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In der Phantasie der Liebe
36.
Durch die Jahrhunderte hindurch war die Caritas für die Geweihten stets jener
Bereich, in dem das Evangelium konkret gelebt wurde.
In ihr haben sie
die prophetische Kraft ihrer Charismen und den Reichtum ihrer Spiritualität in
der Kirche und in der Welt zur Entfaltung gebracht.118 Sie
verstanden sich ja als dazu gerufen, »Sichtbarwerden der Liebe Gottes«119
zu sein. Diese Dynamik muß weiterhin in kreativer Treue wirksam bleiben, denn
in der Pastoralarbeit der Kirche ist sie eine durch nichts zu ersetzende Kraft.
In einem Augenblick, da nach einer neuen Phantasie
der Liebe und nach einem echten und glaubwürdigen Beweis der Liebe des
Wortes durch jene der Werke gerufen wird,120 blickt das
geweihte Leben mit Bewunderung auf die apostolische Kreativität, die die
tausenderlei Gesichter der Liebe und der Heiligkeit in ganz spezifischen Formen
erblühen ließ; dennoch ist die Dringlichkeit unverkennbar, mit der Kreativität
des Geistes die Welt weiterhin mit neuen Formen tätiger evangelischer Liebe für
die Bedürfnisse unserer Zeit zu überraschen.
Das geweihte
Leben will seine Charismen und Traditionen neu bedenken, um sie in den Dienst
der neuen Fronten der Evangelisation zu stellen. Es geht darum, den Armen nahe
zu sein, den Alten, den Drogenabhängigen, den Aidskranken, den Vertriebenen und
jenen, die besonderer Umstände wegen jede Form von Leid erfahren. Mit einer
Aufmerksamkeit, die auf die veränderten Modelle achtet — denn eine Betreuung
allein genügt nicht mehr — muß man schauen, die Ursachen dieser Nöte
auszurotten. Die Armut der Völker ist durch die Ambitionen und die
Gleichgültigkeit vieler und durch Strukturen der Sünde verursacht, die auch
durch einen ernsthaften Einsatz im Bereich der Erziehung beseitigt werden
müssen.
So viele alte und
neue Gründungen führen die Geweihten an Orte, zu denen andere nicht vordringen
können. In diesen Jahren sind Ordensleute fähig gewesen, die Sicherheiten des schon bekannten zu verlassen und sich
auf unbekannte Gebiete und Betätigungen hin auszurichten. Dank ihrer völligen
Weihe sind sie ja frei, um überall dort einzugreifen, wo die Situation kritisch
ist, wie es die jüngsten Gründungen in den neuen Ländern, die besondere
Herausforderungen stellen, beweisen, wobei gleichzeitig mehrere Ordensprovinzen
einbezogen und internationale Gemeinschaften eingerichtet werden. Mit
aufmerksamem Blick und einem großem Herzen121 haben sie den
Ruf so vielen Leids in eine konkrete Diakonie der Liebe aufgenommen. Überall
haben sie ein Band zwischen der Kirche und Randgruppen, die von der
ordentlichen Pastoral nicht erreicht werden, hergestellt.
Selbst einige
Charismen, die längst vergangenen Zeiten zu entsprechen schienen, erhalten neue
Bedeutung in dieser Welt, die Frauenhandel und Handel mit Kindersklaven kennt,
während die Kinder oft Opfer von Mißbrauch werden und Gefahr laufen, auf der
Straße zu enden und in Kindermilizen rekrutiert zu werden.
Heute herrscht in
der Ausübung des Apostolats eine größere Freiheit, eine bewußtere Ausstrahlung,
eine Solidarität, die es versteht, sich durch Menschennähe auszudrücken, sich
ihrer Probleme anzunehmen um dann in großer Wachheit für die Zeichen der Zeit
auf ihre Bedürfnisse zu antworten. Diese Vermehrung der Initiativen hat
bewiesen, wie wichtig eine gute Planung in der Mission ist, wenn man nicht nur
improvisieren, sondern organisch und effektiv wirken möchte.
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