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Von Christus ausgehen
21.
Man muß wieder kraftvoll einen Weg der Umkehr und der Erneuerung einschlagen,
wie es in der Ursprungserfahrung der Apostel vor und nach der Auferstehung
einen Neuaufbruch von Christus aus
gab. Ja, man muß wieder bei Christus beginnen, denn von ihm sind die ersten
Jünger in Galiläa ausgegangen; von ihm sind auf den Wegen der Geschichte die
Männer und Frauen jeder Schicht und Kultur ausgegangen, die — vom Geist durch
die Berufung geweiht — seinetwegen Familie und Heimat verlassen haben, ihm
bedingungslos gefolgt sind und zur Verkündigung des Reiches und zum Einsatz für
das Wohl aller bereit waren (vgl. Apg
10, 28).
Das Bewußtsein
der eigenen Begrenztheit und Schwäche und gleichzeitig der Größe der Berufung
führte oft dazu, mit Petrus zu sagen; »Herr, geh weg von mir, denn ich bin ein
sündiger Mensch« (Lk 5, 8). Und
dennoch war die Gabe Gottes stärker als das menschliche Unvermögen. Christus
selbst ist in den Gemeinschaften jener gegenwärtig, die sich im Laufe der
Jahrhunderte in seinem Namen versammelt haben, er hat sie nach sich und nach
dem Geist geformt, hat sie auf den Vater hin ausgerichtet, sie durch die
Straßen der Welt zu den Brüdern und Schwestern geführt, hat sie zu Werkzeugen
seiner Liebe und zu Baumeistern des Reiches gemacht, zusammen mit allen anderen
Berufungen in der Kirche.
Die geweihten
Personen können und müssen von Christus
ausgehen, denn er selbst ist als erster auf sie zugekommen und begleitet
sie auf ihrem Weg (vgl. Lk 42,
13-22). Ihr Leben ist Verkündigung des Primats der Gnade,64
ohne Christus vermögen sie nichts (vgl.
Joh 15, 5); alles aber können sie in dem, der sie stärkt (vgl. Phil 3, 14).
22.
Neu von Christus ausgehen bedeutet zu
bekennen, daß das geweihte Leben eine besondere Nachfolge Christi ist, »lebendige Erinnerung an die Lebens- und
Handlungsweise Jesu als Fleischgewordenes Wort gegenüber dem Vater und
gegenüber den Brüdern und Schwestern«.65 Dies bedingt eine
besondere Liebesgemeinschaft mit dem, der die Mitte des Lebens und die ständige
Quelle jeder Initiative ist. Es ist — wie das Apostolische Schreiben Vita consecrata sagt — Erfahrung
von Austausch, »besondere Gnade innerer Verbundenheit«,66»Identifizierung
mit Ihm, bis zur Annahme seiner Gesinnung und seiner Lebensweise«;67
es ist ein »von Christus ergriffenes Leben«,68 ist »ein von
der Hand Christi berührtes Leben, von seiner Stimme erreicht und von seiner
Gnade unterstützt«.69
Das ganze Leben
der Weihe kann nur von diesem Ansatz her verstanden werden: die evangelischen Räte machen Sinn, sofern
sie dabei helfen, die Liebe zum Herrn in voller Fügsamkeit in seinen Willen zu
bewahren und zu festigen; das brüderliche
Leben begründet sich von jenem her, der um sich versammelt, und es ist auf
die Freude seiner ständigen Gegenwart hin ausgerichtet; die Sendung ist sein
Auftrag und bewegt dazu, sein Antlitz im Antlitz jener zu suchen, zu denen man
gesandt ist, um mit ihnen die Erfahrung Christi zu tauschen.
Dies waren die
Ziele der Gründer der verschiedenen Gemeinschaften und Institute des geweihten
Lebens. Dies waren die Ideale, die Generationen von geweihten Männern und
Frauen bewegt haben.
Neu von Christus ausgehen heißt also, die erste Liebe wiederfinden,
den zündenden Funken, der zur Nachfolge entfacht hat. Ihm kommt der Primat der
Liebe zu. Die Nachfolge ist nur Antwort der Liebe auf die Liebe Gottes. Wenn
»wir lieben«, dann deshalb, »weil er uns zuerst geliebt hat« ( 1Joh 4, 10.19). Dies heißt seine
persönliche Liebe mit jenem tiefen Bewußtsein erkennen, das den Apostel Paulus
sagen ließ: »Christus hat mich
geliebt und hat sein Leben für mich
gegeben« (Gal 2, 20).
Nur das
Bewußtsein, selbst Objekt einer unendlichen Liebe zu sein, kann helfen, jede
persönliche Schwierigkeit und die Schwierigkeiten des Instituts zu überwinden.
Die geweihten Personen werden nicht kreativ sein können, nicht fähig das
Institut zu erneuern und neue pastorale Wege einzuschlagen, wenn sie sich nicht
von dieser Liebe erfüllt sehen. Diese Liebe ist es, die stark macht und mutig,
die Kühnheit einflößt und alles wagen läßt.
Die Gelübde,
durch welche die Geweihten sich zum Leben der evangelischen Räte verpflichten,
konzentrieren ihre ganze Radikalität auf die Antwort der Liebe. Die
Jungfräulichkeit weitet das Herz auf das Maß des Herzens Christi und befähigt
zu einer Liebe, wie er geliebt hat. Die Armut macht frei von der Sklaverei der
Dinge und der künstlichen Bedürfnisse, zu denen die Konsumgesellschaft verleitet,
und läßt Christus neu entdecken, den einzigen Schatz, für den sich die Mühsal
des Lebens wirklich lohnt. Der Gehorsam legt das Leben völlig in seine Hände,
damit er es gelingen lasse nach dem Plane Gottes und ein Meisterwerk aus ihm
mache. Dazu ist der Mut einer hochherzigen und frohen Nachfolge erforderlich.
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