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Gebet und Kontemplation
25.
Gebet und Kontemplation sind der Ort, an dem das Wort Gottes angenommen wird,
und gehen gleichzeitig aus dem Hören des Wortes hervor. Ohne ein inneres Leben
der Liebe, das das Wort, den Vater, den Geist (vgl. Joh 14, 23) an sich zieht, kann es keine Sicht des Glaubens geben;
folglich verliert das eigene Leben schrittweise an Sinn, das Antlitz der Brüder
wird fahl und es ist unmöglich, das Antlitz Christi zu entdecken; die
Ereignisse der Geschichte bleiben unverstädnlich, wenn nicht gar hoffnungslos,
die apostolische und karitative Sendung verkommt zu Zerstreuung und Aktivismus.
Jede Berufung zum
geweihten Leben ist aus der Kontemplation entstanden, aus Augenblicken intensiv
empfundener Gemeinschaft, aus einer tiefen Freundschaft mit Christus, aus der
Schönheit und dem Licht, das man auf seinem Antlitz leuchten sah. Von hier
ausgehend reifte der Wunsch, immer beim Herrn zu sein — »Herr, es ist gut, daß
wir hier sind« (Mt 17, 4) — und ihm
nachzufolgen. Jede Berufung muß in dieser Intimität mit Christus ständig reifen.
Johannes Paul II. erinnert daran und sagt: »Eure erste Aufgabe liegt deshalb
zwangsläufig auf der Linie der Kontemplation.
Jede Wirklichkeit des geweihten Lebens entsteht hier und erneuert sich täglich
in der beständigen Kontemplation des Antlitzes Christi«.77
Die Mönche und
Nonnen, wie auch auf ihre eigene Weise die Eremiten, widmen dem gemeinsamen
Gotteslob als einem fortwährenden Gebet des Schweigens einen größeren Raum. Die
Mitglieder der Säkularinstitute, wie auch die geweihten Jungfrauen in der Welt,
bieten Gott die Freuden und Leiden, die Hoffnungen und Fürbitten aller Menschen
an und betrachten das Antlitz Christi in der Geschichte, im Apostolat und in
der täglichen Arbeit. Die Ordensleute widmen sich dem Unterricht, den Kranken,
den Armen und begegnen dort dem Antlitz des Herrn. Für die Missionare und die
Mitglieder der Apostolischen Gesellschaften wird die Verkündigung des
Evangeliums nach dem Vorbild des Apostels Paulus als ein echter Gottesdienst
(vgl. Röm 1, 6) gelebt. Die ganze Kirche
freut sich am Segen der vielfältigen Gebetsformen und an der Vielfalt der
Möglichkeiten, das eine Antlitz Christi zu betrachten.
Gleichzeitig kann
man feststellen, daß das Stundengebet und die Feier der Eucharistie seit Jahren
einen zentralen Platz in jeder Form von geschwisterlicher Gemeinschaft erhalten
haben und diesen biblische und ekklesiale Kraft schenken. Sie fördern auch die
gegenseitige Erbauung und können zu einem Zeugnis dafür werden, daß sie auch
vor Gott, und mit ihm, »ein Haus und eine
Schule der Gemeinschaft« sind.78 Ein wahres geistliches
Leben verlangt, daß alle — gleich welcher Form der Berufung — regelmäßig
täglich eine geeignete Zeit dem tiefen und stillen Gespräch mit Jenem widmen,
von dem sie sich geliebt wissen, um mit ihm ihr Leben auszutauschen und Licht
zu empfangen für den weiteren Alltag. Es ist dies eine Übung, der man treu sein
muß, denn ständig sind wir von der Entfremdung und Zerstreuung der heutigen
Gesellschaft bedroht, ganz besonders von den Kommunikationsmitteln. Zuweilen
wird die Treue zum persönlichen und liturgischen Beten eine echte Anstrengung
erfordern, um nicht im Strudel des Aktivismus unterzugehen. Anders können wir
keine Frucht bringen: »Wie die Rebe nicht von sich aus Frucht bringen kann,
wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir
bleibt« (Joh 15, 4).
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