|
Die Spiritualität der
communio
28.
Wenn »das geistliche Leben im Plan der Familien des geweihten Lebens an erster
Stelle stehen muß«,89 dann wird es vor allem eine
Spiritualität der communio sein müssen, wie es dem gegenwärtigen Zeitpunkt
angemessen ist: »Die Kirche zum Haus und zur Schule der communio machen, darin
liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor uns
steht, wenn wir dem Plan Gottes treu sein und auch den tiefgreifenden
Erwartungen der Welt entsprechen wollen«.90
Auf diesem Weg
der ganzen Kirche wird vom geweihten Leben, kraft dessen spezifischer Berufung
zu einem Leben der Gemeinschaft in der Liebe, ein entscheidender Beitrag
erwartet. So sagt Vita consecrata: »Von den
Personen des geweihten Lebens wird erwartet, daß sie tatsächlich Experten der
Gemeinschaft sind und deren Spiritualität leben als Zeugen und Baumeister jenes
Planes von Gemeinschaft, der nach Gottes Willen am Höhepunkt der Geschichte des
Menschen steht«.91
Es sei auch daran
erinnert, daß es eine Aufgabe der heutigen Gemeinschaften des geweihten Lebens
ist, »die Spiritualität vor allem innerhalb der eigenen Gemeinschaft, und dann
auch in der kirchlichen Gemeinschaft und über deren Grenzen hinaus dadurch zu
stärken, daß es vor allem dort, wo die heutige Welt von Rassenhaß oder
mörderischem Wahn zerrissen ist, den Dialog der Liebe eröffnet bzw. immer
wieder aufnimmt«.92 Eine Aufgabe, die spirituelle
Persönlichkeiten voraussetzt, die innerlich vom Gott der liebevollen und barmherzigen
Gemeinschaft geprägt sind, sowie reife Gemeinschaften, in denen die
Spiritualität der communio Lebensnorm ist.
29.Doch
was ist Spiritualität der communio? Mit einprägsamen Worten, die fähig sind,
Beziehungen und Programme zu erneuern, sagt Johannes Paul II.: »Spiritualität
der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis
der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem
Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muß.« Und
Weiter: »Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem die Fähigkeit, den
Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des mystischen Leibes
erkennen, d.h.: es geht um einen der zu
mir gehört...« Aus diesem Prinzip folgen mit zwingender Logik einige
Folgerungen betreffs des Fühlens und Handelns: die Freuden und Leiden des
Bruders teilen; seine tiefen Wünsche erahnen und sich seiner Bedürfnisse
annehmen; eine echte und tiefe Freundschaft anbieten. Spiritualität der
Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu
sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen; heißt schließlich,
dem Bruder Raum geben können, indem einer des anderen Last trägt. Ohne diesen
geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen.93
Die Spiritualität
der Gemeinschaft stellt sich auch als ein spirituelles Klima der Kirche am
Beginn des dritten Jahrtausends dar, als eine aktive und beispielhafte Aufgabe
des geweihten Lebens auf allen Ebenen. Es ist der wichtigste Weg in eine
Zukunft, die Leben und Zeugnis bedeutet. Die Heiligkeit und die Sendung führen
über die Gemeinschaft, weil Christus in ihr und durch sie gegenwärtig wird. Der
Bruder und die Schwester werden zum Sakrament Christi und der Begegnung mit
Gott, werden zur konkreten Möglichkeit und, mehr noch, zur unverzichtbaren
Notwendigkeit, um das Gebot der gegenseitigen Liebe und somit der
trinitarischen Liebe zu leben.
In diesen Jahren
werden die Gemeinschaften und die verschiedenen Formen der Fraternitäten der
Geweihten immer mehr als Stätten der Gemeinschaft verstanden, an denen die
Beziehungen weniger formal und die gegenseitige Annahme und das Verständnis
leichter sind. Man entdeckt auch wieder den göttlichen und menschlichen Wert
des Beisammensein als Geschenk, wie die Jünger bei Christus waren, dem Meister,
in Freundschaft, und wo auch Augenblicke der Entspannung und der Unterhaltung
gemeinsam sind.
Eine intensivere
Gemeinschaft wird auch unter den verschiedenen Gemeinschaften innerhalb der
Institute festgestellt. Die multikulturellen und internationalen
Gemeinschaften, die »berufen sind den Sinn für die Gemeinschaft unter den
Völkern, Rassen und Kulturen zu bezeugen«,94 sind vielerorts
bereits positive Wirklichkeit, wo gegenseitige Kenntnis, Respekt, Wertschätzung
und Bereicherung erlebt wird. Es gibt Orte der Einübung der Integration und der
Inkulturation und gleichzeitig des Zeugnisses der Universalität der
christlichen Botschaft.
Das Apostolische
Schreiben Vita consecrata stellt
diese Lebensform als ein Zeichen der
Gemeinschaft innerhalb der Kirche vor und weist auf den ganzen Reichtum und
die Erfordernisse des brüderlichen Lebens hin. Zuvor hatte unser Dikasterium
das Dokument Congregavit nos in unum
Christi amor über das Geschwisterliche Leben in Gemeinschaft verabschiedet.
Auf diese Dokumente sollte jede Gemeinschaft regelmäßig zurückgreifen, um den
eigenen Glaubensweg und den Fortschritt in der Brüderlichkeit zu überprüfen.
|