Kor
12, 3), der in seine Nachfolge ruft und bewirkt, daß wir uns mit ihm
identifizieren: »Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm«
(Röm 8, 9). Er ist es, der uns zu
Söhnen im Sohne macht. Er ist es, der die Vaterschaft Gottes bezeugt, der uns
unserer Sohnschaft bewußt werden und uns rufen läßt »Abba, Vater« (Röm 8, 15). Er ist es, der Liebe
einflößt und Gemeinschaft schafft. Letztlich verlangt das geweihte Leben nach
einem neuen Streben nach einer Heiligkeit, die in der Schlichtheit des
Lebensalltags den Radikalismus der Bergpredigt62 und eine
anspruchsvolle Liebe im Auge hat, die in einer persönlichen Beziehung zum
Herrn, in geschwisterlicher Gemeinschaft und im Dienst an jedem Menschen gelebt
wird. Eine solche innere Erneuerung, die ganz von der Kraft des Geistes
durchdrungen und auf den Vater in der Suche nach dessen Reich ausgerichtet ist,
wird es den geweihten Personen ermöglichen,
neu von Christus auszugehen und Zeugen seiner Liebe zu sein.
Der Ruf, in der
Spiritualität die eigenen Wurzeln und Lebensentscheidungen neu zu finden,
öffnet auf die Zukunft hin. Es geht vor allem darum, die Theologie der Evangelischen Räte, ausgehend vom Vorbild des
trinitarischen Lebens in ganzer Fülle und gemäß den Richtungsweisungen von Vita consecrata63
zu leben, verbunden mit einer neuen Gelegenheit, sich an den Quellen der
eigenen Charismen und den eigenen Konstitutionstexten zu messen, immer bereit
für neue und anspruchsvollere Auslegungen. Die dynamische Bedeutung der
Spiritualität bietet einen Anlaß, in dieser Zeit der Kirche eine stärker
kirchen- und gemeinschaftsbezogene Spiritualität zu vertiefen, die
anspruchsvoller und reifer ist in der gegenseitigen Hilfe zur Erreichung der
Heiligkeit, und viel hochherziger in der Wahl der apostolischen Tätigkeiten.
Letztlich ist es eine offenere Spiritualität, die innerhalb des geweihten
Lebens und in dessen Ausstrahlung zu einer Pädagogik und zu einer Pastoral der Heiligkeitwerden kann, zum
Wohl des ganzen Gottesvolkes. Der Heilige Geist ist die Seele und der Animator
der christlichen Spiritualität, weshalb man sich seinem Wirken anheimgeben muß,
das in den Herzen beginnt, in der Gemeinschaft offenbar wird und sich in der
Sendung ausbreitet.
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