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Die Eucharistie als der
bevorzugte Ort der Begegnung mit dem Herrn
26.
Der Spiritualität einen bevorzugten Platz einräumen heißt, von der
wiedergefundenen Zentralität der Feier
der Eucharistie auszugehen, dem privilegierten Ort der Begegnung mit dem
Herrn. Dort wird er aufs neue inmitten seiner Jünger gegenwärtig, erklärt die
Schrift, erwärmt das Herz, erleuchtet den Geist, öffnet die Augen und gibt sich
zu erkennen (vgl. Lk 24, 13-35). Die
Einladung Johannes Pauls II. an die Geweihten ist besonders eindringlich:
»Meine Lieben, begegnet ihm und betrachtet ihn auf ganz besondere Weise in der
täglich gefeierten und angebeteten Eucharistie
als der Quelle und dem Höhepunkt des Lebens und des apostolischen Wirkens«.79
Im Apostolischen Schreiben Vita consecrata ruft er zur
täglichen Teilnahme am Sakrament der Eucharistie und zu deren beständigen und
anhaltenden Anbetung auf.80 Als Gedächtnis des Opfertodes
des Herrn und als Herz im Leben der Kirche und jeder Gemeinschaft gestaltet die
Eucharistie von innen her die erneuerte Hingabe der eigenen Existenz, den
gemeinschaftlichen Lebensplan und die apostolische Sendung. Wir alle brauchen
diese tägliche Wegzehrung der Begegnung mit dem Herrn, um unsere Alltäglichkeit
in die Zeit Gottes einzufügen, der durch die Gedächtnisfeier der österlichen memoria des Herrn gegenwärtig wird.
Hier kann die Intimität mit Christus in Fülle gelebt
werden, das Gleichwerden mit ihm, die
vollständige Gleichförmigkeit mit ihm,
zu der die Geweihten berufen sind.81 In der Eucharistie
verbindet Christus uns tatsächlich mit sich selbst in seiner österlichen
Hingabe an den Vater: wir opfern und sind selbst Geopferte. Die Weihe zum
Ordensleben selbst nimmt eucharistische Züge an: sie ist eine völlige Hingabe
seiner selbst und ist aufs engste mit dem eucharistischen Opfer verbunden.
Hier treffen alle
Formen des Gebets zusammen, hier wird das Wort Gottes verkündet und angenommen,
hier sind wir aufgerufen zu einer Beziehung zu Gott, mit den Brüdern und mit
allen Menschen: es ist das Sakrament der Kindschaft, der Geschwisterlichkeit
und der Sendung.
Als Sakrament der
Einheit in Christus ist die Eucharistie gleichzeitig Sakrament der kirchlichen
Einheit und der Einheit der Geweihten. Letztlich erscheint sie als die »Quelle der
Spiritualität für den einzelnen und für das Institut«.82
Damit die
Eucharistie aber die erhofften Früchte der Gemeinschaft und der Erneuerung in
Fülle erbringe, dürfen die wesentlichen Voraussetzungen nicht fehlen, vor allem
die gegenseitige Vergebung und die gegenseitige Liebe. Bevor wir die Opfergabe
zum Altar bringen, ist nach der Weisung des Herrn die völlige Aussöhnung mit
dem Bruder gefordert (vgl. Mt 5, 23).
Man kann nicht das Sakrament der Einheit feiern und dabei sich gegenseitig
gleichgültig bleiben. Man muß ferner auch bedenken, daß diese wesentlichen Voraussetzungen auch die Frucht und das Zeichen für eine würdig
gefeierte Eucharistie sind. Denn vor allem aus der Gemeinschaft mit dem
eucharistischen Herrn schöpfen wir die Fähigkeit, unseren Einsatz für unsere
Verlebendigung in der gegenseitigen Annahme und im Dienst zu erneuern. Dann
gilt für die Feier der Eucharistie tatsächlich und auf hervorragende Weise die
Verheißung Christi: »Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, bin ich
mitten unter ihnen« (Mt 18, 20), und
in Verbindung mit ihr erneuert sich die Gemeinschaft Tag für Tag.
Unter solchen
Bedingungen wird die Gemeinschaft der Geweihten, die das in der Eucharistie
täglich erneuerte Ostergeheimnis feiert, zum Zeugnis für Gemeinschaft und zum
prophetischen Zeichen der Geschwisterlichkeit angesichts einer gespaltenen und
verwundeten Gesellschaft. Aus der Eucharistie entsteht jene Spiritualität der
Gemeinschaft, die notwendig ist für die Durchführung des Dialogs der Liebe, dessen
die Welt so sehr bedarf.83
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